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Talfahrt mit Gaudifaktor

30 Jahre Schalenggen-Rennen in Pfronten-Kappel

Sofern Petrus auch dieses Jahr Einsicht mit den Kappelern Schalenggar hat und es noch kräftig schneien lässt, findet das traditionelle und ebenso spektakuläre Gaudirennen heuer bereits zum 30sten Mal statt. Mit am Start wird ganz sicherlich auch wieder ein Team sein, das alle Rennen seit 1977 mit bestritten hat.

Das altbekannte Schneidbacher Scha- lenggar-Duo Hans Möst und Herbert Funke gehört mittlerweile zur Kappeler Faschingstradition wie die Kufen zum Schlitten und das gesamte Spektakel wäre ohne die zwei gebürtigen Nesselwanger fast undenkbar. Als 1977 zum ersten Mal offiziell das Schalenggarrennen ins Leben gerufen wurde, dachten die Sandkastenfreunde nicht im Entferntesten daran, dass sie 37 Jahre später immer noch an den Start gehen und bis dato nie ein Rennen ausfallen lassen mussten. Hans und Herbert sind wahrlich zwei waschechte „Allgäuer Originale“ und wenn ich mir die Bilder von damals und heute anschaue, hat sich dabei nicht sehr viel verändert.

Wilde Sechzehn waren die beiden Freunde, als sie sich für den ersten Lauf angemeldet haben und mit viel Spaß einigermaßen heil im Ziel angekommen sind. Seitdem holen sie jedes Jahr wenige Tage vor dem traditionellen Faschingssamstag immer noch den gleichen Schlitten aus dem Stadel, um ihn für den heiteren Wettkampf vorzubereiten. Der Hörner muss in erster Linie befeuchtet werden, um das Holz widerstandsfähig zu machen, damit er bei der rasanten Talfahrt nicht zu Bruch geht. Für die Herstellung der Schlitten wird vorwiegend Eschenholz verwendet und es gibt nur noch wenige, die dieses Handwerk ausüben, daher kostet ein neuer Schalenggar heutzutage mindestens 500 – 700 Euro. Die gelernten Zimmerer schauen natürlich, dass sie kleinere Reparaturen selber flicken können und meistens sind sie ohne größere Schäden im Ziel angekommen. Als ich die beiden befrage,  wie sie sich auf das Rennen vorbereiten, müssen sie herzlich lachen. „Im Prinzip gar nicht, den Rost a bisserl von den Kufen wischen, nei ins Gwand und des war‘s dann o scho“, grinst Herbert. S‘ Gwand ist in diesem Fall die traditionelle Kleidung, bestehend aus Kniebundlederhose, Ski- und Bergschuhe zum Bremsen und Lenken und ganz wichtig, die unverwechselbar markante Kappe von Hans, die ihn alle Rennen begleitet. Ganz nach dem Motto „Dabei sein ist alles“.

Trainiert haben die 53jährigen Urallgäuer für dieses Event noch nie und selbst die Schlittenkufen bekommen nicht einmal ein wenig Wachs ab. Es gibt wohl ein paar ehrgeizige Profis, die das Schalenggenrennen sehr sportlich und ernst nehmen, die zwei sehen es allerdings ziemlich gelassen. Ins Ziel herunter gekommen sind sie bislang noch immer und gewinnen müssen sie nicht, ihre beste Platzierung war einmal der 23. Rang.

„Das Schönste am Rennen ist das Rennen nach dem Rennen“, erzählt mir Hans Möst und schmunzelt. Man trifft an diesem Tag sämtliche Leute, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht und das ist einfach eine Riesengaudi. Allein schon deshalb darf das Team jetzt, nach 29 abgehaltenen Rennen, nicht fehlen. Nur ein einziges Mal wurde in dieser Zeit die Veranstaltung um vierzehn Tage wegen Schneemangel verschoben, sieben Mal fiel sie den Wetterverhältnissen zum Opfer. Dieses Jahr ist das Gaudirennen auch für das „Schneidbacher Team“ ein kleines Highlight, da sie tatsächlich vom ersten Rennen an gemeinsam auf einem Schlitten die rasante Talfahrt bestreiten. Hans als Hintermann ist für das Bremsen verantwortlich, Herbert sitzt vorne und muss das Gefährt lenken. Auch heute fiebern sie diesem Vergnügen wie damals entgegen. „Wir sind immer noch aufgeregt wie am ersten Tag und haben Lampenfieber“. Der Adrenalinspiegel steigt und es ist jedes Mal wieder eine spannende Herausforderung, zumal es wirklich nicht leicht ist, mit dem Schalenggar unbeschadet und auch noch mit einer passablen Zeit ins Ziel zu kommen. Hans und Herbert freuen sich, wenn sie für die Strecke nicht viel länger als eine Minute benötigen, meistens „parken“ sie ihren Schlitten allerdings im Tiefschnee neben der Abfahrt und das ist dann richtig anstrengend, den Schalenggar wieder in die Spur zu bringen.  Ein paar Profis schaffen die Gesamtlänge unter 40 Sekunden, aber das ist ziemlich riskant und bremsen nicht mehr wirklich erlaubt.

Natürlich kommt es bei der Veranstaltung auch regelmäßig zu Unfällen, meist sind es Knochenbrüche und blaue Flecken. Glücklicherweise wurde bislang noch nie jemand lebensgefährlich verletzt und auch die zwei sind immer mit ein paar Blessuren davon gekommen. „Für uns steht der Spaßfaktor und die Gaudi an diesem Tag im zentralen Mittelpunkt“, nach dem Abenteuer kommt der Abend teuer, scherzen sie gut gelaunt und freuen sich jedenfalls schon riesig, wenn am Faschings-samstag wieder der Startschuss fällt.

Anmelden muss sich das „Schneidbacher Team“ bei der Vereinsvorsitzenden Hanni Allgeier nicht mehr, es wird vorausgesetzt, dass die beiden mit dabei sind. Mittlerweile wurde mit dem Kappeler Schalenggarverein vereinbart, dass sie sich nur noch irgendwann mal abmelden müssen, wenn es vielleicht nicht mehr gehen sollte.  Aber daran denken Hans und Herbert nicht im Entferntesten. „Jetzt sind mir scho 35 Joahr gfahra, dann fahr mer halt nomol 35 Joahr, des isch doch koa Problem für uns“, erklärt mir Hans lachend. Solang es ihre Gesundheit erlaubt, sind sie mit von der Partie und lassen es krachen, es sei denn, vorher kracht der Schlitten, aber selbst dann werden sie nicht aufgeben und höchst motiviert nach einem neuen Schalenggar Ausschau halten.

Texte: Tanja Hiebsch · Bild: privat

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