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“Tradition ist für viele Menschen etwas zuverlässiges, beständiges, lieb gewonnenes”

Sie heißen „Sister’s act“, „Omas Föhla“, „Blitzhoanar Weitnau“ oder ganz einfach „Augustiner“. Hanne Allgayer kennt sie fast alle, die wagemutigen Damen und Herren, die sich am Faschingssamstag in Pfronten-Kappel treffen, um mit ihren selbstgebauten „Schalenggen“, auch Hörnerschlitten genannt, mit halsbrecherischem Tempo den etwa 1.000 Meter langen Hang runter zu rodeln. Früher war das Schalenggenfahren eine harte Arbeit – heute ist es ein pures Vergnügen. 22 Jahre hat sie die Anmeldungen telefonisch angenommen. Seit dem 11. September 2019 ist sie nicht mehr 1. Vorsitzende des Schalenggar Vereines in Pfronten-Kappel. Tradition ist für viele Menschen etwas Zuverlässiges, Beständiges, lieb Gewonnenes, ein Stück eigener Identität, die mit ihrer Herkunft und Kultur zusammenhängt. Für Hanne Allgayer ist die Tradition so wie das Salz in der Suppe. Ohne geht gar nicht. Sie ist mit Traditionen aufgewachsen und eine Expertin in punkto Brauchtum in ihrem Dorf. Sie war seit 1997 an der Spitze des Vereins, wo man eher einen Mann als eine Frau als Vorstand vermuten würde. Der Schalenggenverein in Pfronten-Kappel zählt etwa 160 Mitglieder und noch nie waren so viele Mitglieder da, wie bei der letzten Generalversammlung. Hanne Allgayer wollte ihr Amt als 1. Vorsitzende abgeben. Die Jungen sollten ran und die Tradition weiter führen. „Es war mein Leben, doch mit 77 Jahren hat man das Recht zu sagen, das man nicht mehr mag“, erzählt sie. Das Moderne ist ihr viel zu nahe gekommen. Auf alles und jenes musste man plötzlich ein Augenmerk legen, wo sie doch lieber ein Auge zugedrückt hätte. Das Internet und die Sicherheitsauflagen sind nicht ihre Welt. Es ist zu unpersönlich, zu viel Technik und zeitintensiv, erzählt sie im Gespräch. „Ich habe mein Amt gerne abgegeben, weil sich auch ein guter erster Vorstand gefunden hat“, sagt sie zufrieden. Ihren Enkel hat sie mit dem Schalenggen-Virus schon längst infiziert. „Er ist so wie ich. Er mag das Altbewährte, Traditionelle. Das gefällt mir“, meint sie kurz und knapp.
Es lebe die Tradition.

Text: Sabina Riegger · Foto: Hubert Riegger

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