Menschen

Es kommt immer auf den richtigen Ton an

Der Füssener Robert Harder

Das was er macht, hat unglaublich viel mit gutem Gehör, ausgeprägtem Feingefühl und vor allem jahrzehntelanger Erfahrung zu tun. Anders wäre eine solche Arbeit, wie sie Robert Harder verrichtet, wohl definitiv nicht möglich. Oft geht es dabei sicher um Nuancen, die ein nichtgeschultes Ohr höchstwahrscheinlich gar nicht wahrnehmen kann. Der gebürtige Füssener ist Musikproduzent, Toningenieur, Arrangeur und Songschreiber. Seit gut fünf Jahren lebt er in seiner zweiten Heimat, den USA, in der kalifornischen Kleinstadt Joshua Tree, ungefähr 200 Kilometer östlich von Los Angeles entfernt.

Robert Harders Geschichte ist lang, sehr lang. So wie auch die Liste der Orte, an denen er bisher gearbeitet hat, das Verzeichnis der Plattenlabels, die seine Arbeit auf CD und Vinyl gepresst haben, oder die Kartei der Musiker und Bands, die er bisher produziert und somit verewigt hat. Angefangen hat alles im Allgäu, damals in den achtziger Jahren. Nach der Schulzeit und dem Abitur, das er im Füssener Gymnasium ablegte, eröffnete Robert in der Luitpoldstraße ein kleines Musikgeschäft. Vertrieben wurden neben einzelnen Instrumenten vor allem Ausstattungen für Tonstudios. „Wir hatten rund 2000 Kunden in ganz Europa“, erinnert er sich. „Auch viele Tonanlagen haben wir damals installiert, unter anderem im „Treibhaus“, im Kurhaus Schwangau und in der Kirche Acht Seligkeiten. Wir haben dort aber auch schon Musik aufgenommen. Eine der ersten Gruppen war die lokale Euro-Reggae Band Amagideon.“ Eine richtige fachliche Ausbildung hat Robert für seinen Beruf nie absolviert. Es war viel mehr learning by doing. „Noch vor der Zeit des Ladens hatte ich freien Zugang zu den Van Gogh Studios, die im ersten Stock des Crazy Voltures Clubhauses untergebracht waren. Dort konnte ich sehr viel ausprobieren, an Geräten zu arbeiten ist die beste Ausbildung.“

Musik in der Wüste Kaliforniens

Die Lechstadt verlassen hat Robert dann 1997. Was folgte waren knappe zwanzig Jahre Schaffenszeit in London. „London war zu dieser Zeit der Mittelpunkt der internationalen Musikszene, und ich hatte Kontakte zu verschiedenen Studios und Plattenfirmen, für die ich arbeiten und produzieren konnte.“ Vor gut fünf Jahren entschloss er sich dann, in die USA zu ziehen. Ein Gedanke, der nicht von irgendwoher kam, da sein Vater Amerikaner ist, und er dadurch eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt. „Das war aber nicht der Hauptgrund für diese Entscheidung“, meint Robert. „Ich hatte das Gefühl, dass die Musikszene dort die Dynamik verloren hatte, ich wollte einfach etwas Neues. Die Westküste war für mich attraktiver.“ Gut ein Jahr verbrachte der Halbamerikaner in der Hollywoodstadt, bevor er schließlich nach Joshua Tree zog. In der amerikanischen Musikszene ist der Ort, der direkt neben dem gleichnamigen Joshua Tree Nationalpark liegt, auch alles andere als ein unbekannter. Viele Festivals finden hier statt und fast täglich wird Livemusik geboten. Zudem haben sich in der Kleinstadt auch jede Menge kleinere und größere Aufnahmestudios angesiedelt, so wie auch das von Robert Harder.

Die Welt der Audios

Bis heute dürften es rund 200 Bands und Musiker sein, mit denen er Tonspuren oder Platten aufgenommen hat. Künstler, von denen manche bereits große Erfolge feiern konnten und andere, die gerade erst am Anfang einer Karriere standen oder Bands, die eines ihrer Live-Konzerte aufnehmen lassen wollten. So wie etwa der amerikanische Songwriter Grant Earl Lavalley oder der R&B-Sänger Anderson Paak. Da war auch die Zusammenarbeit an einem Album von David Byrne, dem Kopf der britischen Band The Talking Heads und Roxy Music Mitbegründer Brian Eno, für das Robert die Schlagzeugspur aufnahm und das später sogar mit einem der begehrten Grammys ausgezeichnet wurde. Blättert man in dem langen Katalog, finden sich viele bekannte Namen, für die Rob den Ton abgestimmt hat. Ob für Oscar-Preisträger Herbie Hancock, Pete Dohertys Babyshambles oder die englische Indie-Rock-Band The Sunshine Underground, bis hin zum Vienna Symphonic Choir, der alle Register der menschlichen Stimme abdeckt. Auf ein spezielles Genre oder bestimmte Musikrichtungen festgelegt hat er sich bei seiner Arbeit nie. Im Gegenteil, er liebt das Experimentelle, sagt er. So wie das Album „The Cherry Thing“, ein Jazzalbum, das er mit der schwedischen Künstlerin Neneh Cherry aufnahm.

Zu Robert Harders Tätigkeiten zählt allerdings schon längst nicht mehr nur „Mischen“ von Musikern und Bands. Mittlerweile produziert er auch Audiospuren und Musiken für Videospiele, Werbespots namhafter Marken oder bekannte TV-Serien, darunter „Breaking Bad“, „The Sopranos” oder „C.S.I Miami“. Genauso sorgt er aber auch für die passende musikalische Inszenierung von Catwalk Shows in London oder Paris, ob für Dior, Cavalli oder Lagerfeld. „In diesem Job läuft sehr vieles über Empfehlungen. So habe ich auch den Fusion- und Jazz-Gitarristen Al Di Meola kennengelernt“, erzählt Robert. „Er hat mich gebeten, mit ihm als Sound Ingenieur auf Tour zu gehen. Das hat aufgrund der Corona-Einschränkungen dieses Jahr zwar nicht geklappt, werden wir aber nachholen.“ Zum Musizieren fehlt dem Allgäuer, der selbst Gitarre und Keyboard spielt, heute meist die nötige Zeit. Die nimmt er sich dann aber doch alle ein, zwei Jahre mal, um seine alte geliebte Heimat zu besuchen. Als Auswanderer will er sich nicht bezeichnen, obwohl er nicht vor hat, irgendwann wieder ganz nach Füssen zurückzukehren. „Ich bin eher ein Wanderer und Joshua Tree ist nicht der Ort, um alt zu werden“, lacht er. „Ich werde hier jung.“

Text: Lars Peter schwarz · Fotos: privat

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