Menschen

Beinamputierter steigt auf den Branderschrofen

„Es war ein persönlicher Triumph“

Viele sind den Branderschrofen schon hoch gestiegen, aber so wie Stefan Hajdu wohl kaum einer. Mit einem Bein und auf Krücken machte er sich mit sechs weiteren Begleitern auf den Weg in das Allgäuer Gebirge. „Nach den ersten drei Kilometern brannten meine Handinnenflächen, sie waren eine einzige Blase“, erinnert er sich zurück. Fünf Tage später war er dann oben auf dem 1.879 Meter hohen Berg. „Als wir oben angekommen sind, brauchte ich einen Tag, um mich zu erholen. Danach ging es wieder runter“, so Hajdu. Heute nach 66 Jahren ist er wieder an den Ort zurückgekehrt, der ihm soviel Zuversicht und Stärke für sein weiteres Leben gab. „Es war mein persönlicher Triumph“, sagt der heute 84-Jährige.

Stefan Hajdu hat viel erlebt, so viel, dass es in Worte nicht zu fassen ist. „Ich habe erst vor ein paar Jahren angefangen, über mein Leben zu erzählen. Zuvor habe ich nur dann etwas erzählt, wenn ich gefragt wurde. Ich hatte Angst, dass man mir das alles nicht glauben würde. Also tat ich das gleiche wie alle Anderen – ich sperrte die Erinnerungen und das Erlebte in mir ein-. Als 15-Jähriger hat er verschiedene Konzentrationslager überlebt, während seine Eltern und die meisten seiner Verwandten und Freunde umkamen. Von seiner körperlichen Beeinträchtigung – er verlor auf dem Weg ins KZ-Flossenbürg sein linkes Bein – hat er sich sein Leben lang nicht behindern lassen. 

Füssen aktuell führte ein telefonisches Interview mit dem charismatischen Mann, der heute in Budapest lebt.

Herr Hajdu, für manche Gesunde ist es schon schwierig genug, zu Fuß auf einen Berg zu steigen. Was hat Sie 1947 bewegt, diese körperliche Strapaze auf sich zu nehmen?
Mein Kindheitstraum war es, zum Film zu gehen oder Fotograf zu werden. In Bad Wörishofen bekam ich zusammen mit sechs anderen ehemaligen Häftlingen eine Fotografiefachausbildung. Der Ausflug nach Füssen war sozusagen unserer Abschlussarbeit gewidmet worden. Natürlich wollte ich mit. Ich sagte den Anderen, dass sie mit mir Geduld haben müssen, aber dass ich es schaffen würde.

Sie waren gerade mal 18 Jahre alt. Dachten Sie ans Aufhören?
Nein. Ich hatte zwar starke Schmerzen in den Händen, aber ich wollte unbedingt da rauf. Da, wo ich mit Krücken nicht durchkam, hab ich meine Hände benutzt und bin sozusagen auf allen „Vieren“ beziehungsweise auf allen „Dreien“ gegangen.

Hatten Sie keine Angst, dass Sie abstürzen?
Oh nein, keine einzige Minute. Ich habe mich sicher gefühlt und vor allem habe ich mich wohl gefühlt. Endlich war ich in den Bergen, die ich so liebe. Ich komme aus dem Balaton und da  gibt es auch Berge.

Was für ein Gefühl war das, als Sie das Gipfelkreuz erreichten?
Unbeschreiblich. Ein persönlicher Triumph. 

Wie hat sich diese Aktion auf Ihr weiteres Leben ausgewirkt?
Insofern, dass ich wusste, dass ich alles andere auch schaffen kann. Ich war stolz und ich fühlte mich stark, auch trotz eines Beines weniger.

Im Tegelberghaus haben Sie sich damals mit Javor Mosha verewigt. Was hatte das zu bedeuten?
Damals gab es eine jüdische Organisation, die Juden nach Palästina bringen wollte, aber sie durften nicht mit eigenem Namen eingetragen werden. Alle Juden waren ja bereits mit ihrem  ungarischen Namen im Lager angemeldet. Damit es nicht nachvollziehbar ist, wo sie sich befinden, haben sie sich jüdische Namen geben müssen. Ich hatte mir damals den Namen Javor Mosha ausgesucht. Als ich im November 1947 nach Ungarn über Salzburg zurück fuhr, hatte ich beide Ausweise bei mir, um zu beweisen, dass ich ein und derselbe bin. Ab diesem Zeitpunkt habe ich dann meinen Namen Stefan Hajdu wieder angenommen. Von der Gruppe ist jeder nach Palästina gegangen, nur ich nicht.

Sie wollten auch nach Palästina ausreisen?
Eigentlich ja, aber ich wurde so krank, dass ich nicht mit den Anderen ausreisen konnte.

War es wegen der Amputation Ihres Beines?
Nein, da hatte ich noch beide Beine. Es war im Januar 1945. Wir durften im Lager duschen. Nach dem Duschen mussten wir raus und draußen warten. Wir waren etwa 50 Personen, es war furchtbar kalt. Der Kapo, der uns abholen sollte, kam einfach nicht – die ganze Nacht nicht. Wir durften uns nicht von alleine entfernen. Also warteten wir. Ich bekam dann eine Rippenfell- und Lungenentzündung.

Sie haben recht, als Sie sagten, dass es vieles gibt, das man eigentlich nicht glauben kann. Als Sie Ihr Bein verloren, waren Sie sehr jung. Wie ist das passiert?
Das war am 9. April 1945 auf dem Bahnhof Zeitz. Wir fuhren in offenen Kohlewaggons. Es waren so viele Menschen, dass manche aufeinander lagen, weil es keinen Platz mehr gab, als der Zug von amerikanischen Kampfflugzeugen angegriffen wurde. Viele Gefangene starben; ich wurde von einem Splitter ins linke Bein getroffen. Mein Bein war in Kniehöhe fast abgerissen. Ich hatte einen Schock und spürte nicht, dass mein Bein nur an einem Stück Fleisch hing. Als wir in andere Waggons ohne ärztliche Hilfe ins KZ Flossenbürg transportiert werden mussten, sah ein SS Mann mein Bein, zog sein Messer raus und schnitt es ab. Mehr tot als lebendig trafen wir am 13. April im KZ Flossenbürg ein, wo mein Bein amputiert werden musste.

Hegen Sie einen Groll gegenüber den Deutschen?
Nein, ganz und gar nicht. Meine Tochter lebt mit ihrem Mann im Schwarzwald und ich war schon sehr oft wieder in Deutschland. Ich wünsche mir für die Zukunft ein friedlicheres Leben ohne Rassismus oder Antisemitismus. Dafür muss man wirklich kämpfen. Deswegen erzähle ich meine Geschichte, damit wir daraus lernen und es nicht wiederholt wird.

Vielen herzlichen Dank, dass Sie uns einen kleinen Blick in Ihr Leben gewährt haben. Alles Gute!
Ich danke Ihnen für das Interesse und die Zeit, die Sie sich für mich genommen haben.

Text: Sabina Riegger · Bild: privat

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