KulturLeben

Von Töpfen, Pfannen und menschlichen Tischen

Königlich und bürgerlich. Zwei Gesellschaftsschichten mit vielen Unterschieden. Ein Aufeinandertreffen dieser ungleichen Welten konnte viele Probleme mit sich bringen, da völlig normale Situationen aus Sicht des anderen sonderbar oder gar bizarr erschienen. Wie harmonisch jedoch eine Begegnung, aller Gegensätze zum Trotz, sein konnte, zeigt die Freundschaft Königin Thereses von Bayern, der Großmutter König Ludwigs II., mit der bürgerlichen Auguste Escherich.

Die beiden Frauen lernten sich anlässlich einer größeren Audienz in der Münchner Residenz kennen. Königin Therese übernahm das Protektorat eines Wohltätigkeitsvereins, bei dem Auguste Escherich Mitglied war. Durch ihre natürliche und offene Art stach sie unter den fast hundert Frauen heraus, die aus allen Gesellschaftsschichten gekommen waren, um der Königin vorgestellt zu werden. Die wenigen Worte, die Frau Escherich mit Therese von Bayern wechselte, hinterließen einen solch bleibenden Eindruck, dass sie durch die königliche Obersthofmeisterin gebeten wurde, nach der Audienz noch kurz zu bleiben. Die Münchnerin war völlig überrascht von dieser Bitte. Sie konnte sich nicht erklären, was die hohe Frau von ihr wollte. Die Königin aber war sehr interessiert am Leben der bürgerlichen Frau.

„Und dann begann sie mich über alles Mögliche auszufragen: über meine Familie, meine Kindheit, meine Jugend, meinen Mann – wohl eine Viertelstunde lang, aber alles im Stehen, denn eine Sitzgelegenheit war nicht in dem Audienzraum.“ Die Königin wünschte sich, Frau Escherich wiedersehen zu können, betonte aber, dass es ihr eigentlich „nicht erlaubt ist, mit einer Dame aus der Stadt zu verkehren ohne besondere Erlaubnis von Seiner Majestät. (…)“. Und so kam es, natürlich mit Einverständnis des Königs Ludwig I., dass Auguste Escherich kurze Zeit später ihre erste Einladung in die Residenz erhielt. Durch die Schilderungen ihrer Besuche entstand ein anschauliches Bild vom Leben im imposanten Münchner Stadtschloss. Allerdings sah Frau Escherich nur die Repräsentationsräume Thereses. Einen tieferen Einblick, wie beispielsweise in das private Appartement der Königin, erhielt sie nie. Ihren Gast dorthin zu führen, war der Königin nicht gestattet. Auguste Escherich beschreibt die Audienzräume der Königin als prachtvoll, aber kühl, ohne Möbel, ohne persönliche Gegenstände, ohne Gemütlichkeit oder Behaglichkeit. „Allmählich führte sie mich auch in ihr zweites und drittes Empfangszimmer. Einrichtungsmöbel gab es auch dort nicht. Sobald aber bestimmt war, in welchem Zimmer die Königin mich empfangen wollte, wanderte das unvermeidliche, kleine Sofa wieder mit.“

Dass das kleine Sitzmöbel jedes Mal aufs Neue aufgestellt wurde, zeigt, welchen besonderen Stellenwert der Freundschaft mit Frau Escherich beizumessen ist. Bei den „normalen“ Audienzen war das Sitzen nämlich nicht gestattet. Trotzdem kommt man nicht umhin zu bemerken, dass es wohl ein eher sonderbares Bild ergab, wie die beiden Damen in den riesigen, sehr prachtvollen, aber leeren Sälen gemeinsam auf dem kleinen Sofa saßen und sich über Gott und die Welt unterhielten. Nicht nur diese Situation empfand Frau Escherich als ungewöhnlich. Das Hofleben in der Residenz hielt aus Sicht der bürgerlichen Frau stets eine eigenartige Begebenheit bereit. So erzählt sie: „Plötzlich mitten in unsere Unterhaltung hinein, ging die Türe auf und ein Lakai kam herein mit einem ungeheuer großen, silbernen Tablett, darauf allerlei Schälchen in Puppenzimmerformat standen, auf dem einen lagen zwei Radieschen, auf dem anderen zwei halbe Semmelchen, auf einem ganz kleinen dritten Salz, auf einem vierten Butter. Außerdem waren noch zwei leere Tellerchen da und zwei winzige Messerchen. Und der Lakai stolzierte mit gravitätischen Schritten auf uns zu und machte dann so vor uns halt – den Präsentierteller vorgestreckt -, daß er den Tisch vertrat, denn solch ein Möbel war im Zimmer nicht zu finden. Und keine Bewegung seines Gesichts, keine leise Schwankung seiner Arme verriet, daß er ein Mensch aus Fleisch und Blut sei – er war nur der Tisch, auf dem die Aufwartung aufgetragen stand.“ Nachdem die beiden Frauen still ihre kleinen Portionen verspeist hatten, stellten sie ihre leeren Teller wieder auf dem großen Silbertablett ab, das der Diener nach wie vor regungslos hielt. Schließlich „verschwand der Lakai wieder ebenso geräuschlos, aber gravitätisch wie er gekommen.“

Im Laufe der Zeit wurde Frau Escherich zu einer Vertrauten der Königin. Sie verriet ihr viel aus ihrem Alltag und schüttete ihr auch hin und wieder das Herz aus. Durch diese Erzählungen erkannte Auguste mehr und mehr, dass die Vorstellung der Menschen vom königlichen Leben nur wenig mit der Realität zu tun hatte. Thereses Freiheiten waren sehr begrenzt. Üblicherweise wurde ihr gesagt, was sie zu tun hatte, wen sie wann treffen sollte und wie lange diese Treffen dauern durften. Ihr Leben war fast vollständig fremdbestimmt. Man konnte sogar sagen, dass die Königin weit weniger Freiheiten genoss als beispielsweise Frau Escherich. Königin Therese musste in nahezu allen Belangen, auch die, den gewöhnlichen Alltag betreffend, ihren Ehemann um Erlaubnis bitten.

Da König Ludwig I. sich jedoch einen großen Teil des Jahres im Ausland aufhielt, hatte sie keine andere Wahl, als ihre Bitten per Brief und Kurier zu stellen. So war es nicht selten der Fall, dass die Antwort tagelang auf sich warten ließ. Selbst wenn es nur darum ging, dass die Königin ein neues Kleidungsstück benötigte. „(…) Sie kennen meine Kassenverhältnisse nicht. Nach dem Zehnten jedes Monats kann ich über keinen Pfennig mehr verfügen. Und schon am Ersten des nächsten Monats ist wieder alles vorausbestimmt und eingeteilt. Wenn ich einmal ein größeres Toilettenstück notwendig habe, muß ich mich immer bittweise an meinen Ludwig wenden. (…); der berät auch gleich mit dem Kabinettssekretär. (…)“.
Die Treffen der Freundinnen fanden nicht ausschließlich in den königlichen Räumen statt. Eines Tages äußerte Therese den Wunsch, das Zuhause von Frau Escherich sehen zu dürfen. „(…) Ich war zum Beispiel mein ganzes Leben noch in keiner Küche. Würden Sie mir das einmal zeigen?“. Die Freundin stimmte gerne zu. Und so kam es, dass die Königin wenige Tage später, selbstverständlich erst nach erhaltener Erlaubnis ihres königlichen Gemahls, das erste Mal überhaupt mitten in einer Küche stand. „Und bei allen Geschirren fragte sie, zu was sie gehörten, und war entzückt von den blinkenden Kupfermöbeln an der Wand und dem blitzenden Messingbeschlag des Herdes und jubelte wie ein Kind über Eisenpfannen und Blechgeschrirr und Wassereimer und konnte sich nicht satt sehen an meinen Vorräten in Mehl, Gerste, Kaffee und Reis und Rosinen.“

Die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Frauen währte lange Zeit, bis die Abdankung König Ludwig I. im Jahr 1848 alles veränderte. Der ehemalige König verließ mit seiner Frau Therese die Residenz, um sich erst einmal längere Zeit außerhalb von München aufzuhalten. Königin Therese von Bayern und Frau Auguste Escherich sahen sich nie wieder. In Füssen erinnert die Theresienbrücke bis heute an diese besondere Königin Bayerns.

Text: Vanessa Richter
Fotos: Wikipedia

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