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SARS-CoV-2 greift das Herz an

Füssener Mediziner beschreiben Zusammenhang zwischen Herzinfarkt und SARS-CoV2

Zwar stehen bei COVID-19-Patienten Symptome der Atemwege und der Lunge im Vordergrund, doch das Coronavirus SARS-CoV-2 greift auch das Herz an. Das haben nun Dr. Martin Hinterseer, gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Martin Zens, Dr. Roland Jean Wimmer, Dr. Simon Delladio, Dr. Susanne Lederle in Zusammenarbeit mit Dr. Christian Kupatt vom Klinikum Rechts der Isar und dem Chef der Anästhesie, Dr. Bernd Hartmann beweisen können. Diese wissenschaftliche Arbeit schlug hohe Wellen, und die Zusammenhänge wurde jetzt von einer spanischen Forschergruppe bestätigt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse helfen nun anderen Ärzten, COVID-19 infizierte Patienten in Abhängigkeit mit einer Herz-Grunderkrankung fokussierter zu behandeln und Herzinfarkte zu vermeiden.

Dr Hinterseer, Sie haben einen Fall im Krankenhaus untersucht und festgestellt, dass COVID-19-Patienten, die eine Vorerkrankung am Herzen haben, stärker gefährdet sind und eine schlechtere Prognose haben.
Ja. Im Rahmen der COVID-19-Infektionen sind Fälle aufgetreten, wo Patienten verstorben sind oder schwere Krankheitsverläufe hatten. Und man wusste nicht genau, warum versterben diese Patienten? Die Hauptursache die man immer vermutet hat, war, dass der Virus klassischerweise in die Lunge geht, und dass die Patienten eine schwerere Lungenentzündung entwickelt haben oder eine Lungenembolie und daran versterben. Was man allerdings im Verlauf gesehen hat, auch aus Daten von China, ist, das bei etwa 20 Prozent der Patienten die Herzenzyme erhöht waren, die für einen Herzschaden sprechen. Man hat zudem gesehen, dass diese Patienten häufig auch am Herz schon vorerkrankt waren. Sie hatten beispielsweise Bypass-Operationen, Gefäßstützen (Stents) oder einen Herzinfarkt in der Vorgeschichte.

Kommen diese Ergebnisse aufgrund von Obduktionen?
Die Patienten, die am Anfang verstorben sind, wurden nicht obduziert und man hat nicht gewusst, woran sie verstorben sind. Wir konnten an einem Fall nachweisen, dass die plötzliche Verschlechterung des Zustandes und der Atemsituation nicht durch die Lunge, sondern durch einen akuten Herzinfarkt ausgelöst wurde. Ausschlaggebend waren EKG und Ultraschall des Herzens, der eine akute Verschlechterung der Herzleistung zeigte. Der Verdacht, dass der Patient einen akuten Herzinfarkt hat, wurde bestätigt, nachdem wir ihn zum Herzkatheter gefahren haben. Tatsächlich ergab die Untersuchung, dass in dem Bereich, wo der Patient vor Jahren Stents bekommen hat, das Gefäß verschlossen war. Das haben wir dann aufgemacht. Schlussendlich ist der Patient aber im Verlauf am Herz-Kreislaufversagen und an der schweren Infektion leider verstorben.

Sie konnten somit nachweisen, dass das neue Coronavirus für Patienten mit kardiovaskulären Grunderkrankungen besonders gefährlich zu sein scheint oder anders ausgedrückt, dass die Herzschäden als Vorerkrankung oder als Komplikation bei der Behandlung von COVID-19-Patienten zu berücksichtigen sind?
Unbedingt. Es war das erste Mal, dass man gesehen hat, dass sogenannte Stent- bzw. Durchblutungsverschlüsse das verursachen können. Wir haben diese Ergebnisse zusammengefasst und da dieser Erkenntnisgewinn für alle Mediziner relevant ist, in einem sehr angesehenen wissenschaftlichen Journal veröffentlicht.

Das heißt, Sie haben erstmals die Verbindung eines akuten Infarktes mit COVID-19 und Stentverschluss hergestellt?
Ja, der Artikel war raus, und die Resonanz war überwältigend, Vortragseinladungen, Bitten um Kommentare zum Thema Herzinfarkt und COVID-19 in anderen Journalen. Was uns sehr gefreut hat, waren die Kontaktaufnahmen anderer Mediziner, die ähnliche Beobachtungen in den letzten Monaten gemacht haben, aber bislang nie so ganz den Zusammenhang nachweisen konnten.

Das heißt, es ist ein Problem, an dem wahrscheinlich viele COVID-19-Patienten tatsächlich verstorben sind.

Wie wichtig ist diese Erkenntnis im klinischen Ablauf mit COVID-19-Patienten?
Sehr wichtig, weil zum einen die Herzmedikamente wie Aspirin nicht abgesetzt werden dürfen. Für die medizinische Gesellschaft hat es eine besondere Relevanz, weil wir praktisch gesehen haben, dass man bei Patienten auf den Intensivstationen, wenn sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, der Arzt einen Herzultraschall machen und an einen Herzinfarkt denken muss. Und nicht einfach „jetzt muss der Patient beatmet werden und fertig“, sondern auch daran denken, das mögliche Herzdurchblutungsstörungen auftreten können. Man sieht ja auch an unserem interdisziplinären Fall, dass hier Kardiologen und Anästhesisten eng zusammengearbeitet haben.

Sie erwähnten gerade Aspirin und andere Blutverdünner. Wurden die dann einfach abgesetzt?
Wir haben sie weiterhin verabreicht. Doch es gab in dieser COVID-19-Zeit Diskussionen, wo Ärzte der Meinung waren, sie müssen das Aspirin oder andere Blutverdünner absetzen.

COVID-19 hat verschiedene Symptome oder täuscht das?
Am Anfang dieser COVID-19-Infektion haben wir zum Beispiel gemerkt, dass manche Patienten gesagt haben, dass sie schlecht riechen. Und irgendjemand hat es einmal beschrieben, ja, die COVID-19-Patienten riechen schlecht. Dann wurde festgestellt, dass dies ein Teil der typischen COVID-19-Symptome war. Oder wie bei den Kindern, bei denen die Frostbeulen an den Zehen beschrieben wurden. Die Symptome sind vielfältig. Ich fasse es mal so zusammen, man erkennt etwas, was man vorher bemerkt hat, aber nicht davor beachtet hat. Und deshalb hat auch unser Artikel so eingeschlagen wie eine Bombe. „Man sieht nur, was man kennt.“

Wie viele Infektionen hatten wir in Füssen?
Wir haben 35 Fälle im Krankenhaus gehabt – wirklich symptomatische, schwere Fälle.

Es heißt jetzt vermehrt, dass COVID-19 nicht so gefährlich ist. Was sagen sie dazu?
Ja, ich weiß. Meistens kommt der Satz: „Gibt es überhaupt solche Patienten?“ Ich sage dann oft, treffen Sie jemanden der davon betroffen ist und lassen Sie sich davon erzählen. Wenn man das hört, dann ist das etwas ganz anderes. Wie man sieht, wie bei manchen Menschen die Infektion einen tragischen Verlauf nimmt.

Das heißt, man kann nicht mit COVID-19 spaßen, man muss es ernst nehmen?
Man muss auch weiterhin aufpassen. Dieser Virus wird uns noch eine Weile begleiten. Manche werden auch daran erkranken und beziehungsweise auch daran versterben. Aber wir müssen uns versuchen zu schützen, indem wir uns einfach an die Regeln halten wie Abstand einhalten, Hände desinfizieren und Mundschutz tragen. Dann haben wir praktisch eine Chance, das Virus ein bisschen einzudämmen.

Ist der Betrieb im Krankenhaus wieder normal angelaufen?
Normalerweise müssten wir keine Vorenthaltungen mehr machen. Aber wir sehen immer wieder Patienten mit hochfieberhaften Infekten und COVID-19-Verdacht. Diese Patienten müssen in ein Einzelzimmer isoliert werden nicht zuletzt, um das eigene Personal zu schützen. Es ist also alles sehr aufwendig. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, ja, der Krankenhausbetrieb läuft wieder normal.

Gibt es noch den Container, durch den eventuelle COVID-19- Patienten durchgeschleust wurden?
Der ist noch da, aber mit der Einweihung unseres neuen Haupteingangs Anfang Juli werden wir Seitenzimmer als Isolationszimmer nutzen.

Woher wissen Sie, ob jemand das neuartige Corona-Virus hat?
Bei uns ist es so, wenn Sie Bauchschmerzen haben, werden Sie aufgenommen, in ein Einzelzimmer gelegt und auf COVID-19 getestet. Und wenn Sie negativ sind, dann werden Sie auf die normalen Zimmer verteilt. Wenn jemand jetzt eine Operation hat, bitten wir den, zwei Tage vorher zu kommen um den COVID-19-Test zu machen. Das heißt, jeder der bei uns stationär aufgenommen wird, muss sich einer Testung unterziehen.

Wie sehr profitiert das Krankenhaus Füssen von der Erkenntnis und wie werden sich die wissenschaftliche Arbeit und die Auszeichnung auf die weitere Zukunft des Hauses auswirken?
Ich glaube, das wichtigste ist, gute Arbeit zu leisten. Man muss an der Qualität arbeiten und wir merken zum Beispiel, dass wir in den letzten Jahren wirklich gute Ärzte bekommen haben. Alles Leute, die wir jetzt im Haus halten können. Das ist eine große Auszeichnung. Ich war lange an der Uni, und meine Kollegen sagen, warum tust du dir das an? Das tue ich mir deshalb an, weil dadurch die Qualität besser wird, die Assistenten sind auch motivierter, wenn man nebenbei auch wissenschaftlich arbeitet und klinische Forschungen betreibt – dann ist das Niveau für uns gut.

Werden wir eine zweite Welle bekommen?
Ich glaube, dass wir eine zweite Welle bekommen werden, aber ich hoffe, dass sie nicht so stark ist wie die erste.

War unsere Region stark betroffen?
Nein. Wir hatten ein paar Hotspots. Auch wir hatten ein paar Mitarbeiter, die an COVID-19 erkrankt sind. Ein junger Kollege zum Beispiel. Er war zwei Wochen platt. Es ist so, Corona will niemand mehr lesen, aber wir wissen es ist ein Problem und dass es wiederkommen kann. Nur haben wir jetzt eine Grundbasis aufgebaut, mit der wir arbeiten können.

Text · Foto: Sabina Riegger

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