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Starke Wurzeln geben Flügel

Ksenia Konrad

Sie ist ein Temperamentsbündel, emotional und mit viel Liebe für die Welt und die kleinen Dinge des Lebens, die es bereichern. Ksenia Konrad ist in Russland geboren, hat Germanistik, Philologie, Psychologie und Pädagogik studiert. Beste Voraussetzungen für eine Schulkarriere in Russland. Doch dazu ist es gar nicht gekommen. Es war die Liebe, die ihr den Strich durch die Rechnung gezogen hat. Zum Glück. In Sri Lanka lernte sie ihren Mann Joe Konrad kennen, einen Tiroler. „Meine Geburtsstadt Ryazan kann man auf der Weltkarte finden, Reutte nicht“, sagt sie lachend. Eine Anspielung auf das, was sie in ihrer Anfangszeit in Reutte erlebt hat. Denn das Deutsch, das sie an der Uni in Ryazan studiert hat, hatte mit dem Deutsch in Tirol nichts zu tun. Seit elf Jahren lebt die 37-Jährige in Reutte und hat ein Buch über ihre Zeit im Tiroler Ausserfern geschrieben. Lustig, nachdenklich und wie sollte es auch sein: natürlich mit Emotionen.

Ksenia, wie kamen Sie darauf, ein Buch zu schreiben?
Es gab komische und lustige Situationen. Eine Freundin hat mir gesagt, das sollte man zusammenfassen. Ich dachte mir, wieso? Sie meinte, vielleicht interessiert es jemand anderen. Dann fing ich mit dem Tagebuchschreiben an. Ein anderer Beweggrund war die Flüchtlingswelle. Ich meine, es war zu viel negativ darüber geschrieben worden. Wenn man nicht aus dem Bereich kommt, dann glaubt man alles, was in den Medien steht. Man bekommt es nur einseitig mit. Ich habe die andere Seite erlebt, viele verschiedene Kulturen und Menschen. Ich habe eine andere Einstellung und Perspektive bekommen. Ich dachte mir, vielleicht wäre es für die Leser interessant zu wissen, dass es auch Menschen gibt, die sich sehr bemühen und anstrengen um ihre neue Existenz aufzubauen und diese komplizierte Sprache zu lernen.

Diese Einstellung, hat die auch mit ihrer Geschichte etwas zu tun?
Da ist meine Lebenserfahrung drin, trotz Diplom in Germanistik. Es war nicht einfach. Man muss die Mentalität und Denkweise des Landes kennenlernen. Reutte ist klein, da sind untereinander Beziehungen, am Anfang überrascht dich alles, weil du die Zusammenhänge nicht kennst. Natürlich war es schwierig. Wenn man sich in dieser Gesellschaft integrieren möchte, dann muss man bereit sein den ersten Schritt zu machen. Mache ich das und öffne ich mich für diese Kultur, dann wird sie mich auch aufnehmen. Es ist ein beidseitiger Prozess. Die einen, die die neuen Regeln akzeptieren und die anderen, die ihnen eine Chance geben.

Sie unterrichten in Reutte, also doch Lehrerin?
Ich bin keine Lehrerin, eher eine Begleiterin. Es sind Deutschkurse, die zeitlich begrenzt sind und vom KAOS Bildungsservice angeboten werden. Es ist eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme. Ich unterstütze sie beim Lernen, bei der Praktikums- und Jobsuche.

Sind alle motiviert die Sprache zu lernen?
Man kann nicht sagen, dass alle zu 100 Prozent motiviert sind. Es gibt auch die sogenannten „resistent learners“, die darauf hoffen, dass ihre Muttersprache in Österreich anerkannt wird. Aber das passiert nicht (lacht). Man muss auch ehrlicherweise sagen, die Kursteilnehmer müssen Hochdeutsch lernen und draußen sollten sie Dialekt verstehen können. Das ist frustrierend. Für sie ist es so, als ob sie zwei Sprachen auf einmal lernen.

Wie war Ihr erster Eindruck als sie nach Tirol kamen?
Ich würde nicht sagen, dass ich mich gleich wohlgefühlt habe. Es war eine gewaltige Umstellung vom Flachland auf die Berge. Dieser Wechsel von der Großstadt zum Dorfleben, das war schwierig. Alles was man in der Stadt hat fällt plötzlich weg. Was mich aber gleich fasziniert hat, war die Natur, die habe ich so nirgends erlebt. Jetzt ist alles bestens. Ich habe gute Freundinnen, die von überall herkommen. Für mich ist das sehr wichtig, ansonsten wäre das Leben sehr eintönig, ohne Farben. Diese Vielfalt an Freundschaften ermöglicht mir auch eine andere Perspektive auf andere Sachen. Das macht meine Welt größer. Jede Kultur, jede neue Sprache ist auch eine neue Erfahrung. Diese Vielfältigkeit hat mein Leben auch interessanter gemacht.

Sind Sie eine strenge Lehrerin?
Ich glaube schon, dass ich eine strenge Lehrerin bin. Und ich weiß warum ich es bin. Es gibt gewisse Regeln die sie im Kurs lernen sollen, damit ihr Leben danach ein bisschen besser und leichter werden soll und weil es mir nicht egal ist.

Ihr Mann sagt, Sie sind in Ihrem Benehmen typisch deutsch.
Ja, für meinen Mann bin ich richtig deutsch: geregelt, praktisch, ordentlich und sehr pünktlich. Das Wort praktisch gibt es bei den Russen nicht, es muss Spaß machen und schön sein. Russen sind kreativ und anpassungsfähig. Es ist die Geschichte Russlands, die dazu beigetragen hat, dass sie immer mit einer neuen Situation zurechtkommen mussten.

Haben Sie Sehnsucht nach Russland?
Nein, aber mir fehlt meine Familie. Das sind meine Wurzeln. Früher habe ich es nicht so stark gespürt. Aber jetzt ja. Wurzeln sich wichtig. Starke Wurzeln geben Flügel. Wer fliegen und wachsen will, darf seine Wurzeln nicht vergessen, sie werden es ihm nicht verzeihen.

Sie sind ein Mensch der gerne alles direkt anspricht?
Ja. Direkt sein hat auch etwas mit Respekt zu tun. Das heißt nicht, dass man sich negativ oder schimpfend zeigen muss. Wenn man mit etwas nicht einverstanden ist, sollte man es auch ehrlich sagen. Am Anfang war es auch schwierig für mich wann darf ich wann direkt sein. Tiroler sind sehr charmant. Das hat eine Wärme. Das finde ich reizend, das kann nicht jeder so.

Vielen Dank für das Gespräch und ich wünsche Ihnen viel Erfolg.
Ich habe zu danken.

Buchinformation „Alles ausser fern“ von Ksenia Konrad:

Unkonventionell und ermutigend
Ksenia Konrad ist eine tatkräftige Frau, die etwas zu erzählen hat: Sie kennt die Gefühlsskala beim Transfer in eine neue Kultur nur zu gut. Selbst aussichtslos scheinenden Situationen entlockt sie eine Portion heitere und motivierende Lebensphilosophie.

Text: Sabina Riegger Foto: Fotowerk Aichner

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