Kolumne

Selbstliebe

Es schneit. Draußen ist es kalt und inzwischen längst dunkel. Es ist spät am Abend. Ich sitze vor meinem Notebook und starre auf das gedämmte Wohnzimmerlicht. Im Hintergrund läuft schwedischer Free-Jazz. Eigentlich sollte ich noch recherchieren. Für einen Report. Es geht um junge Frauen aus verschiedenen Kultur- und Religionskreisen und deren Einstellung zur Liebe und Selbstliebe.

Selbstliebe. Ein besonderes Wort, das mich wahrscheinlich für immer an ein Interview erinnern wird, das ich neulich geführt habe. Am anderen Ende der Leitung war eine junge Frau am Telefon. Sie sagte: „Weißt du, wichtig ist doch, dass ich meinen runden Arsch liebe. Dafür brauche ich keinen anderen. Das ist Selbstliebe!“

Es hat gefühlt eine Sekunde lang gedauert, bis es dann auch um mein Hinterteil ging: „Was ist mit deinem Arsch, liebst du ihn auch?“ Ich wollte ehrlich sein, darum ging es hier ja. Also sagte ich: „Ähm, ich sehe den ja nicht so oft…“ Das war nicht die Antwort, die sie hören wollte. In ihren Augen war meine Selbstliebe genauso unnütz wie die hässliche, rotglänzende Schwellung eines ausgedrückten Pickels. Wow. Das war wohl so ein Aha-Erlebnis. Ich meine, mir wurde ernsthaft klar, dass ich keine emotionale Beziehung zu meinem Hintern habe und wahrscheinlich auch nie eine haben werde. Und vielleicht ist genau das die Sache: Es war mir egal. Und gleichzeitig wurde mir aber klar, dass Selbstliebe genau das bedeutet. Also, zu sich zu stehen. Mit welchem Hintern auch immer.

Ich höre den Schweden noch immer zu. Ich mag ihre Musik. Und um ehrlich zu sein dachte ich, deren Jazz wäre bestimmt ein reduziertes Midsommar-Special aus Malm und Billy. Aber das war es nicht. Weihnachten steht kurz bevor. Und Silvester. Und die vielen Lügen wie: „Entspannte Vorweihnachtzeit“, „Ich wünsche mir Nichts“, oder „Im nächsten Jahr halte ich meine Vorsätze wirklich ein“.

Es war gut, hier zu sitzen, das gedämmte Licht anzustarren, die Schweden zu hören und nochmal an die Po-Sache zu denken. Ich bin jetzt einfach glücklich. Vor allem, weil ich ehrlich weiß, dass alles gut ist. Trotz Weihnachtsstress und für immer verlorenen Vorsätzen. Es sind noch vier Titel vom Album übrig. Dann gehe ich ins Bett. Und so lange bleibe ich hier noch sitzen, höre zu und denke nach. Aber vorher schreibe ich zu Ende. Den Schluss:

„Eine gute Schwäche ist besser, als eine schlechte Stärke“
– Charles Aznavour

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