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Majestätischer Rückzugsort im Starnberger See – Die Roseninsel

„Die köstlichsten Sorten der Königin der Blumen in einer unglaublichen Fülle von Exemplaren verbreitet zur Zeit der Blüte fast einen berauschenden Duft. Den die ganze Insel bedeckenden Garten schloß ringsum eine hohe Hecke von Bäumen und Gebüsch hermetisch gegen die Außenwelt ab; kein Blick Vorüberfahrender vermochte diese verhüllende Wand zu durchdringen, nicht einmal die Landungsstelle des königlichen Schiffes konnte man deutlich erkennen.“ So schildert ein Zeitzeuge Ludwigs II. seine Eindrücke der Roseninsel oder der Insel Wörth, wie sie offiziell heißt.

Die schön angelegten Wege durch die kleine parkähnliche Inselanlage luden zum Flanieren ein. Die Villa im Zentrum der Insel, bot den nötigen Komfort. Im Vergleich zu anderen königlichen Bauten war das Casino, wie die Villa auch genannt wurde, eher schlicht eingerichtet. Die unmittelbare Verbindung zur Natur stand hier im Vordergrund. Waren alle Türen des Erdgeschosses geöffnet, entstand ein fast fließender Übergang von den königlichen Räumen in die königlichen Gärten.

Die kleine Insel im Starnberger See war für Ludwig in den ersten Jahren seiner Regentschaft einer seiner liebsten Rückzugsorte. Die meisten privaten Refugien, die der König in späteren Jahren vollkommen allein nutzte, mussten schließlich erst noch geplant und gebaut werden. Die Roseninsel bot genau die Einsamkeit, die Ludwig stets suchte. Weilte er im Schloss Berg am Starnberger See, ließ er sich beinahe täglich auf die Insel bringen, um hier ungestört den Tag zu verleben. Doch im Gegensatz zu seinen späteren Schlössern, in denen der König zu Lebzeiten nur ausgesprochen wenige Gäste empfing, wurden auf die Roseninsel einige illustre Gäste eingeladen. Beispielsweise der Komponist Richard Wagner, die russische Zarin Maria Alexandrowna oder auch der preußische Kronprinz erhielten hier einen königlichen Empfang durch Seine Majestät.

Der wohl bekannteste Gast Ludwigs war zweifellos seine Großcousine Sisi, die Kaiserin von Österreich. Wie Ludwig besuchte auch Elisabeth über einen langen Zeitraum beinahe jährlich den Starnberger See. Während ihrer Aufenthalte residierte sie allerdings nicht im Schloss Possenhofen, dem Schloss ihrer Eltern, sondern nutze einige Zimmer des Hotels Strauch in Feldafing. Auch in Abwesenheit des Königs fuhr sie nahezu täglich auf das Eiland. Sisi genoss die idyllische Lage und Abgeschiedenheit der Roseninsel. Genau wie ihr Vetter Ludwig fühlte sie sich in ihrer Stellung nicht wohl und schätze jeden privaten Moment. Aufgrund dieser Tatsache gewährte ihr Ludwig uneingeschränkten Zutritt zu seiner Insel. Kaum zu glauben, aber die beiden trafen sich dort nur wenige Male persönlich.

Weitaus öfter waren deren Begegnungen in Possenhofen, wenn die Kaiserin ihre Mutter, Herzogin Ludovika, in Bayern besuchte. Dort stattete Ludwig II. Sisi den ein oder anderen Besuch ab. Allerdings unter meist merkwürdigen Bedingungen, denn der König wünschte außer Elisabeth niemanden zu sehen. Alle anderen Familienmitglieder hatten sich so zu verhalten, dass sie dem Monarchen nicht unter die Augen kamen. Selbst die Hausherrin des Schlosses, Sisis Mutter, durfte sich nicht zeigen. Wie man sich vorstellen kann, fügten sich nicht alle Familienmitglieder und Bediensteten diesem Befehl und versuchten einen Blick auf den König zu erhaschen. Eine Hofdame Elisabeths notierte im Laufe der Jahre die drastischen körperlichen Veränderungen des Monarchen, dessen schlanke, große und gutaussehende Figur stetig in die Breite wuchs.

Im Juni 1885 besuchte Sisi erneut allein die Roseninsel und platzierte dort einen versiegelten Brief für den König. Doch erst drei Monate später erfuhr Ludwig von ihrem Geschenk. „Seit Jahren erfolgte meinerseits kein Besuch der Roseninsel, erst vor ein paar Tagen erfuhr ich, welche Freude dort meiner harrt. Auf diese Nachricht hin flog ich eilends nach dem idyllischen Eiland und fand dort den theuren Gruß der See-Möwe! Tiefsten, innigsten Dank!“ schrieb er an die Kaiserin. Sisi hatte ihm ein Gedicht mit dem Titel „Gruss von der Nordsee“ hinterlassen. Darin hieß es: „Du Adler, dort oben auf den Bergen, / Dir schickt die Möwe der See / Einen Gruss von schäumenden Wogen / Hinauf zum ewigen Schnee. / Einst sind wir einander begegnet / Vor urgrauer Ewigkeit / Am Spiegel des lieblichsten Sees, / Zur blühenden Rosenzeit. / Stumm zogen wir nebeneinander / Versunken in tiefe Ruh´/ Ein Schwarzer nur sang seine Lieder / Im kleinen Kahne dazu.“

Ludwig antwortete ebenso in Reimform in einem Brief, den er auf der Roseninsel verfasste: „Der Möwe Gruss vom fernen Strand / Zu Adlers Horst den Weg wohl fand. / Er trug auf leisem Fittigschwung / Der alten Zeit Erinnerung. / Da rosenduftumwehte Buchten / Möwe und Adler zugleich besuchten, / Und, sich begegnend in stolzem Bogen, / Grüssend aneinander vorüberzogen. / Zur Bergeshöh´ zurückgwandt, / Denkt Aar der Möwe am Dünenstrand, / Und rauschend entsenden seine Flügel / Fröhlichen Gruss zum Meeresspiegel.“

Dass sich die beiden hohen Herrschaften gut verstanden, wird durch diese Zeilen deutlich, doch die Wahrscheinlichkeit einer Liebesbeziehung zwischen dem bayerischen König und der österreichischen Kaiserin muss in das Reich der Legenden verbannt werden.

Ein letztes Mal verweilte Ludwig im Sommer 1886 am Starnberger See. Aber nicht als Gast, sondern als Patient. Im seichten Wasser des Ufers treibend, fand man am 13. Juni die Leiche des Königs. Auch damals verbrachte Sisi einige Tage in Feldafing, am gegenüberliegenden Ufer. Nachdem sie vom Tod des Königs erfahren hatte, dichtete sie: „Du sandtest mir blühende Rosen / Einst über den lieblichsten See / Mit Zweigen des weissen Jasmines, / Gleich duftendem Nachtwinterschnee. / Doch jüngst erst band ich dir ein Sträusschen / Aus duftendem weissen Jasmin; / Sie brachten´s wohl über das Wasser, / Sie legten aufs Herz es dir hin. / Drauf wand ich aus blühenden Rosen / Den Kranz von berauschendem Duft, / Den trug ich voll Sorgfalt und Liebe / Hinab in die dunkelnde Gruft. / Dort habe ich Abschied genommen / Und drückte noch leise zum Schluss, / Mein unvergesslicher König, / Auf deinen Sarg einen Kuss.“

Text: Vanessa Richter
Foto: Wikipedia

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