Kolumne

Nicht auflegen

Als ich vor fast 11 Jahren meinen Mann kennengelernt habe, trennten uns knapp 120 Kilometer. Wir waren verliebt wie zwei beschwipste Frettchen.

Und wenn wir uns nicht sehen konnten, dann haben wir telefoniert. Stundenlang. Es ging über Gott und die Welt, und die Speisekarte des kroatischen Lieferdienstes im Münchener Osten.

Meistens war es spät nachts, bis wir uns alles erzählt hatten, was es zu erzählen gab. Wir waren müde. Sehr sogar, aber viel zu verliebt um aufzulegen.

Auflegen war wie Schlussmachen. Nur noch schlimmer. Also sind wir einfach dran geblieben. Wir haben gemeinsam geschnarcht und das war das einzig Entscheidende.

Wenn wir uns mit Telefon am Ohr einen Film anschauen wollten, dann war das aber nicht mehr so einfach. Mein Mann liebt Science-Fiction-Filme in Überlänge, in denen möglichst viele surreale Kreaturen noch surrealere Dinge sagen und machen.

Ich hasse das.

Ich mag historische, dramatische Filme aus den 90ern mit Happy End und Liebe. Ich bin die verstaubte Vorstadt-Videothek, er der Streaming-Dienst.

Synchron einen Film anzuschauen war eine wichtige Hürde in unserer Beziehung. Aber wir haben es geschafft und inzwischen leben wir seit zehn Jahren zusammen. Unser exzessives Telefonverhalten ist zwar eingeschlafen, dafür schreiben wir uns jetzt Kurznachrichten. Wir whatsappen wie zwei Teenies in der Pubertät.

Ich schreibe meinem Mann nicht einfach nur, dass ich gleich nach Hause komme. Ich schmücke den Satz aus, mit allem was geht: Pulsierenden Herzen, Blümchen, Küssen, Raketen und Smileys.

Mein Mann antwortet genauso euphorisch. Nachhause kommen fühlt sich so toll an. Wie ein Feuerwerk, wie grenzenlose Vorfreude aufeinander.

Unser Chatverlauf ist so bunt wie ein Sticker-Album vor 20 Jahren. Aber wir können auch anders. Wir schreiben oft über wirklich ernste Themen. So wie neulich. Ich war unterwegs, als mein Mann mir schreibt: „Du hast alle Windeln dabei, ich finde keine mehr… Er hat AA gemacht!“

Ich konnte seine Angst fühlen. Nicht nur wegen der Smileys. Wir sind einfach miteinander verbunden, so wie früher am Telefon. Nur ohne Kabel.

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