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Die Arbeit der Beratungsstelle für psychische Gesundheit in Füssen

Einrichtung immer stärker frequentiert

Sie leben direkt in unserer Mitte. Sie arbeiten an Postschaltern, auf Ämtern, an Hotelrezeptionen, in Dienstleistungsbetrieben oder auch in Verwaltungen und Werkshallen. Betroffen können alle Menschen sein, egal in welchem Alter, im Grunde also jeder Einzelne von uns. Wann ein Problem zu einem psychischen Problem wird, weiß keiner. Die Psyche des Menschen ist vergleichbar mit einer Brücke, die einen Schwertransport gerade noch tragen kann, aber durch den Radfahrer dann zum Einsturz kommt. Auch bei uns im Füssener Land gibt es einige Menschen, die professionelle Hilfe in vielen unterschiedlichen Lebensfragen und –lagen benötigen. Immerhin wird die Beratungsstelle für psychische Gesundheit in Füssen von bis zu 450 Menschen im Jahr genutzt, hierfür leisten die Mitarbeiter insgesamt bis zu 3.200 Beratungsstunden.

Der Dienst richtet sich an alle Menschen, die in irgendeiner Form mit einer psychischen Auffälligkeit, Schwierigkeit oder Erkrankung zu tun haben. Das können Ängste oder Schizophrenien sein, die dazu führen, dass sich der Mensch nicht mehr auf sein normales Leben konzentrieren kann. Ausgelöst durch Beziehungsstress oder Probleme, die bei der Arbeit oder im privaten Leben entstehen. Der Auslöser selbst muss dabei nicht wirklich gravierend sein. Oft entwickeln sich dadurch Ängste, Traumata, Depressionen oder auch eigenartige Gefühlsstörungen.

Seit 1997 gibt es die Beratungsstelle in der Lechstadt, anfangs nur als Außenstelle der Einrichtung in Kaufbeuren, seit gut vier Jahren jetzt als eigene vollwertige Station. Insgesamt fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit sorgen sich dabei um die Klienten. In den vergangenen Jahren haben sich die Beratungsstunden deutlich erhöht, sagt der Leiter der Einrichtung und Sozialpädagoge Sergej Hollmann. Das liege wohl an dem immer größer werdenden Druck und den zu erfüllenden Erwartungen, die unser Leben ausmachen und tagtäglich bestimmen. Die Dauer der Behandlungen ist dabei sehr unterschiedlich, manche kommen nur ein paar Mal, andere über mehrere Jahre hinweg öfters. In manchen Fällen, sagt Hollmann nachdenklich, „können wir nicht wirklich helfen, wir können nur begleiten. Wir können nur versuchen alles zu tun, damit Menschen nach ihren psychischen Erkrankungen wieder im Leben Fuß fassen können.“

Beratungen bringen oft auch tragische Schicksale ans Tageslicht
Sergej Hollmann ist gebürtiger Ulmer, aufgewachsen ist er in München. Bevor er ins Allgäu kam, hat er lange Zeit in Augsburg gelebt und gearbeitet. Seit gut vier Jahren nun ist Hollmann in Füssen beheimatet. Die Arbeit vom privaten Leben komplett zu trennen, ist nicht immer leicht, sagt er, vor allem dann, wenn es besonders tragische Schicksale sind, von denen manche Menschen getroffen werden. So wie in dem Fall eines jungen Mannes, der innerhalb weniger Monate schizophren wurde. In seinen Wahnvorstellungen hatte er seine Frau verdächtigt, ihm schaden oder sogar ihn umbringen zu wollen. Seine junge Frau hatte anfangs noch versucht, die psychische Erkrankung auszuhalten, auf Dauer zerbrach ihre Liebe aber an dieser schwierigen Situation. Der Mann wurde anschließend ein Jahr lang im Krankenhaus stationär behandelt. Als er wieder in sein normales Umfeld zurück kam, war nichts mehr wie zuvor.
Besonders ergreifend ist auch der Fall einer jungen Frau, die unter anderem suizidale Gedanken entwickelte. In ihrem Leben häuften sich zu viele Probleme der unterschiedlichsten Art, es war Prostitution im Spiel, dazu ein straffälliger Vater. Für sich selbst und auch ihr kleines Kind sah sie keine Hoffnung mehr, sogar das Jugendamt war hier längst involviert. Angefangen hatte sie mit Selbstverletzungen, es wurde aber noch schlimmer, bis sie dann daran dachte, sich umzubringen.

Gut ein Jahr dauert es, bis eine Schizophrenie diagnostiziert wird. Allerdings kann genau innerhalb dieser Zeit auch sehr viel passieren. Große Probleme im Arbeitsumfeld sowie im privaten Leben können dadurch entstehen. „Es gibt ein Ergebnis einer amerikanischen Studie“, so Hollmann, „das mir persönlich für meine Arbeit sehr hilft.“ Demnach wurden Menschen nach ihren individuellen Behandlungen gefragt, was ihnen denn letztendlich tatsächlich geholfen hat. „Menschen, die an mich geglaubt haben und Menschen, die einem sagen, dass man Hoffnung haben kann“, waren dabei die häufigsten Antworten.
Die Beratungsstelle ist ein direkter Anlaufpunkt, es gehe in erster Linie um die soziale Arbeit an Menschen aller Altersgruppen, unabhängig von Geschlecht und Religionszugehörigkeit. Schwierig wird es derzeit allerdings mit der Betreuung von Flüchtlingen, zumal in den meisten Fällen die sprachliche Barriere einfach zu groß ist. Behandelt werden können auch keine Flüchtlinge, die sich im direkten Asylverfahren befinden. Allerdings gibt es hier, durch die enge Verbindung mit dem Asylkreis, auch Einzelfälle, die betreut werden.  Beheimatet ist die Beratungsstelle der Diakonie im Sozialpsychiatrischen Zentrum Augustenhof in Füssen. Die Einrichtung arbeitet eng vernetzt mit dem Betreuten Wohnen und der Tagesstätte für seelische Gesundheit. Die Angebote richten sich an Menschen in psychischen Notlagen im gesamten südlichen Ostallgäu. So helfen und beraten die Mitarbeiter nicht nur in Krisensituationen, sie leisten auch langfristige psychosoziale Begleitung.

Der Weg zur Beratung:
Alles beginnt mit einem einzigen Anruf, sagt Hollmann. Innerhalb von drei Tagen bekommt man dann in der Regel auch einen Termin. Ein Krankenschein ist dafür nicht notwendig. Im anschließenden, sogenannten „Clearing“ wird dann entschieden, welcher Weg für den jeweiligen Menschen am besten in Frage kommt. So kann die Beratungsstelle auch an spezielle Fachdienste weiter vermitteln, beispielsweise an eine Schulden-, Familien- oder Erziehungsberatung. Eine maximale Anzahl, wie oft man die Beratungen in Anspruch nehmen kann, gibt es nicht, das hänge auch von jedem einzelnen Mensch selbst ab.

Text · Bild: Lars Peter Schwarz

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