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“Ich musste Geduld lernen”

Nach zwölf Jahren heißt es nun für Paul Iacob, sich aus der Kommunalpolitik zu verabschieden. Viele sahen in ihm den Mann des Volkes, andere den Lebenskünstler. Trotz Vorwürfen, dass seine politische Arbeit zu wenig Transparenz habe, er ungenügend Informationen an die Stadträte liefere und Alleingänge mache, schaffte er es trotzdem, den Chefsessel des Füssener Rathauses zwölf Jahre für sich in Anspruch zu nehmen. Füssen aktuell traf sich mit Paul Iacob zu einem Gespräch.

Freuen Sie sich auf Ihren Ruhestand?
Da ist ein weinendes und ein lachendes Auge. Ich war 36 Jahre politisch aktiv, was mir Spaß gemacht hat. Jetzt kann ich private Interessen verfolgen, worauf ich mich freue. Meine Familie musste viel zurückstecken. Jetzt werde ich mehr Zeit für sie haben.

Haben Sie Ihr Ziel erreicht, Füssen in eine positive Bahn zu lenken?
Ich glaube ja. Das erfahre ich vor allem durch Außenstehende, etwa Bürgermeister anderer Kommunen oder auch Abgeordnete. Die sagen, dass Füssen ein neues Image bekommen hat. Auch Bürger unserer Stadt drücken mir gegenüber Zustimmung aus. Wir haben eine florierende Stadt ohne Leerstände, unsere Stadt hat einen starken Tourismus und ist zudem durch die mittelständischen Betriebe wirtschaftlich gut aufgestellt. Auch hat Füssen ein Image als Kulturstadt erhalten. Sicher gibt es aber auch Defizite: Wir könnten wesentlich mehr Wohnraum brauchen, dann könnten die Betriebe expandieren. Aber das sind alles Dinge, die langsam auf den Weg kommen oder bereits eingeleitet sind. Wir haben ja in der Vergangenheit bereits Wohnraum geschaffen, sowohl im sozialen Bereich, als auch für Menschen mittleren Einkommens. Der Bedarf daran steigt, weil Füssen weiterwächst. In meiner Zeit ist die Einwohnerzahl von 14.000 Einwohnern auf fast 16.000 gestiegen. Hätte Füssen ein negatives Image, wäre dies nicht der Fall.

Sie waren der einzige Bürgermeister in der Region, der die Geschicke der Stadt 3 Monate lang ohne Stadtrat geführt hat. Man warf Ihnen vor, während dieser Zeit Tauschgeschäfte gemacht zu haben, die letzten Endes nicht dem Ziel der Stadt gedient haben sollen.
Hier sind Gerüchte entstanden, die ungerechtfertigt waren. Das Hallenbad etwa war jahrelang nicht mehr genutzt worden. Das Gelände konnte für den Wohnbau umgenutzt werden, also konnten wir etwas verbessern. Ein 2. Beispiel: In Hopfen hatten wir ein Tourismusbüro, das durch seine Lage im 1. Stock nicht barrierefrei erreichbar war. Mir war wichtig, dass jeder diese öffentliche Einrichtung aufsuchen kann. Durch ein Tauschgeschäft haben wir erreicht, dass wir jetzt eine moderne Niederlassung von Füssen Tourismus in Hopfen haben, die für jeden erreichbar ist. Und wenn Sie mit Ihrer Frage auch die Schulerweiterung meinen: Sie war notwendig, weil Fachräume gefehlt haben. Wir wollten einen Bau, den man in kurzer Zeit dort errichten kann, also haben wir uns für den Holzbau entschieden. Das ist etwas, was heute üblich ist, aber damals für viele eine Undenkbarkeit war. Heute sind die Schüler und Lehrer glücklich damit. Jetzt kommen neue pädagogische Anforderungen. Wir müssen sowohl die Grund- als auch die Mittelschule komplett sanieren. Es wird 45 Millionen Euro kosten, ca. 20 Mio. Euro erhalten wir an Fördermitteln. Damit können wir die Schule der Zukunft gestalten. Das ist eine Notwendigkeit für die kommenden Schülergenerationen.

War es notwendig, manche Informationen nicht herauszugeben, weil es vielleicht ein Projekt gefährdet hätte, an dem Sie gearbeitet haben?
Wesentliche Informationen habe ich nicht zurückgehalten, die mussten ja im Stadtrat abgestimmt werden. Außer in den drei Monaten, in denen es keinen Stadtrat gab, habe ich immer alle Beschlüsse durch dieses Gremium absegnen lassen. Es wäre in den vergangenen 12 Jahren ein leichteres Arbeiten gewesen, wenn nicht durch bestimmte Stadträte ab und an Misstrauen gesät worden wäre. Aber im Großen und Ganzen war es ein gutes Zusammenarbeiten mit allen Fraktionen, sonst hätten wir diese vielen Beschlüsse der vergangenen Jahre nicht auf den Weg bringen können.

War es für Sie ein persönlicher Affront, als mehrere Stadträte ihr Amt niederlegten?
Wenn ich mich zur Wahl stelle, dann weiß ich, dass einige Beschlüsse, die ich fasse, bei viele Menschen umstritten sein werden und dass ich mir nicht nur Freunde, sondern auch Gegner mache. Es ist nicht immer ein einfacher Weg. Und möglicherweise erträgt nicht jeder diese Situation und hat sich daraufhin gegen dieses Amt und den Weg entschieden. Man muss seine Emotionen abschalten können und darf sich nicht angegriffen fühlen. Ich persönlich habe mich nicht angegriffen gefühlt.

Was haben Sie lernen müssen, was hat Sie geprägt?
Ich musste lernen, Geduld zu haben. Als Selbstständiger hatte ich die Möglichkeit, Entscheidungen ganz schnell zu treffen. In der Politik und der Verwaltung hat manches Vorgehen einen anderen Ablauf. Das ist auch gut so, denn die Stadt muss sich absichern; man muss schauen: welche Nebenwirkungen hat das, was ich will? Zudem ist die Stadt häufig abhängig von Fördermitteln. Spontane Entscheidungen sind oft nicht möglich. Zudem habe ich lernen müssen, dass ich manche Menschen, die ich in der Vergangenheit positiv gesehen hatte, plötzlich anders sehen musste. Beispielsweise durch deren öffentliche Äußerungen, vor allem in sozialen Medien. Ich musste also lernen, mit Enttäuschungen zu leben. In der Diskussion werde ich manchmal polemisch oder satirisch – aber nie unhöflich! Man kann verschiedener Meinung sein, aber man darf nie respektlos sein und muss immer ein Maß an Höflichkeit wahren.

Was hinterlassen Sie Ihrer/Ihrem Nachfolger/in?
Ich hinterlasse in meinen Augen eine Stadt, die ein deutlich verbessertes Image nach außen hat; eine Stadt mit weniger Verbindlichkeiten und Schulden, dafür aber mit mehr Werten. Eine Stadt, die in den nächsten 6 Jahren große Vorhaben abarbeiten muss. Es gibt wenig Spielräume im Haushalt, aber die Verwaltung ist beauftragt worden, bestimmte Maßnahmen umzusetzen wie zum Beispiel die Sanierung der Schulen. Wir werden neue Kindergärten im Weidach und bei den Wertachtal-Werkstätten bauen sowie eine Kinderkrippe errichten. Der Kindergarten im Venetianerwinkel wird derzeit saniert. Und die Grundstücke im Füssener Norden müssen zur Bebauung erschlossen und freigegeben werden, vor allem für den sozialen Wohnungsbau und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.

Wenn Sie die letzten Jahre Revue passieren lassen, über welches Projekt freuen Sie sich besonders, das Sie umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht haben?
Ich freue mich wahnsinnig, dass es gelungen ist, den Sportplatz so auszubauen, dass er zu einem Sport- und Freizeitpark für alle Generationen geworden ist. Der Skate- und Bikepark wird von den Bürgern sehr stark genutzt, die Fußballer haben ihren Kunstrasen bekommen und der Baseballplatz wird errichtet. Auch die Partnerschaft mit Cremona macht mich glücklich. Ein weiteres tolles Projekt ist die Indoor-Freizeitanlage im ehemaligen OBI, bei dem die ersten Schritte bereits gemacht wurden. Für die Entwicklung des Magnusparks ist die Stadt dabei, eine Machbarkeitsstudie durchzuführen. Für mich sind dort eine Halle für Veranstaltungen mit einem Restaurant denkbar. Außerdem könnte dort Wohnraum entstehen. Natürlich ist für sämtliche Vorhaben das Einvernehmen mit dem Eigentümer notwendig.

Gibt es Menschen, von denen Sie lernen konnten?
Gebhard Kaiser, der ehemalige Landrat des Oberallgäus, ist ein Mann, den ich ungeheuer schätze. Da habe ich so eine Verwandtschaft gespürt: Nicht lange reden, sondern anpacken und umsetzen.

Wie geht es weiter nach den Wahlen?
Bis Ende April bin ich Bürgermeister der Stadt Füssen und werde bis dahin meine Geschäfte, wie gehabt, weiterführen. Am 2. Mai folgt dann die Übergabe. Ich möchte das deutlich anders machen als dies bei mir war: Ich werde meinem Nachfolger symbolisch den Schlüssel fürs Rathaus übergeben und anbieten, bei Bedarf für Ratschläge zur Verfügung zu stehen.

Das Interview führte Sabina Riegger

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