Gesundheit

Sich selbst ehrlich einschätzen

Viele mussten zwangsweise lange auf Training und Bewegung verzichten. Das macht diesen Sport-Sommer anders. Chefarzt Dr. Manuel Däxle leitet als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie seit Jahresbeginn die Chirurgie an der Klinik Füssen. Er wuchs in Seeg auf, ist mit der Region verbunden und mit seiner Frau und den beiden Kindern sport- und bergbegeistert. Als Skifahrer und Langläufer schränkte die Corona-Pandemie auch seine Aktionen im Winter stark ein. Daher ist es ihm ein Anliegen, über die Besonderheiten einer nach Lockdowns und weiteren Einschränkungen speziellen Saison zu sprechen.

Herr Dr. Däxle, wie sieht die Lage der Sommer-Sportler nach dem Corona-Winter und -Frühjahr aus?

Für viele Sportler, deren Saison größtenteils im Sommer stattfindet, gibt es ja normalerweise Wintertraining. Dabei gehen die Trainer zielgerichtet auf die Anforderungen des Sports ein. Das fehlt natürlich. Daher gilt es jetzt, durch gezieltes Aufbautraining und Einüben der Bewegungsabläufe, Verletzungen vorzubeugen, auch im Jugendbereich. Gutes Training senkt das Verletzungsrisiko im Sinne von Prävention. Auch Kindern fehlt der Sport mit seiner sozialen Komponente übrigens extrem. Das merken wir auch zuhause mit unseren beiden „Turnern“.

Was hat es noch für Auswirkungen, lange nicht wie gewohnt trainieren zu können?

Es fehlt ja nicht nur das gezielte Training, sondern unter Umständen der gewohnte Sportumfang überhaupt. Dies spürt man auch selbst da ich, wie so viele andere, etwa nicht Skifahren und nur begrenzt Langlaufen konnte. Natürlich kann man auf andere Sportarten ausweichen, zum Beispiel auf Ski- oder Schneeschuhtouren, aber vertraute sportliche Aktivitäten fehlen unter Umständen und die Bewegung erfolgt bei vielen weniger kontinuierlich.

Wie sollten denn beispielsweise Wanderer und Bergsteiger mit der Situation umgehen?

Viele Sportler möchten nach einer längeren Pause besonders aktiv sein und einiges nachholen. Dies kann leider auch Gefahren beinhalten. Jeder sollte sich seiner aktuellen sportlichen Verfassung bewusst sein und sich eingestehen, dass das eigene Fitness-Niveau vielleicht nicht wie gewohnt ist. Es ist sicher sinnvoll sich jetzt zu testen, sich Zeit nehmen und hinterfragen: Wie fit bin ich wirklich? Denn wir alle haben bestimmte Touren im Kopf abgespeichert, müssen uns aber fragen, ob wir diese wirklich wie gewohnt sofort angehen können.

Welche medizinischen Herausforderungen sehen Sie auf sich und ihre Kollegen zukommen?

Viele Menschen werden im eigenen Land sportlich aktiv sein und zum Beispiel mit dem Rad Urlaub machen. Dies ist absolut positiv zu sehen, übrigens auch mit dem EBike, weil es beispielsweise auch Älteren das Radfahren wieder ermöglicht. Aber wir stellen natürlich auch fest: Wo mehr Menschen unterwegs sind und Sport treiben, passiert auch öfter etwas. Durch die Motorunterstützung kommen die Leute schneller in ein Terrain, das sie von der Fahrtechnik her an ihre Grenzen bringt. Die Folge davon sind dann leider Stürze. Was unter Umständen fehlt, ist sich schrittweise an einen höheren Schwierigkeitsgrad heran zu arbeiten.

So ein E-Bike wiegt ja auch ganz schön viel – führt das zu Problemen?

Wir hatten bereits Fälle, wo sich Menschen beim Schieben ihres E-Bikes über Hindernisse verletzt haben oder über Unebenheiten im Gelände stürzten. Andere wiederum verloren beim Heben über ein Hindernis das Gleichgewicht. Zusätzlich sehen wir bei Älteren häufiger schwere Kopfverletzungen, weil das Reaktionsvermögen bei einem Sturz verlangsamt ist. Das alles soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Radfahren ein in jeder Form nahezu optimaler Sport ist. Er findet an der frischen Luft statt, man trainiert das Herz-Kreislauf-System, die Muskulatur und die Koordination. Dabei gilt nur immer wieder, sich selbst ehrlich einzuschätzen und die Anforderungen schrittweise zu steigern.

Was können wir denn Positives aus dem vergangenen Winter und Frühjahr mitnehmen?

Der Trainingseffekt verliert sich leider nach einer gewissen Zeit. Aber vielleicht haben wir gelernt, dass es immer auch sportliche Alternativen gibt und, dass es sich lohnt, diese zu testen. Nehmen wir als Beispiel das Training zuhause: Hierzu gibt es wirklich gut angeleitete Konzepte. Ich habe selbst bemerkt, dass es richtig Spaß machen kann Neues auszuprobieren. Sicher ist uns aber auch durch den Mangel an Möglichkeiten wieder bewusst geworden wie viel Spaß Sport im Freien oder im Team bringt. Ergänzende Bewegung zu unserem üblichen Sport macht jedoch immer Sinn. Ich bin zuversichtlich, dass wir im nächsten Winter wieder die Skier anschnallen können, sind uns vielleicht aber auch bewusst, dass zusätzliches Training zuhause durchaus positive Auswirkungen haben kann.

Text/Bild: PM Kliniken Ostallgäu-Kaufbeuren

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