Kolumne

Ein Brief

Liebes Universum,

ich glaube, es gibt etwas zwischen Raum und Zeit. Vielleicht eine Art Zwischenwelt, eine Matrix in der alles für uns Vorherbestimmte wie in einer großen Bibliothek gesammelt steht. Und jedes Mal, wenn die Zeit X gekommen ist, verlässt ein Stück Vorherbestimmung das Regal der Bibliothek und findet ihren Weg zu uns in die Gegenwart, in unser Leben.

Nach meiner These war es also vorherbestimmt, dass ich genau jetzt, genau hier, in meinem Schlafanzug diese Zeilen schreibe.

Ausgerechnet an einem Tag, an dem ich das Haus am liebsten gar nicht erst verlassen hätte, ein kalter Tag, mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, dicken Wolken am Himmel und Begegnungen mit Menschen, die ich lieber umgangen hätte.

Ich frage mich, wieso manches kommt wie es kommt und vor allem, was wohl der Sinn dahinter sein mag. Und wenn ich den Tag heute Revue passieren lasse, krieg‘ ich vor der Antwort ehrlich gesagt ein bisschen Angst.

Erst vorhin hab ich das Titelbild des „Time Magazine“ gesehen. „Power of youth“ steht unter dem Namen Greta Thunberg, dem 16-jährigen schwedischen Mädchen, das versucht die Welt zu retten.

Ich muss dabei an neulich denken. Da sagte mir jemand ganz selbstbewusst und erschreckend genervt: „Ich kann diese ganze Klimadiskussion nicht mehr hören. Klima ist schon wichtig… Aber…“

Nach dem „Aber“ hab ich nicht mehr zugehört. Irgendwie war plötzlich alles wie in Zeitraffer. Langsam und ohne Ton: Da war nur noch dieser große Mund und die folierte Schnitzelsemmel, die mehr und mehr darin verschwand.

Ein dicker Klecks, weißer, fettiger Mayonnaise hing am Kinn und war nur noch wenige Kaubewegungen davon entfernt, auf den Asphalt zu tropfen. Mein Hund witterte seine Chance, und ich sah den Untergang.

Stephen Hawking sagte mal: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen.“

Und ich glaube, mir ist gerade klar geworden, wieso ich heute diese Zeilen schreibe.

Ich weiß zwar noch immer nicht, wieso sich Erwachsene von Kindern gestört fühlen, wieso Menschen ihren Müll einfach auf die Straße werfen, wieso wildfremde Menschen ungefragt ihre Meinung kundtun, Menschen rechtsradikal sind, uneinsichtig handeln, ungerecht sind, wieso sie die Umwelt weiter zerstören oder fettige Mayonnaisereste von ihren Fingern lecken, wie Kinder ihr Eis.

Aber was ich jetzt weiß: Wir Menschen werden intelligent genug sein, um uns endlich anzupassen. Das steht in der Zwischenwelt – Bibliothek.

Ich bin ganz sicher…

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