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Therese von Bayern

Eine außergewöhnliche Frau

Schloss Hohenschwangau war seit dem Jahr 1836 der Sommersitz der bayerischen Königsfamilie um König Maximilian II. Auch seine Frau Marie und die Söhne Ludwig, der spätere König Ludwig II., sowie Otto, der spätere König Otto I., wohnten über die Sommermonate in diesem Domizil am Rande der Alpen. Dass seit 1864 auch eine Wittelsbacher Prinzessin ihre „Sommerferien“ im Schloss verbrachte ist hingegen kaum bekannt.
Bei dieser jungen Dame handelte es sich um Therese, Prinzessin von Bayern, der einzigen Tochter des späteren Prinzregenten Luitpold.

1864 war ein Schicksalsjahr für das bayerische Königshaus. Innerhalb weniger Wochen verlor die Familie gleich drei Angehörige. Anfang März starb der amtierende bayerische König Maximilian II., nur wenige Tage später folgte ihm seine Schwester Prinzessin Hildegarde, eine verheiratete Erzherzogin von Österreich. Und am 26. April entschlief seine Schwägerin, die Frau seines Bruders Luitpold, Prinzessin Auguste Ferdinande mit nur 39 Jahren.

Auguste Ferdinande hinterließ einen trauernden Ehemann und vier Kinder zwischen zwölf und 19 Jahren. In ihrem letzten Willen vertraute „Gustchen“, wie sie ihre Familie liebevoll nannte, die mütterliche Fürsorge für ihre einzige Tochter Therese ihrer Schwägerin und Vertrauten Königin Marie von Bayern an.

So kam es, dass sich schon wenige Monate nach dem Tod der geliebten Mutter die 13-jährige Prinzessin Therese auf den Weg zu ihrer Tante Marie machte, die sich, wie zu dieser Jahreszeit üblich, auf dem Land im Schloss Hohenschwangau aufhielt. Therese notierte dazu in ihr Tagebuch: „… Nun that ich einen Blick in ein Dasein voll Poesie, voll Romantik und Pflege altdeutscher Sagen und es ging wie eine neue Welt für mich auf. Das durch bescheidenere Mittel eingeengtere Leben zu Hause war auf eine praktische Existenz, welche uns Kindern wohl die Zukunft bringen würde, zugeschnitten. Das Leben bei der geliebten Tante richtete sich schon durch die größere Stellung und die in größerem Stil aufgebaute Lebensführung auf noblen Genuss.“

Königin Marie, die wenige Monate zuvor durch den Tod ihres Mannes Maximilian II. Witwe geworden war, tat von da an alles was ihr möglich war, der jungen Prinzessin mit mütterlichem Rat und Tat zur Seite zu stehen. Therese wuchs Marie schnell ans Herz. Sie wird sie einst ihr „drittes Kind“ nennen. Ab 1864 standen die beiden in regem Briefwechsel. In den Wintermonaten besuchte „Thereschen“ ihre Tante in deren Appartement in der Münchener Residenz und im Sommer in ihren Landsitzen in Hohenschwangau und Elbigenalp.

Die Nähe zur mütterlichen Tante brachte auch die Nähe zu deren Söhnen mit sich: Thereses Cousins Ludwig und Otto. Die Brüder hatten wie sie in diesem Schicksalsjahr ein Elternteil verloren. Therese spürte schnell eine starke Verbundenheit zu dem um zwei Jahre älteren Otto, mit dem sie fortan jeden Sommer viel Zeit verbrachte. „Den Otto hab ich so gerne, als wenn er mein leiblicher Bruder wär“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Doch auch der ältere Cousin Ludwig, der wenige Monate zuvor als König Ludwig II. den Thron Bayerns bestiegen hatte, wurde über die Jahre ein vertrauter Freund der Wittelsbacherin. Ende August 1864 feierte der frisch gebackene König seinen 19. Geburtstag im Kreise der engsten Familie. Nur seine Mutter Marie, sein Bruder Otto und deren Hofstaat waren zugegen. Durch die neue Verbundenheit zur direkten Familie des Königs war auch Therese mit ihrer Erzieherin Fräulein Paulus ein Teil dieses besonderen und privaten Geburtstagsfestes im Schweizerhaus in der Bleckenau.

Die anfängliche „geschwisterliche“ Verbundenheit zu Cousin Otto wandelte sich nach und nach zu einer tiefen Liebe. Einer Liebe, der Therese ihr ganzes Leben lang treu blieb. „Wieder fühlte ich so recht deutlich, dass mein Herz ihm gehörte und nur ihm …“ notierte sie in ihr Tagebuch. Und das obwohl ihr ihre Brüder und ihr Vater Luitpold unentwegt neue Heiratskandidaten vorstellten. „Du musst heiraten, sonst fällst du uns allen zur Last.“ Erzherzog Ludwig Viktor von Österreich, ein jüngerer Bruder des Kaisers Franz Joseph, führte eine lange Reihe von heiratsfähigen Bewerbern aus dem Hochadel an.

Keiner konnte Therese beeindruckten und so schlug sie alle Anträge rigoros aus. „IHN oder keinen“, vertraute sie ihrem Tagebuch an. Ob Otto, den sie mit „IHN“ meinte, ebensolche tiefen Gefühle für seine Cousine hegte, ist leider nicht überliefert. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte eine Hochzeit nicht stattfinden können. Denn Otto litt seit frühester Jugend an einer psychischen Erkrankung, die mit fortschreitendem Alter und durch die Teilnahme an zwei Kriegen immer mehr die Oberhand über sein Wesen gewann. Sie manifestierte sich so sehr, dass er im Jahr 1878 von seinem Bruder Ludwig II. entmündigt wurde. Seinen von da an ständigen Wohnsitz, das Schloss Fürstenried, dass sich in der damaligen Zeit noch weit außerhalb von München befand, passte man speziell auf die Bedürfnisse seines hohen Patienten an. Die Pflege des Prinzen legte die Familie in die Hände von Krankenwärtern und Ärzten, die ihn rund um die Uhr betreuten. Diese drastischen Maßnahmen waren ein tiefer Schlag für Therese. Ein gemeinsames Leben mit ihm war undenkbar geworden.

Trotz allem verfiel sie nicht in eine tiefe Traurigkeit, sondern gab ihrem Leben eine andere Richtung. Sie entdeckte ihr Interesse für fremde und ferne Länder und deren Flora und Fauna. Sie begann zu reisen. Zuerst überredete sie ihre Brüder, sie auf deren Reisen begleiten zu dürfen. Irgendwann unternahm sie große Expeditionen in ferne Länder ohne familiäre Eskorte, jedoch in standesgemäßer Begleitung eines Generals der Kavallerie, einer Hofdame und eines Dieners. Sie erkundete auf ihren Exkursionen nicht nur Europa, sondern auch Afrika sowie Süd- und Nordamerika. Auf ihren Reisen entwickelte sie einen schier unstillbaren Forschungsdrang auf den Gebieten der Zoologie, Botanik und Ethnologie. Die „Errungenschaften“ ihrer Expeditionen fügte sie in großen wissenschaftlichen Sammlungen zusammen. Ihre fundierten Erkenntnisse publizierte sie. Aufgrund dessen erhielt sie im Jahr 1897 von der Ludwig-Maximilians-Universität die Ehrendoktorwürde, die bis dahin nur Männern verliehen worden war. Durch ihre Reisen erlernte sie zwölf Sprachen in Wort und Schrift.

Trotz der langen Abwesenheiten aus Bayern blieb sie Marie und Otto tief verbunden. So war es Therese, die sich im Juni 1886 auf den Weg zur Königinmutter Marie machte, um ihr die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Sohnes Ludwig II. zu überbringen. Als Marie selbst drei Jahre später im Sterben lag, wich Therese ihr nicht von der Seite. Sie übernahm im Anschluss die Fürsorge für Otto und besuchte ihn, so oft es ihr gestattet war, bis zum Ende seines Lebens.

Prinzessin Therese war über viele Jahrzehnte ein Bindeglied zwischen den Familien von König Ludwig II. und Prinzregent Luitpold.

Eine außergewöhnliche Frau.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im
Museum der bayerischen Könige in
Hohenschwangau
Foto: Wikipedia

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