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„Echte Frauen haben Kurven und echte Männer wissen das“

Das Rockabilly-Girl Julia Hartmann

Julia Hartmann fällt auf. Sie hat rot geschminkte Lippen, eine rote Blume im Haar und viele bunte Tattoos. Sie erinnert an die 50er Jahre, als die Frauen mit Pettycoats, Pumps, Bleistiftröcken und Handschuhen ihre Weiblichkeit unterstrichen. Sie mag den Pin-up Glamour, Elvis in seinen jungen Jahren und natürlich das Pin-up Girl Bettie Page. In Berlin oder Hamburg würde Julia Hartmann nicht auffallen. In Pfronten sieht die Welt ein bisschen anders aus. Da fällt jeder auf, ob er das will oder nicht.

Dennoch würde Julia Hartmann nie in der Zeit leben wollen, die sie äußerlich verkörpert. „In den 50ern würde ich nicht leben wollen. Eine Frau durfte nicht emanzipiert sein. Sie war immer nur für die Kinder, Küche und Familie da, konnte nichts selber entscheiden, weil das die Eltern und später der Mann für sie übernahmen. Ich bin sehr emanzipiert“, sagt sie.

Sie verkörpert das was sie ist, eine Frau mit Rundungen, die sie gut in Szene setzt. Ihr Erfolgsrezept: Selbstbewusstsein und eine großzügige Prise Rock’n’Roll. „Ich hätte mich früher nie getraut körperbetonte Kleider zu tragen, Ausschnitte waren für mich tabu. Ich dachte immer, Frauen mit Rundungen können das nicht tragen. Heute weiß ich, dass es nicht so ist. Man kann sich schön und elegant anziehen, auch mit ein paar Pfunden mehr. Echte Frauen haben Kurven und echte Männer wissen das“, lacht sie. Übrigens unverzichtbar für die Rockabillies sind die Tattoos. Auch für Julia Hartmann. Ihr Dekolleté ziert ein Blumentattoo und ein Schriftzug in rot. Live free, be loud, have fun, die proud (Lebe frei, sei laut, habe Spaß und sterbe stolz), steht in Schreibstift geschrieben. Es ist ihr Lebensmotto geworden. „Wenn man mit kranken Menschen zu tun hat, dann sieht man, wie schnell sich Dinge ändern können. Ich habe gelernt mein Leben zu schätzen, deswegen sollte man nichts bereuen, weil man nicht weiß, wann es zu Ende ist. Mein Vater war 60, als er dieses Jahr an Krebs gestorben ist“, sagt sie ernst. Er war es, der ihre Mutter be-
ruhigte, wenn Sie mit einem neuen Tattoo nach Hause kam. Er sagte dann immer: Lass das Kind laufen. Julia Hartmann erinnert sich: „Es war Sommer, ich hatte ein rückenfreies Kleid an und wollte mit meiner Mutter einkaufen gehen. Dann sagte sie: Willst Du mit mir so durch das Dorf gehen? Ja, sagte ich – ich bin nicht kriminell, ich bin ich.“

„Ich habe das Altersheim vermisst und meine dementen Senioren“

Julia Hartmann ist in einem kleinen Dorf in der Nähe der holländischen Grenze aufgewachsen. Nach der Schule wollte sie Kosmetikerin werden, bis der Berufsberater ihr dazu riet, einen sozialen Beruf zu ergreifen. Da sie nicht wusste, ob ihr der Beruf der Altenpflegerin gefallen könnte, machte sie zuerst eine einjährige Ausbildung in der Haus- und Familienpflege. Dort bekam sie die Möglichkeit ein halbes Jahr in einem Altenheim zu arbeiten und danach bei einer Familie mit sieben Kindern. „Als 17-Jährige wusste ich nicht, was mich erwartete. Plötzlich war ich auf einem Bauernhof mit sieben Kindern, Eltern, Opa und vielen Tieren. Das war sehr anstrengend, weil ich den ganzen Haushalt machen musste, inklusive dem täglichen Brot backen. Und trotzdem war es interessant. Da merkte ich, dass ich das Altersheim vermisste, und das, obwohl der erste Tag die Hölle war und meine Füße schmerzten. Es war eine Überwindung, Menschen waschen, ihnen Essen geben, Windeln wechseln – aber dann hat es mir sehr viel Spaß gemacht. Bei der Familie hat mir das Altenheim gefehlt. Die dementen Leute haben mir gefehlt, ich merkte, dass ich so gerne mit ihnen zusammen war.“

Ab da war es für Julia Hartmann klar, dass sie Altenpflegerin werden wollte. Mit 21 Jahren zog sie dann nach Hamburg. Vom Dorf in die Stadt. Sie erinnert sich an ihren ersten Arbeitstag im Hamburger Altersheim. „Den ersten Tag habe ich geheult und meinte, ich gehe nie wieder hin. Wir hatten viele psychisch auffällige Leute, Schwerstpflegebedürftige, Minderbemittelte, Prostituierte, Obdachlose… Ihre Gespräche untereinander waren eher Beschimpfungen als Konversation. Es war einfach anders als in einem normalen Altersheim. Zum Frühstück fragte ich eine Bewohnerin, was sie gerne trinken möchte. Sie antwortete: Ein Martini. Zart besaitet durfte man da nicht sein, eher schlagfertig mit Worten“, erzählt Julia.

Ich halte nichts von Klischees

Mit ihren Tattoos hat sie noch nie Probleme gehabt. „Manchmal schauen die Leute, denken sich ihren Teil. Kinder dachten es ist gemalt und haben es weggrubbeln wollen. Das war dann immer sehr lustig.“ Dass Tattoo-Träger meistens mit Klischees behaftet sind störte die junge Frau nie. Ihrer Meinung nach hat jeder das Recht, das zu denken was er will … Freunde sagten ihr, entweder belässt du es bei einem oder du wirst süchtig danach. Bei ihr traf das zweite zu. Mittlerweile hat sie sich 12 Tattoos machen lassen. Nicht alle haben eine Bedeutung für sie, außer einem. Es ist ein Diamant, der strahlt. „Das ist für meinen Vater. Er liebte das Lied „Shine on you crazy diamond“ – das wünschte er sich sogar bei seiner Beerdigung. Er war so musikbegeistert und so offen für alles.“

Julia Hartmann ist anders als ihr Bruder, ganz anders wie sie sagen würde. Sie hat die eine oder andere Subkultur mitgemacht, während er immer der liebevolle „Spießer“ blieb: „Als Unternehmensberater muss man eben Krawatte und Anzug tragen und irgendwie muss doch einer in der Familie anders sein“, meint sie lächelnd. Ganz bürgerlich leben will die 31-Jährige noch nicht. „Es hat Zeit und ich merke, dass ich noch nicht soweit bin“, sagt sie ehrlich. Ihren Job als Altenpflegerin übt sie nicht mehr aus. „Jetzt bin ich in der Intensivpflege und ich darf mich auf eine Person einlassen, man ist da Familienmitglied und da muss es schon von beiden Seiten passen. Das ist ein total schöner Ausgleich zu früher. Es gefällt mir sehr gut.“

Die sechs Jahre in Hamburg haben die heute 31-Jährige geprägt. Sie lernte viele Menschen und ihre Lebenssituationen kennen. Auch die Rockabilly Szene, die tolle und sehr interessante Bars zu bieten hatte. Julia Hartmann kommt gleich ins Schwärmen, wenn sie an den Kiez denkt. „Manchmal vermisse ich es. Hier ist die Szene überschaulich. Ich merke, dass ich auch allmählich ruhiger werde, vielleicht ist es die Nähe zu den Bergen, die das ausmacht“, versucht sie zu erklären. Seit 2011 lebt sie in Pfronten. Liebe Freunde, die sie schon aus Hamburg kannte, haben sie mit ins Allgäu genommen. „Ich war noch nie zuvor in Bayern. Sie sind alle sehr nett hier, aber um wirklich rein zu kommen, das dauert. Ein bisschen  mehr Offenheit würde ich mir schon wünschen.“

Text · Bild: Sabina Riegger

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