Menschen

Für ein „Mehr Miteinander“ der Generationen

Das Leben muss von Alt und Jung gestaltet werden

Story Highlights

  • 10 Jahre Mehrgenerationenhaus in Roßhaupten
  • Neue Wohn-Konzepte für die Zukunft
  • Nachbarschaftliche Unterstützung und Zeitvorsorge
  • Mehr Engagement für Mehrgenerationenwohnen
  • Attraktive Wohnmöglichkeiten fördern und unterstützen
  • Ältere Menschen „so aktiv wie nie zuvor“

Senioren, die mit jüngeren Menschen Zeit verbringen, und Kinder und Jugendliche, die ihre Zeit gerne mit älteren Menschen zusammen sind. Was früher im Grunde selbstverständlich war, nennt man heutzutage „Mehrgenerationen-Treff“ oder ähnlich. Gemeint sind Plattformen, bei denen es darum geht, Alt und Jung zusammenzubringen, um Erfahrungen auszutauschen oder sich gegenseitig einfach nur zu helfen. Natürlich, früher hatte man in der Familie noch etwas mehr Zeit füreinander. Früher wohnte die Oma oder der Opa oftmals noch in dem gleichen Haus, wie die jüngere Fraktion der Familie. Heute sind beide Elternteile meist berufstätig, Kinder tagsüber in der Ganztagsschule oder einer ähnlichen Betreuung, danach in Sport-, Musik- oder anderen Vereinen, während die Großeltern oft in einer Senioreneinrichtung untergebracht sind. In nicht wenigen Fällen ist diese Einrichtung auch noch mehrere Kilometer entfernt, wo man also nicht „einfach mal schnell vorbei schauen kann“. Zeit für einen Austausch zwischen den Generationen bleibt somit heute vielerorts nur noch selten.

10 Jahre Mehrgenerationenhaus in Roßhaupten

Wie wichtig dieser Austausch aber ist, zeigt die Tatsache, dass diese Thematik für nahezu alle Kommunen in der Region ganz oben auf der Agenda steht. Schließlich geht es dabei auch um den Weg in eine Zukunft, die von allen Generationen gemeinsam gestaltet werden sollte. Wie gut das funktionieren kann, zeigt sich in der Gemeinde Roßhaupten am Forggensee. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es dort das Mehrgenerationenhaus „Mitanand“, ein zentraler Begegnungsort, an dem das Miteinander der Generationen auch aktiv gelebt wird. Hier finden viele gemeinsame Aktivitäten statt, Jüngere helfen Älteren und umgekehrt, genauso wie das in einer guten Nachbarschaft eigentlich üblich ist. „Das Zusammenspiel der Generationen funktioniert bestens“, bestätigt Leiterin Anette Schweiger. „Unser zentrales Element ist der Generationen-Mittagstisch hier im Haus, zu dem bis zu 30 Personen kommen. Dazu werden die Kinder von den Älteren über den Nachmittag betreut oder bei den Hausaufgaben unterstützt. Die Senioren freuen sich, ihr Erfahrungswissen weiterzugeben, was die Kinder auch sehr zu schätzen wissen. Für viele Kinder ist der Mittagstisch aber gleichzeitig auch eine Art Ersatz für das gemeinsame Mittagessen zu Hause. Ich glaube, dass uns die Roßhauptener nicht mehr missen wollen, wir sind zu einer festen und wichtigen Einrichtung geworden.“

Neue Wohn-Konzepte für die Zukunft

Rund 40 Bürgerinnen und Bürger unterstützen die Arbeit des Mehrgenerationenhauses auf ehrenamtlicher Basis. Um das „Mitanand“ für die Zukunft noch mehr auszubauen, werden in Roßhaupten derzeit weitere Gedanken gefestigt. Denn die Gemeinde hat bereits vor längerer Zeit ein Grundstück im Herzen des Ortes gekauft, auf dem in den kommenden Jahren ein gemeinschaftliches Wohnprojekt entstehen könnte. Jung und Alt in unmittelbarer Nähe wird aber auch bereits seit Jahrzehnten in der Nachbargemeinde Seeg mit Erfolg praktiziert. Hier leben die Senioren des Caritas-Zentrums ohne Barriere direkt neben den Kindern, die in der Tagesstätte St. Ulrich betreut werden.

„Es geht aber nicht nur um die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten“, sagt Seegs Bürgermeister Markus Berktold. „Hier findet generell viel Austausch statt, wenn sich Jung und Alt treffen, ob auf dem Spielplatz oder bei Geburtstagsfeiern. Wünschenswert wäre aber, dass wir vor allem für die Zukunft ein Konzept finden, in dem wir junge und ältere Menschen schon in Nachbarschaften zusammenbringen. Denn oft ist es so, dass in neu ausgewiesenen Baugebieten oder auch bestehenden Wohngegenden vermehrt jüngere Menschen zusammenkommen. So hat jeder Ortsteil oft seine eigene Generation. Hier gilt es, neue Wege zu finden. Die Frage nach dem Miteinander wird sich also weiterhin stellen.“

Vor rund elf Jahren hat auch die Gemeinde Rieden am Forggensee bereits eine Maßnahme umgesetzt, die Menschen unterschiedlichen Alters zusammenbringt. Unter dem Motto „Mir Dahoam“ treffen sich vier Mal wöchentlich Kindergarten- und Schulkinder sowie ältere Bürger zum Mittagessen. „Anschließend werden die Kinder auch bei uns dann bis in den Nachmittag hinein betreut“, erklärt Bürgermeister Max Streif. „Dafür hat die Gemeinde die Räumlichkeiten geschaffen und zwei Mitarbeiter eingestellt, elf weitere Personen helfen ehrenamtlich. Hier kommen Menschen von drei bis neunzig Jahren zusammen.“ Ebenso wie in anderen Orten in der Region, hat sich auch im Dorf der Königsschlösser ein Generationen-Treff mittlerweile sehr gut etabliert. Beim „Schwangauer Mitanand“ kommen Jung und Alt regelmäßig einmal im Monat bei wechselnden Gastronomen zusammen, um sich beim gemeinsamen Mittagessen auszutauschen.

Nachbarschaftliche Unterstützung und Zeitvorsorge

Bereits in den vergangenen Jahren wurden in vielen Gemeinden der Region zudem individuelle Seniorenkonzepte ausgearbeitet, die generationsübergreifende Maßnahmen enthalten. „Vieles hat sich auch von selbst entwickelt“, sagt Pfrontens Bürgermeisterin Michaela Waldmann. „So wie der Verein für Nachbarschaftliche Unterstützung und Zeitvorsorge, kurz NUZ, hier im Ort, der ursprünglich als eine Art Tauschbörse für Zeit und Dienstleistungen angefangen hat. In den zehn Jahren, in denen der Verein nun besteht, hat sich das im ganzen Gemeindegebiet exzellent entwickelt. Hier hilft sich Jung und Alt, der Verein fördert das soziale und kulturelle Miteinander und organisiert auch wöchentliche Treffs in den Ortsteilen Steinach und Rehbichl. Den Gedanken an ein Mehrgenerationenhaus gibt es aber auch bei uns, denn das würde auch hier in Pfronten Sinn machen.“ Anders sieht es dagegen in Füssen aus. „In der Stadt ist das Leben generell etwas anonymer als in einer kleinen Gemeinde, in der sich fast jeder kennt“, so Füssens Bürgermeister Paul Iacob. „Dazu kommt, dass manche Maßnahmen, wie zum Beispiel ein Generationen-Mittagessen, in Füssen aufgrund der Einwohnerzahl schwer umsetzbar sind. Das einzige, was wir hier tun können ist, das Engagement jedes Einzelnen zu fördern, mehr Zeit für Mitmenschen aufzubringen. Hier geht es also eher zentral um ein positives Miteinander mit gegenseitigem Verständnis.“

Mehr Engagement für Mehrgenerationenwohnen

In nahezu allen Gemeinden in der Region wird derzeit aber auch über Gesamtkonzepte nachgedacht, die nicht nur die Menschen allen Alters zusammenbringen sollen, sondern gleichzeitig auch Möglichkeiten schaffen, ältere Bürger zu pflegen und zu versorgen. Im benachbarten Reutte überlegt man, in zwei Richtungen zu agieren. „Das ist zum Einen die klassische Umsetzung eines Hauses der Generationen mit stationären Pflegeeinrichtungen, betreutem Wohnen, Tagespflege, Beratungsstellen, Kinderbetreuung und Junges Wohnen als eine gangbare Möglichkeit der Umsetzung“, erläutert Bürgermeister Alois Oberer. „Voraussetzung ist aus meiner Sicht allerdings, dass den künftigen Bewohnern klar ist, was auf sie zukommt und sie auch bereit sind, sich freiwillig zu engagieren. Andererseits werden wir uns aber auch im Gemeinnützigen Wohnbau bemühen, gemeinsam mit den Bauträgern generationsübergreifende Modelle zu entwickeln und umzusetzen.“

Mehr an eine professionelle Einrichtung denkt dagegen Halblechs Bürgermeister Johann Gschwill. „Eine Art Mehrgenerationenhaus würde sicher auch in unsere Gemeinde sehr gut passen. Es geht aber darum, die richtige Form zu finden, wie wir die Generationen hier unter ein Dach bekommen. Mit dem ehemaligen Schulgebäude im Ortsteil Bayerniederhofen hätte die Gemeinde auch ein passendes Gebäude dafür, mitten im Ort, mit Parkplätzen und sogar einer eigenen Turnhalle und einer Kegelbahn. In dem großen Haus sind bereits das Jugendheim und die Nachbarschaftshilfe untergebracht, darüber könnte eben ein generationsübergreifendes Wohnen angesiedelt werden. Ich würde mir dafür aber einen fachlich kompetenten Partner als Betreiber wünschen, der dieses Projekt in die Hand nimmt. Die Gemeinde würde dieses Engagement unterstützen.“

Attraktive Wohnmöglichkeiten fördern und unterstützen

Dabei stellt sich der Bedarf nach generationsübergreifenden Einrichtungen von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich dar. Knapp 30.000 Menschen über 65 Jahren leben insgesamt im Landkreis Ostallgäu. „Wie viele davon zu Hause leben oder in verschiedenen Einrichtungen ist allerdings schwierig festzustellen“, erklärt Seniorenbeauftragte Christine Seiz-Göser. „Wir wissen anhand der Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik, dass im Ostallgäu im Jahr 2015 etwas mehr als 3.000 Personen Leistungen der Pflegeversicherung erhalten haben. Etwa 72 Prozent dieser Leistungsempfänger leben zu Hause und 28 Prozent davon in stationären Einrichtungen.“

„Grundsätzlich müssen wir unterscheiden, wo sich die unterschiedlichen Generationen begegnen und wo eine Generation für die andere Generation sorgt“, sagt Landrätin Rita Maria Zinnecker. „Der klassische Begegnungsort ist immer noch der Verein, wo verschiedene Generationen aufeinandertreffen und die Möglichkeit haben, voneinander zu lernen. Durch den Wegfall von Gasthöfen, Nahversorgung oder den Verlust der Dorfmitte reduzieren sich aber die natürlichen zentralen Treffpunkte für Austausch und gemeinsame Aktivitäten. Zudem wird der Aktionsradius im Alter kleiner und der Wohn- und Lebensort bekommt eine besondere Bedeutung. Deshalb kommt hier den Gemeinden und lokalen Strukturen eine besondere Bedeutung zu. Der Wohnraum muss angepasst werden und alternative, attraktive Wohnmöglichkeiten wie Mehrgenerationenwohnen oder ambulant betreute Wohngemeinschaften sollten deswegen aktiv gefördert und unterstützt werden.“

Ältere Menschen „so aktiv wie nie zuvor“

Das Miteinander der Generationen ist es, was unsere Gesellschaft zusammenhält. „Denn jüngere und ältere Menschen profitieren beide, wenn sie sich gegenseitig unterstützen“, erklärt Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer im Interview mit Füssen aktuell. „Ältere Menschen sind so aktiv wie nie zuvor. Sie wollen sich in die Gesellschaft einbringen und etwas von ihrer Lebenserfahrung an die nächsten Generationen weitergeben. Genauso wie junge Menschen und Familien die Großelterngeneration brauchen, die ihnen unter die Arme greift. Für diesen Zusammenhalt brauchen wir gute unterstützende Maßnahmen.“ Immerhin gab es noch vor etwa vier Jahren bayernweit 44 generationsübergreifende Wohnprojekte. Im Jahr 2017 ist die Zahl bereits auf knapp 100 gestiegen und spiegelt die steigende Nachfrage nach solchen Maßnahmen wider. „Deswegen fördert der Freistaat eine Reihe von Projekten und unterstützt ebenso generationsübergreifende Lernprojekte, aber auch Wohn- und Begegnungsprojekte, wie die Mehrgenerationenhäuser. Die Umsetzung dieser Projekte erfolgt angepasst an die Bedürfnisse in den Gemeinden“, so Kerstin Schreyer.

Immerhin stellt der Freistaat für die Umsetzung der Projekte auch Gelder zur Verfügung. So gibt es Fördermöglichkeiten unter anderem über das Programm „Soziale Stadt“ beim Amt für ländliche Entwicklung oder beispielsweise auch die Förderung für Selbstbestimmtes Leben im Alter „SeLA – generationenübergreifende Wohnformen“. Grundsätzlich setzt sich ebenso der Landkreis ein, wenn es darum geht, Ideen umzusetzen, die das Miteinander von Jung und Alt fördern. „Unter anderem begleiten und unterstützen wir die Gemeinden bei der Implementierung von sogenannten Quartierskonzepten, die immer das Ziel haben, Begegnungsorte für die gesamte Bevölkerung zu etablieren“, erklärt Landrätin Zinnecker. „Der Kreisjugendring führt zudem unter dem Motto „Jugend ins Ehrenamt“ verschiedene Maßnahmen durch, in denen es Jugendlichen ermöglicht wird, mit anderen Generationen in Kontakt zu kommen und ihre Sozialkompetenz zu erweitern. Die Ehrenamtsbeauftragte des Landkreises unterstützt dagegen Vereine und ist Ansprechpartnerin für verschiedene Fragestellungen, auch bei Konflikten zwischen den Generationen.“ Konflikte, die es zwischen Generationen irgendwann vielleicht gar nicht mehr so viele geben wird, wenn die Zukunft durch ein „mehr Miteinander“ gestaltet wird.

Text: Lars Peter Schwarz · Bild: fotolia

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