Menschen

Vom Wirtschaftswissenschaftler zum Reiseveranstalter

„Ich bin hier stark verwurzelt“

Er wollte nie ein Top Manager werden und doch hätte er die besten Voraussetzungen dafür gehabt. Er arbeitete für ein EU-Projekt die Wirtschaftlichkeit von Biodieselanlagen aus und stellte eine Wirtschaftlichkeitsstudie des Trans-Rapid von Santiago de Chile nach Vallparaiso auf. Seine Doktorarbeit handelte von „Handelbarkeit von Quoten für den Milchmarkt der EU“ und als sich die Grenzen zur damaligen DDR öffneten, baute er in den neuen Bundesländern die Landesversicherungsanstalten auf. „Hier bekam ich einen optimalen Einblick in die Wirtschaft“, erzählt er heute. Dr. Markus Schiegg ist ein Schwangauer, auf dem Land groß geworden und ist tief verwurzelt.

Sieben Geschwister hat Dr. Markus Schiegg, „und dabei dachte ich, dass meine Familie groß ist“, erzählt seine Freundin Maria Fischer, die aus der Nähe von Wien kommt. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Auch sie ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden wie er. „Wir haben die gleiche Sozialisierung“, so der Schwangauer. Schieggs Familie vermietete zwei Zimmer und den Platz ums Haus an Campinggäste, die einen herrlichen Ausblick auf den Illasbergsee hatten. „Es war eine schöne, unbeschwerte Kindheit“, erinnert sich der Wirtschaftswissenschaftler zurück, der sein Studium an der LMU in München absolvierte. Professor wollte er allerdings nicht werden, weil er die Forschung in den Wirtschaftswissenschaften nicht „so toll“ fand. Fünf Jahre lang war er bei der Unternehmensberatung Ernst & Young tätig. „Ich war für die Organisations- und Strategieberatung für Banken & Versicherungen zuständig. Es war eine hochinteressante Sache, besonders in der Organisationsberatung“, erzählt der Schwangauer enthusiastisch. Sprachen waren für den heute 52-Jährigen nicht wirklich relevant, ihn interessierte die Finanzwelt, die Volkswirtschaft – Themen, die alles bewegen und andererseits vieles zum Stehen bringen konnten. Dieser Wissensdurst muss den Schiegg-Kindern in die Wiege gelegt worden sein. Denn jedes der sieben Geschwister hat eine ausgezeichnete Ausbildung bekommen. „Meine Eltern hatten schon geschaut, dass wir eine anständige Ausbildung haben“, erzählt der Familienvater im Dialekt. Schiegg beobachtet seine Umwelt bedacht und analysiert sie ohne voreingenommen zu sein: eben ganz ruhig und vor allem sachlich. Doch manchmal, wenn es ihm zu viel wird, kann es passieren, dass er einen Brief an die deutsche Regierung schreibt. „Sie verschulden sich zu Lasten der zukünftigen Generationen“, sagt er fast wütend. Ja, man kann ihn verstehen – doch ob es „die da oben“ auch so wahrnehmen bleibt unbeantwortet.

Die Frage warum er Reiseveranstalter anstatt Politiker oder Manager geworden ist, beantwortet er ganz ruhig, zurückgelehnt in seinem Bürostuhl und umgeben von vielen Büchern und den vielen Zeichnungen seines jüngsten Sohnes Christoph. „Meine Söhne waren die Ursache, warum ich beschloss, einer Arbeit nachzugehen, um in ihrer Nähe zu sein.“ Schiegg war mit einer Deutsch-Chilenin verheiratet und hat mir ihr zwei Söhne. Nach der Trennung zog die Mutter mit den Söhnen nach Chile. Dr. Markus Schiegg überlegte sich damals was er machen konnte, um bei ihnen zu sein, weil er ihr Leben mitbegleiten wollte. „Ich wollte 200 Tage im Jahr in Chile sein und die restlichen Tage in Deutschland und sonstwo auf der Welt verbringen. Ich überlegte mir, welcher Wirtschaftszweig sich mit meinen Vorstellungen verbinden lässt. So kam ich zu der Idee mit den Studienreisen.“ Der Schwangauer fing an einen Katalog zu produzieren, in dem er Chile und die angrenzenden Länder vorstellte und Reisen anbot. „Ich war ziemlich blauäugig. Der Katalog war eine Sache, aber der Verkauf eine andere. Ich merkte, dass ich die Reisen von Deutschland aus verkaufen musste. Also plante ich um. 200 Tage in Deutschland und 100 Tage in Chile und den Rest der Welt.“

Heute ist Tourismus Schiegg der Reiseveranstalter, der auf seinem Gebiet zu den Top-Spezialisten zählt. Sie planen  individuelle, maßgeschneiderte Urlaube für Südamerika, Kanada, USA, Antarktis und für die Kreuzfahrten auf Flüssen. 25 Mitarbeiter sind für ihn in Schwangau tätig. Seine Söhne Florian und Felix konnte er übrigens „miterleben“. Florian studiert Physik in München und Felix Maschinenbau in Chile.

Text: Sabina Riegger · Bilder: privat

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