BrauchtumLeben

Die erste Wiesn

In der langen Geschichte des Münchener Oktoberfestes kam es nicht oft vor, dass die „Wiesen“ gänzlich abgesagt wurde. Im außergewöhnlichen Jahr 2020 müssen wir jedoch coronabedingt auch auf das berühmteste Volksfest der Welt verzichten.
Dass sich dieses Fest solch großer Beliebtheit erfreut und über 200 Jahre fast jährlich wiederholt wird, hätte wohl bei seiner Entstehung im Oktober 1810 niemand vermutet.

Genauer gesagt am 17. Oktober 1810 veranstaltete die bayerische Nationalgarde ein Pferderennen zu Ehren der königlichen Hochzeit des Kronprinzen Ludwig und seiner Braut Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen auf der weiten, unbebauten Fläche „vor dem Sendlinger Thore, seitwärts der Straße, die nach Italien führt“. Bayern war erst vier Jahre zuvor zum Königreich erhoben worden.

Durch zahlreiche Kriege, die Umwälzungen, durch die Erhebung zum Königreich und die damit verbundene Umorganisation im Verwaltungsapparat war das bayerische Volk sehr beansprucht worden. Das Leben der Bevölkerung war nicht leicht und sehr unstet. Auch die neue Verbindung zu Napoleon und Frankreich wurde nicht nur positiv wahrgenommen. Das Königshaus betrachtete diese erste königliche Hochzeit nicht nur als freudiges Ereignis für die königliche Familie selbst, viel mehr verstanden König Max I. Joseph und sein Minister Montgelas dieses Fest als Chance, dem bayerischen Volk für seine Treue zu danken und ihre Verbundenheit zu stärken.
Am 12. Oktober 1810, am Namenstag von König Max I. Joseph, dem Vater des Bräutigams, gaben sich Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen in der Hofkapelle der Münchener Residenz das Ja-Wort. Die ganze Stadt war wunderschön und sehr aufwändig dekoriert und beleuchtet, als um sieben Uhr abends das Läuten sämtlicher Glocken und der Donner von Kanonenschüssen den Moment der Trauung verkündeten.

Das junge Brautpaar, Ludwig vierundzwanzig, Therese achtzehn Jahre alt, war sich durchaus zugetan, jedoch wäre der Ausdruck „Liebeshochzeit“ nicht zutreffend. Ludwigs Beweggründe, schnellstmöglich in den Hafen der Ehe einzulaufen, hatten ganz andere Motive als Liebe. Ihn bedrückte und verängstigte die übermächtige Heiratspolitik Napoleons. War man einmal in diesen Strudel hineingeraten, gab es kein Entrinnen mehr. Jahre zuvor musste er miterleben, wie seine Schwester ein „Opfer“ dieser Politik wurde. Auguste hatte Napoleons Stiefsohn Eugene de Beauharnais heiraten müssen, den sie erst drei Tage vor ihrer Hochzeit kennenlernte. Ludwig plagte immer mehr die Befürchtung, dass ihm eine napoleonische Braut vor die Nase gesetzt würde. Somit begab er sich mit größtem Eifer auf Brautschau. Sein Vater schlug ihm gleich zu Beginn das kleine, politisch unbedeutende Herzogtum Hildburghausen vor. Der junge Kronprinz stattete Herzog Friedrich und seiner Familie sogleich einen Besuch ab. Er konnte zwischen den beiden Schwestern Luise und Therese wählen und entschied sich nach einer Ballnacht für Therese.

Fünf Tage sollten nun die Hochzeitsfeierlichkeiten zu Ehren des Brautpaars dauern. Theateraufführungen, Bälle, Empfänge und Diners reihten sich aneinander. Der Adel feierte im üblichen glanzvollen Rahmen. Die Besonderheit bildeten die Feierlichkeiten darüber hinaus. 6.000 angesehene Bürger speisten und tanzten in den vier größten Gasthäusern auf königliche Rechnung. Am Marienplatz, Promenadenplatz, in der Neuhauser Gasse und am Anger wurden Tische und Bänke aufgestellt, um hier die weitere Bevölkerung zu verköstigen. Die Menschen nahmen dieses Angebot gerne an. In den Aufzeichnungen finden sich 32.065 Laib Brot, 3.992 Pfund Schweizerkäse, 80 Zentner gebratenes Schaffleisch, 8.120 Würste, 13.300 Paar geselchte Würste, 232 Hektoliter Bier und 4 Hektoliter österreichischer Weißwein, die man verteilte und ausschenkte. Für beste musikalische Unterhaltung sorgten 150 Musiker, die eigens zu diesem Anlass engagiert wurden. Zwei Volkstheater gaben kostenlose Aufführungen. Das Königshaus feierte und sein Volk mit ihm.

Die bisherigen Festivitäten bezahlte der Staatsapparat. Das Pferderennen, das die Feierlichkeiten abschloss, sollte eine Huldigung des Königshauses sein und wurde von der Nationalgarde und somit vom gehobenen Bürgertum getragen. Auf der Festwiese legte man eine Rennstrecke fest. An diese angrenzend, wurde ein Pavillon errichtet, in dem die königliche Familie Platz nahm. Alle anderen Zuschauer durften das Spektakel von einem Hang auf einer Anhöhe westlich des Geländes verfolgen. Auf dieser „natürlichen“ Tribüne hatten „unzählige Schaaren Platz genommen. Seit zwei Stunden ergießt sich in drei Armen der Menschenstrom aus der Stadt über die ebene, ununterbrochene Colonnen von Kutschen rollen dazwischen herbei und erfüllen stundelang der Rücken, der den weiten Schauplatz einschließet.“, notierte ein Zeitzeuge. Die meisten Aufzeichnungen sprechen von 40.000 Zuschauern, was fast der damaligen Gesamtbevölkerung Münchens entspricht.

Im ersten Teil des Festaktes wurden das Königspaar und das junge Brautpaar gefeiert. Kinder überreichten Blumen und Kränze und sagten Huldigungsverse auf. Im Anschluss wurde gefrühstückt. Die Königliche Familie nahm ihr Menü im Pavillon ein, während sich die tausenden Zuschauer an unterschiedlichen Ständen mit Getränken und Speisen versorgen konnten. Das Oktoberfest war geboren. Danach kam es zum eigentlichen Höhepunkt: Dem Pferderennen. Dreißig der edelsten Pferde preschten vom Startpunkt los, um dreimal die 3.270 Meter lange Rennbahn zu umrunden. Es gewann das Pferd mit der Startnummer „15“, ein siebenjähriger Apfelschimmel-Wallach von Franz Baumgartner, einem Unteroffizier der Nationalgarde, der angeblich den Vorschlag zum Pferderennen gemacht hatte. Noch an diesem Tag wurde König Max I. Joseph um Erlaubnis gebeten, die Wiese, auf der das Rennen veranstaltet worden war, zu Ehren der Braut „Theresienwiese“ zu nennen.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Foto: Wikipedia

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