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Pflege-Notstand auch im Ostallgäu

Mangelnde Beaufsichtigung von Patienten, langes Warten auf eine Pflegekraft oder sogar zeitliche Verschiebungen von Operationen und Eingriffen. Nicht selten herrschen diese und ähnliche Situationen in unseren bundesdeutschen Krankenhäusern. Der Hauptgrund für die Verhältnisse vielerorts ist der Notstand an fachlichem Personal.

L aut einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf fehlen derzeit mehr als 100.000 Pflege-Vollzeitstellen in den deutschen Kliniken. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte zwar bereits angekündigt, diese Lücke mit 13.000 Pflegekräften möglichst bald schließen zu wollen. das dürfte allerdings eher ein Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn man in die Zukunft blickt. Denn dazu kommt, dass gleichzeitig auch die Zahl der Pflegebedürftigen, die in Krankenhäusern aufgenommen werden, seit Jahren ansteigt.

Genauso wie die Patienten leiden auch viele Fachkräfte unter dieser Situation. Denn oft muss eine einzige Pflegekraft bis zu zehn oder sogar mehr Patienten während ihrer Schicht versorgen. In Nachtzeiten sind die Zahlen in manchen Ballungsgebieten noch drastisch höher. Im Landkreis Ostallgäu ist das Thema Pflege-Notstand zwar auch spürbar, allerdings bei Weitem nicht in diesem Ausmaß, bestätigt Ute Sperling, Vorstand der Kliniken Kaufbeuren-Ostallgäu. „Entgegen vieler anderer Klinik-Unternehmen habe ich von Anfang an das Ziel verfolgt, Pflegekräfte nicht zu limitieren, sondern möglichst viele davon gewinnen zu können, sodass wir den klassischen Pflege-Notstand, so wie ihn viele andere Kliniken aktuell haben, zum Glück nicht haben.“ Dennoch fehlen sowohl in der Wertachstadt wie auch in Füssen und Buchloe Pflegekräfte in einzelnen Bereichen der Versorgung. Das betrifft vor allem die sogenannten Intensiv-Pflegekräfte oder auch Fachkräfte für individuelle Kinderpflege. „Dieses Problem herrscht derzeit aber in ganz Deutschland“, so Sperling. „Weil für diese Berufe auch noch zusätzliche Ausbildungen und Qualifikationen erforderlich sind. Viele schrecken genau davor zurück. Trotzdem sind wir insgesamt gut aufgestellt. Auch Situationen wie das Verschieben von Operationen oder ähnliches hatten wir in unseren Häusern noch nicht. Sicherlich könnten wir noch mehr Patienten versorgen, wenn uns noch mehr Pflegekräfte zur Verfügung stehen würden. Einen Pflege-Notstand gibt es also, aber eben nicht pauschal gesehen.“

Ist der Mangel an Fachkräften in bestimmten Bereichen enorm hoch, könne dies auch die Fehlerquote der einzelnen Pflegekräfte erhöhen, heißt es in der Studie weiter. So können in Stresssituationen sogar Medikamente vergessen oder falsch dosiert werden. Fehlt zudem noch die Zeit für notwendige Hygienemaßnahmen, steigt auch das Infektionsrisiko, ebenso wie das Risiko für Fehler mit gar tödlichem Ausgang. „Zum Glück treffen uns auch diese Bereiche in dem Ausmaß wie in anderen Kliniken nicht“, so Sperling. „Außerdem kommunizieren wir regelmäßig potentielle Risiken und haben dafür ein ausgeprägtes Risikomanagement etabliert. Allerdings sind solche Stresssituationen und daraus resultierende potentielle Fehler aber auch generell nie ganz auszuschließen, so wie in jedem Beruf.“
Aber nicht nur in Kliniken, auch bei ambulanten Pflegediensten und Seniorenheimen in der Region sind die Auswirkungen des Notstands zu spüren. Nicht selten kommt es vor, dass sogar ein Aufnahmestopp für Patienten gilt, weil keine Pflegekräfte gefunden werden können. “Die Auswirkung ist drastisch, nicht nur für uns ambulanten Pflegedienste, sondern auch für die Kunden, die auf einen Pflege- oder Betreuungsplatz dringend warten”, sagt Olga Hegel vom ambulanten Pflegedienst OptiMMed in Füssen. „Auch wir spüren diesen Notstand deutlich“, bestätigt Matthias Stroeher, Leiter des Seniorenheimes St. Michael in Füssen. „Dies hat zur Folge, dass wir teilweise gezwungen sind, fachliche Zeitarbeiter einzustellen, die allerdings relativ teuer sind. Der Fachkraftmangel führt auch bei uns letztendlich dazu, dass wir das Angebot der Pflegeplätze reduzieren müssen, obwohl die Anfragen sehr hoch sind. Finden wir diese Kräfte nicht im eigenen Land, müssen wir sie aus dem Ausland holen und hier bei uns anerkennen.“

Die Zukunft sieht auch Ute Sperling von den Kliniken Kaufbeuren-Ostallgäu insgesamt eher kritisch. „Denn es wird eine ganze Zeit lang dauern, bis der Beruf der Pflege auch in der Bevölkerung wieder eine höhere Akzeptanz und Anerkennung gewonnen hat. Kritisch auch, weil der Markt und der Kampf um Pflegekräfte in Zukunft noch konkurrenzreicher und härter wird. Es geht mehr und mehr darum, Pflegekräfte zu gewinnen und zu behalten.“ Um das zu gewährleisten und Anreize zu schaffen, ergreift das Klinik-Unternehmen mit unterschiedlichen Programmen auch zusätzliche Maßnahmen, wie beispielsweise eine eigene Kinderbetreuung am Standort Kaufbeuren oder spezielle Arbeitszeitmodelle für die Abteilungen in den einzelnen Häusern. Dennoch fordert auch Ute Sperling von der Politik eine Weichenstellung. „Das größte Problem bleibt dabei, dass wir für den vorhandenen Bedarf in unserem Land nicht ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung haben, dagegen muss die Politik etwas tun.“

Text: Lars Peter Schwarz

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