Menschen

Die „Robbe Anna“ – Brücke zur Demenz

Ein Therapieroboter zum Kuscheln

Ganz behutsam streichelt die ältere Dame das weiße, kuschelige Fell von „Anna“. „Du musst keine Angst haben, meine Süße“, sagt sie zärtlich und lächelt dabei. „Anna“ ist ein Roboter mit großen schwarzen Kulleraugen und langen Wimpern. Sie ist ein Robbenbaby, entwickelt von einem Japaner namens Takanori Shibata. Es ist ein so genannter Therapie-Roboter und heißt PARO. Sein Innenleben besteht aus Elektronik und Motoren. Es besitzt die Rechenleistung von zwei Smartphones, ein antibakterielles synthetisches Fell, versteckte Sensoren und einen Schalter zwischen den Hinterflossen. Paro merkt zum Beispiel, ob und wie intensiv sie gestreichelt wird und ist in der Lage, darauf zu reagieren. Intensive Interaktion in Kombination mit gespeicherten Stimmmustern ermöglicht es dann sogar, dass der Roboter Menschen ‚wieder erkennt‘ – und bei Annäherung einer ‚bekannten’ Person durch Bewegung auf sie positiv reagiert: mit Flossenwackeln, Augenklimpern oder Fiepsen. Paro  kann zwischen hell und dunkel, also zwischen Tag und Nacht, unterscheiden. Tagsüber ist Paro aktiver, abends wird er, so ist es programmiert, müde und schließt die Augen. Oder auch früher, wenn die circa 2 Stunden Akku-Laufzeit abgelaufen sind und er – per Stromschnuller – aufgeladen werden muss.

Seit 16 Monaten wird „Anna“ im Seniorenheim St. Michael in Füssen eingesetzt. Fast 6000 Euro wurden für diese kuschelige Therapieform ausgegeben. Die Erfolge sind beachtlich, erklären die beiden Betreuungsassistentinnen Dagmar Heinritz und Sonja Demmler. „Anna“, so heißt die Robbe im Seniorenheim, ist der Liebling der demenzerkrankten Bewohner. Es gibt kaum einen, der sich nicht auf das kleine Robotertier freut.

Liebevoll und mit einem strahlendem Gesicht wird Anna bereits von einem älteren Herrn gestreichelt. Sie macht leise Fiepgeräusche und surrt vor sich hin, wenn  ihr seidenweiches Fell sanft gestreichelt wird.
Dank der eingebauten Mikrosensoren reagiert Anna auf die Kommandos ihrer beiden Betreuungsassistentinnen. „Augen auf Anna“, heißt es und Anna führt ihren bezaubernden Wimpernaufschlag vor. Diese niedliche Mimik und das leise Fiepen wecken in den Demenzerkrankten Menschen Beschützerinstinkte und sie beginnen zu lachen und zu reden. „Sie reden, das ist wichtig!“, trifft Dagmar Heinritz den Nagel auf den Kopf.

Warum wird kein echtes Tier zur Therapie verwendet?

Schnell hat sich die Frage geklärt: Anna ist geduldiger als ein echtes Lebewesen. Während ein Hundewelpe oder eine kleine Katze nicht lange stillsitzen können, sondern lieber ihr Umfeld erkunden, sitzt Anna ruhig da und lässt sich streicheln. „Hunde und Katzen gelten bei unseren Senioren als Nutztiere. Die Hunde sind dazu da, um das Haus zu bewachen und die Katzen, um Mäuse zu jagen. Sie werden nicht unbedingt als Schmusetiere angesehen“, gibt Dagmar Heinritz zu bedenken. Ein weiterer Punkt, warum keine echten Tiere zum Einsatz kommen, sind die strengen hygienischen Vorschriften.  Zudem könnte der eine oder andere Bewohner allergisch auf Tierhaare reagieren. „Es gibt viele Kriterien zu beachten“, so die Betreuungsassistentin. Den Seniorenheimbewohnern wird aber nicht etwa vorgegaukelt, dass Anna ein echtes Lebewesen ist. Ihnen wird von Anfang an gesagt, dass es sich dabei um einen Roboter handelt. „Verwechslungen lassen sich nicht ausschließen, bei schwereren Demenzerkrankungen zerstören wir die Illusionen der Patienten natürlich nicht und begleiten sie in ihrem Glauben, solange dieser positiv ist“, erklärt Sonja Demmler.

Die nicht medikamentöse Behandlung von Demenz vollbringt keine Wunder. Aber sie kann dazu beitragen, dass Betroffene durch positive Erfahrungen und Erlebnisse zufriedener werden und länger selbstständig bleiben. Die Therapie mit Anna findet zweimal in der Woche statt, im Halbkreis sitzen die Bewohner zusammen. Wenn Anna gebracht wird, ist in den meisten Augen schon ein Strahlen zu erkennen. Dann wird sie durchgereicht und gestreichelt und wie von allein kommen alte Erinnerungen hoch. „Anna bildet sozusagen eine Brücke, die den meisten Demenzerkrankten ermöglicht, Gefühle und Erinnerungen in das Jetzt zu transportieren. Es entsteht eine Kommunikation, die vorher nicht möglich gewesen wäre“, so Sonja Demmler

Die Erfolge durch Anna sind vorallem im sozialen- und psychologischen Bereich sichtlich erkennbar. Die Robbe Anna bricht nicht nur die Mauer des Schweigens, sondern amüsiert im allgemeinen die Bewohner und hilft, sie bei verbaler und körperlicher Aggression zu beruhigen. Doch nicht bei allen demenzerkrankten Bewohnern ist diese Art von Therspieform einsetzbar. „Es muss unbedingt der biografische Hintergrund der Betroffenen beachtet werden. So reagiert ein Mensch, der mit Haustieren aufgewachsen ist, anders als jemand aus bäuerlicher Herkunft, der Tiere nur als Nutztiere kennengelernt hat“, erläutert Dagmar Heinritz.

Soll Robbe Anna Pflegepersonal ersetzen?

„Nein, das auf keinen Fall. Anna gibt es immer nur mit uns. Anna legt das Fundament und wir bauen darauf auf“, so die beiden Betreuungsassistentinnen. Der Robbe gelingt es grundsätzlich die Bereitschaft zu einem Gespräch mit den Demenzkranken zu steigern. Das ermöglicht dem Pflegepersonal und den Betreuungsassistenten einen besseren Zugang zu dem demenz erkrankten Bewohner. „Bei einem schwer dementen Mensch ist es schon viel, wenn ein Lachen auf dem Gesicht erscheint“, meint Dagmar Heinritz. „Unsere Anna löst Schlüsselreize aus, sie unterstützt unsere Arbeit. Eine richtige Pflege oder Menschen kann Anna nicht ersetzen“.

Text: Tobias Wolf · Sabina Riegger
Bilder: Sabina Riegger

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