Kolumne

Pitbull

Ich sitze in einem trostlosen Raum, in einem Gebäude, das so aussieht, als hätte der Architekt Bauhaus nicht nur geliebt, sondern gleich gefrühstückt: Es ist kalt und sachlich.

Mein Gegenüber ist Beamter der Ausländerbehörde, mit einer Vorliebe für die Farbe Khaki und einer Ausstrahlung wie der Keller dieses Gebäudes.

Ich bin 18 und bin gerade eben Deutsche geworden, ganz offiziell mit Einbürgerungsurkunde, Händedruck und Willkommensgruß: „Willkommen in Deutschland, mit allen Rechten und Pflichten!“

Obwohl ich den Beamten inzwischen schon etwas kannte, habe ich mir das Finale irgendwie anders vorgestellt. Sein Auftritt war lasch und unpersönlich.

Aber dann dachte ich an unser verstörendes, erstes Zusammentreffen und an die Zeit danach. Auf einmal hatte die Übergabe der Einbürgerungsurkunde etwas von einem Feuerwerk. Jedenfalls für seinen Maßstab.

Zum ersten Termin rief er mich in seine Khaki-Höhle auf und fing an, laut und überaus langsam mit mir zu sprechen:
„VER-STE-HEN SIE MICH?“
Ich nickte.
„WOL-LEN DEUTSCH WER-DEN?“

Wow. Sein Standard war so unverschämt hässlich, wie der Grünton seiner Krawatte.
„Ja, ich möchte die deutsche Staatsbürgerschaft. Da ich in Deutschland geboren wurde und hier aufgewachsen bin, verstehe ich Sie sehr gut. Zudem können wir uns auch auf Französisch, Englisch oder Bosnisch unterhalten.“

Jetzt nickte er.

Aber im Laufe unserer Termine markierte er immer wieder sein „Revier“. Wie ein pubertärer Pitbull-Rüde hob er sein Beinchen über mir.

Inzwischen bin ich 30 und ich nehme seinen Willkommensgruß von damals ernster denn je, als er sagte „mit allen Rechten und Pflichten.“

Hesse sagte einmal: „Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich.“

Mutige Menschen wissen, dass man Menschen nicht nach Hautfarbe, Herkunft, Religion, Aussehen oder der sexuellen Orientierung verurteilt. Mutige wissen, dass Multikulturalität Vielfalt bedeutet und Flüchtlinge auch Menschen sind.

Ich denke, ich bin mutig genug, um zu sagen, dass man einem Pitbull besser einen Maulkorb anlegt und seine Leine kurz hält.

Ich bin frei. Aber der Pitbull bleibt an seiner eigenen Leine gefangen.

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