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Jetzt oder nie!

In der Welt zu Hause und in London daheim
Im Interview mit der Auswanderin Dr. Kerstin Sailer

Mich hat es schon immer in die Ferne gezogen, sagt Kerstin Sailer, 37. Die gebürtige Füssenerin ist Mutter von zwei kleinen Töchtern, Ehefrau, promovierte Architektin und Auswanderin. Gemeinsam mit ihrem Mann Christian ging sie 2006 wegen eines Jobangebots nach London.

Ein Jahr vor der Auswanderung ging sie als Auslandsstipendiatin für ihre Promotion erstmals nach London, allerdings noch ohne den damals frischgebackenen Ehemann. „Das war gleich nach unserer Hochzeit im Sommer 2005. Es war zwar hart, aber es ging schon irgendwie. Wir führten ja vorher auch schon mal eine Fernbeziehung“ sagt Kerstin Sailer. Heute, acht Jahre später, wurde aus dem einstigen Auslandstipendium für fünf Monate ein Leben in London mit zwei gemeinsamen Kindern, einem Haus im Grünen und erfolgreichen Jobs.

Fiel es Ihnen schwer, in einem neuen Land nochmal ganz von vorne anzufangen?
Mich hat es einfach schon immer in die Ferne gezogen. Neue Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen fand ich immer schon interessant. Als ich 15 war, habe ich an einem Schüleraustausch teilgenommen und war für drei Monate in Australien. Mit 17 ging ich mit Freundinnen nach Irland und später während meines Studiums habe ich ein Auslandspraktikum in Ghana gemacht. Deswegen lag London nicht so fern.

Für Sie und Ihren Mann ging es 2006 dann also los. Das „Abenteuer Auswandern“ begann. Wie genau kam es dazu?
Ich habe damals ein Auslandsstipendium im Rahmen meiner Promotion erhalten und bin dann von der TU Dresden aus nach London gegangen, um mich dort mit neuen analytischen Herangehensweisen in der Architektur eines Londoner Professors auseinanderzusetzen. Mein Betreuer vor Ort bot mir letztlich einen Job direkt in London an, der auch genau mit diesen neuen Ansätzen zu tun hatte. Auch Christian konnte hier beruflich relativ schnell Fuß fassen. Er hat Physik studiert und vor unserer Auswanderung am Fraunhofer Institut in Ilmenau gearbeitet. Heute arbeitet Christian bei einer großen Bank im Bereich Software. Für uns war damals einfach klar, wenn dann gehen wir zusammen… Jetzt oder nie!

Ist es denn bei dem Job von damals geblieben?
Ja und nein. Im Moment bin ich noch im Mutterschutz, aber ab Januar kehre ich in die Arbeit zurück. Ich habe eine  Stelle am UCL, dem University College London. Dort bin ich in der Lehre und Forschung tätig. England ist einfach viel „nachwuchsfreundlicher“. Hier ist es mir möglich, als unabhängige Wissenschaftlerin zu arbeiten

Von London hört man immer, dass es sehr teuer sei. Ist es wirklich so?
Ja, das war anfangs echt ein Schock. Hier in London funktioniert alles nach Angebot und Nachfrage. Das heißt, für bestimmte Dinge muss man einfach eine Menge Geld auf den Tisch legen. Wir haben zum Beispiel für unsere vorige 90 m² Altbau-Wohnung in Dresden circa 600 Euro kalt bezahlt. Hier habe ich für meine Studentenbude während meiner Promotion auch 600 Euro bezahlt. Allerdings für nur 9 m², immerhin inklusive Gemeinschafts-Bad und Küche! Wenn man hier neu herkommt, dann muss man eben in irgendeinen sauren Apfel beißen. Und sobald man gute Schulen in seinem näheren Wohnumfeld hat, dann wird es erst richtig teuer. Für unseren Kita-Platz bezahlen wir umgerechnet 1.300 Euro im Monat, was wirklich sehr viel ist, aber ich glaube ich könnte es hier zu Hause mit den Kindern selber nicht besser machen als die Erzieherinnen in unserer Kita. Die Kleinen werden bestmöglich gefördert, essen zusammen, machen Unternehmungen und knüpfen enge Freundschaften untereinander. Hier in London kommen so viele Kulturen zusammen, deswegen feiern die Kinder immer einen anderen Feiertag in der Kita und wachsen so einfach international auf. Sie erlebt da richtig was! Das ist ganz toll für uns und vor allem, da ich sie gerne dort hingebe, ohne ein schlechtes Gefühl dabei haben zu müssen. Und ja, die klassischen Touristen-Angebote sind sehr teuer, aber die besuchen wir eigentlich eh nicht.

Aber Sie waren schon mal im Tower of London, oder?
Nein, noch nie… Ehrlich! Klar, wenn Besuch da ist, dann zeigen wir zwar schon die schönsten Sehenswürdigkeiten und klappern viele ab, aber im Tower war ich noch nie. Wir sind aber auch keine Touristen mehr, sondern wohnen hier und führen einfach ein ganz normales Leben, mit allem was so dazugehört. Wie gesagt, London ist sehr international und es ist immer was los. Wir wohnen zwar mittlerweile in unserem eigenen Haus etwas weiter draußen mit Garten, ruhig und im Grünen. Aber wir können jederzeit wieder mitten ins Geschehen, Doppeldeckerbus fahren, Kunstausstellungen besuchen oder Freunde treffen.

Vermissen Sie Deutschland manchmal?
Ja, schon. Am meisten wegen der Familie. Wir versuchen, ein bis zwei Mal im Jahr nach Deutschland zu fliegen und besuchen dann Freunde und Familie. Und einmal pro Woche ist skypen mit unseren Eltern angesagt, ganz wichtig. Im Sommer kommen wir immer für drei Wochen nach Deutschland, genießen hier die Natur und das Wetter. Das ist in London nämlich scheußlich. Im Winter hat es fünf Grad und Nieselregen und im Sommer zwar 15 Grad aber trotzdem Nieselregen. Es ist immer wieder schön, zu Hause in Füssen zu sein und dann aus dem Fenster zu schauen und den Säuling zu sehen. Oder im Sommer im Schwansee baden zu gehen. Hier können die Kinder Hühner und Kühe beobachten und draußen herumtollen. In England haben wir zwar statt Schwalben Flugzeuge am Himmel, aber es hat alles seinen Reiz. Dafür ist das kulturelle Angebot in London einfach großartig und unsere älteste Tochter ist richtig begeistert von Kunstausstellungen. Erst neulich haben wir eineinhalb Stunden auf einer Kurt Schwitters Ausstellung verbracht. Unsere Kinder lernen so einfach beides kennen.

Und wie steht´s um die englische Kulinarik?
Christian und ich, wir kochen beide sehr gerne. Von Kässpatzen über Curry, aber auch mal „fish and chips“, ist dann alles dabei. Nur Vollkornbrot gibt es hier leider nicht. Zumindest ist keine deutsche Bäckerei unter einer Stunde weg von uns. Deswegen ist mein Mann bei uns fürs Backen zuständig. Alle zwei Wochen wird dann eine Ladung Brot gebacken. Und das Bier in England wird seinem Ruf wirklich gerecht. Es schmeckt furchtbar! Es hat eine komische Farbe, ist lauwarm, hat kaum Kohlensäure und einen merkwürdigen Geschmack.

Bald ist schon wieder Weihnachten, fliegen Sie dann zurück in die Heimat, um mit den Großeltern der Kinder zu feiern?
Nein. Nicht mehr, denn wenn es hier ein oder zwei Mal im Jahr fünf bis zehn Zentimeter schneit, bricht das totale Chaos aus. Hier ist niemand auf Schnee eingestellt. Es gibt keine Winterreifen, wenig Salz zum Streuen und keine richtigen Vorschriften zum Schneeräumen. Die Autos bleiben dann auf der Straße an Hügeln liegen. Busse und U-Bahnen fahren nur noch beschränkt und keiner kommt mehr von A nach B. Das heißt, hier werden dann die Schulen geschlossen und die Eltern bleiben folglich auch daheim. Schneefall ist hier ein extremes Wetterereignis. Da kann man sich vorstellen, wie es dann am Flughafen zugeht… Wir kommen lieber zu anderen Zeiten zu Besuch, das ist weniger stressig. Dann kann man auch darüber  schmunzeln, wenn mal wieder beim ersten Schneeflöckchen alles zum Erliegen kommt. Als ich noch ein Kind war, da bin ich auch bei 20 cm Schnee mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, das war ganz normal, denn die Schule ist da bei uns nicht ausgefallen.

Text: Vivien Ademi · Bild: privat

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