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Königliche Weihnachten in Hohenschwangau

Obwohl das malerische Schloss Hohenschwangau von König Max II. von Bayern eigentlich als Sommerresidenz gedacht war, verbrachte sein Sohn König Ludwig II. der Kälte und den hohen Schneemassen zum Trotz auch einige Winter hier. In manchen Jahren wünschte der König sogar das Weihnachtsfest in Hohenschwangau im engsten Familienkreis zu feiern.

So geschah es zum ersten Mal im Jahr 1873. Seine Mutter, Königin Marie, folgte seiner Einladung und reiste in den frühen Morgenstunden des 23. Dezembers von München ins Alpenvorland. Auch Ludwigs Bruder Prinz Otto durfte nicht fehlen. Das Personal hatte sich viel Mühe gegeben, um die königlichen Räume, Säle und Zimmer für das erste Weihnachtsfest im Beisein der hohen Familie herauszuputzen und zu dekorieren. Auch der König hatte keine Kosten gescheut, um Mutter, Bruder und seinen Hofstaat reich beschenken zu können: (…) Die Auswahl der Weihnachtsgeschenke und deren Verteilung war eine mühsame Arbeit für Ludwig II., denn er beschenkte die Königin-Mutter, alle Prinzen und Prinzessinnen, die Hofdamen, seinen Adjutanten, den Kabinetssekretär, den Hofsekretär, den Leibarzt, den ihn bei seinen Fahrten und Ritten begleitenden Stallmeister und seine gesamte Dienerschaft. Die für die Armen übliche Summe vermehrte der König oft um das Doppelte.

Bisweilen machte es ihm Vergnügen, durch eine kostbare Gabe zu verblüffen, und da geschah es, dass ein kleiner Rosslenker ein Kleinod bekam, das er sich im höchsten Flug seiner Wünsche nicht hätte träumen lassen. Einen ehemaligen Lehrer vergaß er nie zur Weihnacht und immer bescherte er auch dem Betreffenden diejenigen Dinge, die dessen Neigung entsprachen. Im großen Ganzen entfaltete der König eine Freigebigkeit und einen Glanz, wie es in den Feengeschichten erzählt wird (…).“ schrieb die Zeitzeugin Luise von Kobell über König Ludwig II. von Bayern. So kam es, dass sich im Vorfeld der Feiertage sämtliche Juweliere und andere unterschiedliche Handwerksmeister im tiefsten Winter auf den Weg nach Hohenschwangau machten, um die Präsente rechtzeitig zu liefern. Einige der prachtvollen Weihnachtsgeschenke, die Ludwig II. seiner Mutter verehrte, können heute im Museum der bayerischen Könige betrachtet werden.

In diesem Zusammenhang ereignete sich die folgende Anekdote: Wenige Tage vor Heilig Abend erreichte ein junger Juwelier aus München Hohenschwangau. Er war sehr darauf bedacht, seine Anfertigungen persönlich abzugeben, um sicherzustellen, dass auch ja nichts schief gehen würde. Im Schloss angekommen, begleitete ihn ein Diener in das Billardzimmer im ersten Stockwerk. Der große Billardtisch in der Mitte des Raumes war mit einer schweren, fast bodenlangen Tischdecke zugedeckt. Darauf befanden sich bereits die unterschiedlichsten Geschenke. Einige verpackt, andere unverpackt. Als der Juwelier das Billardzimmer betrat, verabschiedete sich der Diener mit den Worten, er solle sich ja beeilen, Seine Majestät halte sich in den Räumen im zweiten Stock auf und könne quasi jeden Augenblick nach unten kommen. Er habe ausdrücklich gewünscht niemanden zu Gesicht zu bekommen. Gesagt, getan. Sogleich begann der junge Mann, die mitgebrachten Schmuckstücke auf dem Tisch auszubreiten.

Da hörte er Schritte. Sie kamen immer näher. Der König kommt, dachte der Juwelier erschrocken. Sofort suchte er fieberhaft nach einem Ausweg. Vor lauter Hektik wusste er sich nicht anders zu helfen, als unter den Billardtisch zu kriechen. Just in dem Moment als seine Füße unter dem Tisch verschwanden, betrat der König den Raum. Dieser ging um den Tisch herum, blieb immer wieder stehen und betrachtete die aufgereihten Geschenke. Plötzlich ergriff den Juwelier in seinem dunklen Versteck ein starker Hustenreiz, den er nicht mehr unterdrücken konnte. Der König rief erschrocken: „Wer ist da?“

Der Hustende kam unter dem Tisch hervorgekrochen. Am ganzen Leib zitternd versuchte er dem König zu erklären, weshalb er unter dem Billardtisch gesessen hatte und bat vielmals um Verzeihung. Er fürchtete sich davor, wie Ludwig II. wohl reagieren würde. Jedoch verwandelte sich die erschrockene und zornige Miene des Monarchen schnell in ein schmunzelndes Lächeln. Dann sagte er: „Na, ist schon gut. Sie haben hier unten genug ausgestanden. Gehen Sie.“ Von dieser Begebenheit berichtete der Juwelier noch viele Jahre.

Am 24. Dezember strahlte und funkelte Schloss Hohenschwangau im schönsten weihnachtlichen Glanz. „Das Arrangement war prachtvoll, das Billardzimmer, der Schwanenrittersaal und der Heldensaal waren zu beiden Seiten mit jungen Tannen besetzt, tausende von Lichtern strahlten aus den mit den buntesten und mannigfaltigsten Sachen behangenen grünen Zweigen, während unter denselben Tisch an Tisch gereiht war; darauf die kostbarsten Christbescherungen prangten und das Auge des Beschauers im Lichterglanz entzückten. Hohenschwangau dieses Jahr zum ersten Male solche Christbaumpracht, deren Detail der Beschreibung sich entzieht und worüber auch die Allerhöchsten Herrschaften sichtlich hohe Überraschung und Freude kundgaben.“ Dies ist in der Schlosschronik zu lesen.

Welche Köstlichkeiten an einem solchen Festtag an der königlichen Tafel serviert wurden, erzählt der Historiker Klaus Reichold in seinem Vortrag „Rahmschneetörtchen und ein Fläschchen süßen Likörs – die königliche Tafel Ludwigs II.“ anlässlich des „Weihnachtlichen Museumsabends“ am 19. Dezember ab 18 Uhr im Museum der bayerischen Könige.

Text: Vanessa Richter, Kulturvermittlerin im Museum der bayerischen Könige in Hohenschwangau
Foto: Hubert Riegger

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