Menschen

„Familie und Beruf müssen zusammen passen“

20 Jahre Ritterstuben in Füssen

Es gibt Menschen, die verzweifeln schon daran, wenn sie Haushalt und Arbeit unter einen Hut bringen müssen. Dann gibt es noch die anderen, zu denen man bewundernd hochschaut  und sich fragt, wie sie das alles nur schaffen. So wie die Winters. Sie haben vier eigene Kinder, zwei Pflegekinder und ein Restaurant. Nein, einen Hund haben sie nicht – aber selbst wenn, würden sie sich auch um ihn mit einer Seelenruhe kümmern. So leicht bringt die Winters nichts aus der Fassung, weil es nichts gibt, was nicht in Ruhe geklärt werden könnte. Familie und Beruf, das war für Gabriele und Claus Winter immer schon von vorneherein klar, müssen zusammen passen.

Wie sie das alles auf die Reihe kriegen, fragen sich viele. Ist es Zeitmanagement oder einfach nur der Spaß an dem was sie tun? „Beides“, meint Claus Winter. Gemeinsam sitzt er mit den Kindern am Familientisch im Restaurant. Sie spielen Mau Mau, während im hinteren Teil des schönen Restaurants Gäste von Mitarbeiterin Silvia und Tochter Carolin bedient werden. Die 17-Jährige hilft gerne mit. Seit sie denken kann, ist das Restaurant für sie und ihre Geschwister das zweite Wohnzimmer. Hier treffen sie sich nach der Schule und essen gemeinsam, diskutieren und planen. Es ist die erste Anlaufstelle.

Seit 20 Jahren gibt es die „Ritterstuben“. Viele rieten dem jungen Paar ab sich selbstständig zu machen. Nur wenige trauten ihnen zu, ein Restaurant zu führen. Es war nicht die Kompetenz, die sie daran zweifeln ließen, vielmehr das Alter. Claus Winter blickt zurück: „Ich war 23 Jahre alt und Gabi 22 Jahre. Ich habe die Ratschläge ignoriert, weil ich der Meinung bin, wer arbeiten kann, schafft das auch. Ausserdem waren wir nicht unerfahren. Wir haben auf Sylt und der Schweiz gearbeitet und wussten was auf uns zukommen wird.“ Gabriele Winter nennt es heute „Blauäugigkeit“ und die positive Einstellung gegenüber ihrer neuen Aufgabe. Bereut haben sie es nie, das zeigen die 20 Jahre. Und dennoch, wenn sie noch einmal vor dieser Entscheidung stehen würden, würden sie es ein bisschen anders machen und manchen Aufgaben sofort mehr Aufmerksamkeit geben. Es gibt nur wenige Ehepaare in der Gastronomie, die nicht an ihrer gemeinsamen Arbeit zerbrechen. Bei den Winters ist es anders. Sie haben von Anfang an klare Prioritäten gesetzt. Erst kommen sie und die Kinder und dann die Arbeit. „Unsere Arbeit ist uns sehr wichtig. Doch wenn wir nicht an uns denken und die Familie, dann leidet auch die Arbeit darunter und letztendlich der Gast“, geben Beide zu verstehen.

Ganz am Anfang ihrer Selbstständigkeit kochten sie die „Novelle Cuisine“ – die neue, leichte Küche mit viel Fisch. „In Sylt bereiteten wir viel Fisch zu und dachten uns, Füssen braucht das auch“. Weit gefehlt. Die Gäste verlangten nach einer guten, bürgerlichen Küche. Kein Schnick-Schnack, sondern ganz einfach eine feine und geschmackvolle Küche. Seit dem gibt es in der Ritterstuben die gute, bürgerliche Küche. Doch das ist nicht die Besonderheit. Das Restaurant ist im gesamten Ostallgäuer Raum wohl das einzige mit einer großen glutenfreien Speisekarte, Getränke wie Bier inbegriffen. „Ich hatte eine Weizenunverträglichkeit und musste damals meine ganze Ernährung umstellen. Da merkte ich, wie viele Menschen es gibt, die das gleiche Problem haben wie ich“, erzählt der Gastronom. Glutenfreies Brot, natürlich selbstgemacht, Kässpatzen aus Kartoffelmehl und viele andere Gerichte stehen auf der Speisekarte und das zu ganz normalen Preisen. Gabriele und Claus Winter legen keinen Wert auf Küchen-Trends, die heute in und morgen wieder vergessen sind. Sie sind in all diesen Jahren authentisch geblieben. „Das merken die Gäste und auch, ob wir unseren Beruf gerne ausüben oder nicht“, meint Claus Winter. Ihr Restaurant spiegelt genau das wieder, was die Beiden sind: Bodenständig, offen und harmonisch.

Gabriele Winter entschied sich für den Beruf der Hotelfachfrau eher aus „Nicht-wissen-was-für-einen-Beruf-ich-lernen-will“. Jetzt scheint es der richtige zu sein, der vor allem auch sehr viel Spaß macht. Für die Eheleute muss eine Arbeit Spaß machen. Schließlich verbringt man die meiste Zeit seines Lebens mit einer Tätigkeit. Claus Winter wollte immer schon Koch werden und ein Restaurant haben. Es war für ihn klar, dass er nach der Schule gleich die Ausbildung dafür machen würde. Dass es gerade das Allgäu werden würde, hatte damals noch keiner geahnt. In Trauchgau begann er dann seine Lehre – dort, wo der Allgäuer Dialekt so ausgeprägt ist, das selbst Füssener zwei Mal hinhören müssen, um alles zu verstehen. Claus Winter erinnert sich noch sehr gut an die Anfangszeiten. „Erst einmal habe ich nichts verstanden, aber dann bekam ich eine Dialektschulung und es wurde verständlicher. Als ich Gabis Großvater kennenlernte, sagte er: wenn ihr a mol a derweil hobts, dann kommet ihr zum hoigarte. Ich sagte nur ja und verstand kein einziges Wort“, erzählt er lachend. Mit dem Dialekt ist er schon längst auf Du und Du und „hoigarte“ ist für ihn nichts befremdliches mehr. Ganz im Gegenteil.

Text: Sabina Riegger · Bild: privat

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