Kolumne

Im Beserlpark

Neulich in Wien:

Ich spaziere durch eine kleine, verwinkelte Straße im siebten Bezirk. Die Straße hat etwas von einem länglichen, bunten Beserlpark- also einem Hinterhof. Das hier ist ein besonderer Ort, an dem man sich trifft, zusammensitzt, lacht, redet und zwischendrin an der Melange nippt.

Ein Ort, an dem sich Street Art und kühne zeitgenössische Architektur vereinen wie zwei Verliebte, ein Ort, an dem Wörter wie Abenteuer klingen: Flamo, abstrudeln, Zwutschkerl, Bussi Baba und dann die Kurvn krotzn.

Das unverkennbare Highlight hier ist neben der Sprache die familiengeführte Buchhandlung vor der ich sitze. Das mehrstöckige Gebäude fasziniert mich. Die Fenster sind schmal und lang, die Fassade leuchtet in kaminrot, überall Stuck und Verzierungen- es ist mehr ein Palais als „bloß“ ein Haus in seinen besten Jahren.

Aus der ersten Etage weht die Regenbogenflagge. Ein Straßenmusiker um die Ecke spielt eine Mischung aus Jazz und Electro. Auf den ersten Blick sieht er aus wie jemand, der inmitten einer Abendgesellschaft über den polierten Dielenboden tanzt. Und auf den zweiten Blick sieht er einfach aus wie ein Kerl, der liebt, was er macht.

Ich bin eine stille Beobachterin. Womöglich könnte man das als ein Hobby bezeichnen. In Wahrheit ist es eine Leidenschaft. Ich bin eine geborene Beobachterin, oder wie Theodor Fontane einmal sagte: „Dinge beobachten gilt mir beinah mehr als sie besitzen, und so hat man schließlich seinen Glück- und Freudeertrag wie anscheinend Bevorzugtere.“

Auf einer Bank neben mir sitzt eine Frau. Sie sieht sympathisch aus und gleichzeitig wirkt sie streng. Ihre Pumps sind hoch und ihr Dutt noch höher. Vielleicht ist sie eine Bankerin, oder Dozentin, vielleicht auch eine Anwältin, oder aber eine Gärtnerin, die den Kontrast liebt.

Ein paar Häuser weiter habe ich mir vorhin frisch gebrühten Matetee besorgt. Der Becher wärmt meine Hände und ich denke an die Worte des Verkäufers im Teehaus: „Mate stärkt die Schlagkraft deines Herzens und regt dein zentrales Nervensystem an.“ Übersetzt bedeutet das wohl so viel wie: Koffeinkick.
Gerade denke ich daran, wie gut es ist, etwas zu haben, an dem man sich festhalten kann- und wenn es nur ein Becher Koffein ist.

Die Frau neben mir unterbricht meinen Gedankengang als sie mich mit einem Lächeln fragt:
„Stört’s dich?“ sie streckt mir ihr Display mit dem Hörbuchtitel „Traumreise mit Christian“ entgegen.
Christian klingt wie Bruce Willis mit Halsschmerzen. Er legt los: „Schließe deine Augen! Meine Stimme wird bei dir sein, bis zu deiner Rückkehr…“

Wien; ich bin glücklich.

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