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111 Jahre Hotel Ruchti

Herzlich anders

Das „Ruchti“, wie es die Füssener nennen, ist eines der ältesten Hotels im Faulenbacher Tal. Im Zeitalter der Globalisierung und der sich ständig wechselnden Trends haben Tradition, Heimat, Bodenständigkeit und ehrliche Gastfreundschaft wieder Konjunktur.

Für Stefanie Baier-Ruchti war das nie ein Trend, sondern ein gelebtes Konzept, das ihre Familie so seit 1908 umsetzte. Die Hotelmeisterin setzt auf die persönliche Handschrift ihres Hauses und die individuelle, lebendige, herzliche Gästeansprache.

Gastronomie und Hotelerie muss man leben, Visionen haben und anders sein als andere und die vielzitierte Nische finden, um sich von den Mitbewerbern abzuheben. Individualität ist gefragt und noch viel mehr von der eigenen Persönlichkeit. Stefanie Baier-Ruchti weiß das. Sie kennt die Branche von der Pike auf. Einen anderen Beruf kann sich die 46-Jährige nicht vorstellen. „Für mich ist das Hotel eine Herzensangelegenheit, um nicht Leidenschaft zu sagen“, erzählt sie. Als sie das Hotel 2010 von ihrem Vater übernahm, war sie zuvor auf Wanderschaft. Wenn sie an die Zeiten zurückblickt, lächelt sie zufrieden und denkt an die Zeit auf Sylt. „Ich war im Hotel „Stadt Hamburg“ als Direktionsassistetin. Das hat mich sehr positiv geprägt. Die Führung war so wunderbar gegenüber Gästen und Mitarbeitern, so dass ich mir diesen Führungsstil zum Vorbild nahm“.

Seit 111 Jahren gibt es das Hotel in Bad Faulenbach und sie ist die vierte Generation, die das Hotel führt. Ihre Handschrift ist unverkennbar: Leichter alpenländischer Stil, nicht zu viel und schon gar nicht überladen. Stefanie Baier-Ruchti setzt auf authentische Wohlfühlatmosphäre und keinen Trend. „Kühle Eleganz gibt es überall, wir haben unseren Allgäuer Stil mit viel Authentizität beibehalten“, so die Geschäftsfrau. Ihre Zielrichtung ist „cosy“, was so viel bedeutet wie heimelig, gemütlich, gastlich – Attribute die im Zeitalter von Non-verbaler Kommunikation, stark im Kommen sind. „Unsere Gäste sollen sich wohl fühlen. Ich weiß, es klingt abgedroschen, wenn ich sage, sich wie Zuhause wohlfühlen und trotzdem im Urlaub sein. Aber das meine ich wirklich so. Denn viele unserer Gäste kommen seit 40 Jahren zu uns. Mittlerweile die Kinder und Enkelkinder“, erläutert die 46-Jährige. Viele Persönlichkeiten wie namhafte Eiskunstläufer oder bekannte internationale Eishockeymannschaften haben sich über die Jahre in das hauseigene Gästebuch eingetragen. Darunter finden sich auch Radrennfahrer Erik Zabel oder Chuck Long, das menschliche Gesicht von „Mister Monopoly“. Gebucht wird, wie bei den meisten Hotels auch, online. „Etwa 30 Prozent rufen noch an und buchen telefonisch“.

Mit den Sanierungsarbeiten ist die Hotelmeisterin noch nicht fertig. Erst 2016 hat sie einen Teil der 26 Zimmer komplett erneuert und saniert. Zwei Blockheizkraftwerke sorgen für die nötige Wärme und mit dem Regenwasser aus der 5000 Liter großen Zisterne wird der Garten gegossen. „Wir haben einen eigenen Kräutergarten, selbstgemachte Marmelade und Gemüse aus unserem eigenen Garten, nicht zu vergessen, Eier von den Hühnern meines Vaters. Der Garten und die Hühner sind sein Hobby“, erzählt die zweifache Mutter. Für Stefanie Baier-Ruchti ist die Nachhaltigkeit nicht erst jetzt ein Thema, genauso wenig wie das Umweltbewusstsein. „Ich bin der Meinung, dass man in unserem Beruf ohne diese beiden wichtigen Komponenten gar nicht auskommen kann“, erklärt sie und fügt hinzu, wie wichtig es ist auszubilden, auch wenn der Auszubildende nach seiner Ausbildung zum Kollegen oder Kollegin wechselt. „Ein Koch muss aus seinem Ausbildungsbetrieb raus, um Neues zu sehen. Jeder Koch kocht anders“, beschreibt die Hoteliersfrau, die im Prüfungsausschuss der IHK sitzt und Schriftführerin des BHG (Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband) ist.

Dass der Fachkräftemangel mittlerweile nicht nur die Gastronomie erreicht hat, ist eine erschreckende Tatsache. Stefanie Baier-Ruchti hat Glück. „Wir sind ein gut aufgestelltes Team und sehr international. Viele meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind schon seit Jahren bei uns. Alle Positionen sind bei uns besetzt. Ich habe den Vorteil, dass wir ein Personalhaus haben, das ich 2001 gekauft habe. Damals gab es schon das Problem, wo bringe ich meine Mitarbeiter unter, egal, ob es die Servicekraft ist oder der Azubi aus Kempten“. Jeden Morgen treffen sich alle am wichtigsten Ort im Haus: dem Kaffeetisch, wo sie gemeinsam den Tagesablauf besprechen.

Stefanie Baier-Ruchti weiß, dass sie noch vieles vor sich hat. „Aber das ist ganz normal. Ziele sind wichtig“, meint sie und lacht: „Ich bin eine One-Woman-Show mit einem super Team und einer sehr guten Assistentin und ich bin überzeugt davon, dass wir noch einiges gemeinsam bewegen werden. Das alles wäre allerdings ohne die tolle Vorarbeit meiner Eltern gar nicht möglich gewesen. Dafür bin ich sehr dankbar. Besser hätte ich es nicht haben können“.

Text: Sabina Riegger · Fotos: privat

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