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Wirtschaftskraft mit neuromanischen Formen

Ein Dank an den König

Dem Königlichen Kompagnie Kommando melde ich gehorsamst, dass ich am 10. Juni zum früh 3 ½ durch den reitenden Gendarmen Birkner in Kenntnis gesetzt wurde, dass heute Nacht respektive früh gegen 2 Uhr  eine Kommission in das Schloss Neuschwanstein eindringen wollte, es warn dies die Staatsminister von Crailsheim, Oberstallmeister Hollnstein, Graf Döring, Oberstleutnand Wasington, Medizinalrat Doktor von Gudden und noch ein Arzt, dann noch 4 Wärter im Ganzen 11“, heißt es im Bericht von Ferdinand Poppeler, 1886 Wachtmeister in der Polizeiinspektion Füssen. Es war der unheilvolle Abend, als die Münchner Kommission nach Hohenschwangau fuhr, um den entmündigten König Ludwig II. abzuholen. Doch so leicht wie es sich die Herrschaften vorstellten, wurde es nicht. Denn der bayerische Märchenkönig wurde von seinen Schwangauern geliebt. Sie alarmierten sofort die Feuerwehr, in der Hoffnung, sie könnten ihren König vor den „Eindringlingen“ schützen. König Ludwig II. reagierte umgehend und stellte einen Brief aus, in dem stand, dass die Kommission verhaftet werden sollte und ins neue Schloss gebracht werden muss. Die Kommission, die sich gegen die Verhaftung sträubte und immer wieder sagte, dass der König nicht mehr König sei, stieß auf taube Ohren: Poppeler schrieb: … Ich besann mich einen Augenblick und sagte hierauf: „ Herr Bezirksamtmann, es tut mir leid, diesmal ihren Befehl nicht nachkommen zu können, denn ich habe ja den Befehl zur Festnahme direkt von meinem König erhalten und muss ihn auch ausführen und wenn hierauf meine ganze Existenz zugrunde gerichtet würde, und es meinen Kopf kostet…“.

Am 13. Juni 1886 jährt sich der 127. Todestag des Märchenkönigs. Nur knapp sechs Wochen später wurde das Schloss Neuschwanstein für die Allgemeinheit geöffnet. Seitdem kommen Scharen von Menschen in das kleine Tal, um sich die Schlösser anzuschauen. Ungefähr zwei Millionen Besucher zählt der 368-Einwohner-Ort jährlich. Etwa 80 Prozent der Flächen gehören zum Wittelsbacher Ausgleichsfond.

König Ludwig II. hat etwas hinterlassen, das unverwüstlich ist, seinen Traum von einem Märchenschloss, welches Walt Disney als Vorlage für seinen Film „Cindarella“ diente. Menschen aus aller Herren Länder sind hier Gast, sei es auch nur für einige Stunden, um die beiden Schlösser zu sehen, in dem der beliebte bayerische König lebte. Sie sind fasziniert von der Umgebung, dem Alpsee, die knisternde Atmosphäre von Tradition, Moderne und der Vielfältigkeit der Kulturen. Hier verwischen die Grenzen zwischen Religionen und Hautfarbe, weil nur eines zählt: Den Moment zu erleben.

Diesen Moment zu erleben lassen sich die Besucher einiges kosten. Das sind geschätzte 180 Millionen Euro, die sie in dem kleinen Tal jährlich zurück lassen. Immer noch steht Deutschland auf Platz Nummer eins der Besucher. Kaum ein Ort aus der Region profitiert nicht von Schloss Neuschwanstein, es ist der „touristische Aufhänger“ – selbst das Cover der Eu-ropa-Reisekataloge ziert das imposante Märchenschloss.

Minutiöse Planung

Viele Gruppenreisenden möchten in einer kurzen Zeit viel sehen und wenn möglich auch ein wenig von der Kultur des Landes kennenlernen, was meistens über das Essen geschieht. Einige Urlauber, insbesondere die Asiaten, sind begeistert vom deutschen Bier, der Breze und der Schweinshaxe. Dass alles fotografiert werden muss, ist fast selbstverständlich. Überall ist die Kamera der ständige Begleiter, um Szenen, Gebäude und Menschen festzuhalten. Ihr Reiseablauf  ist minutiös geplant. Um ein Drei-Gänge-Menü zu essen, haben die meisten Gruppenreisenden oft 45 Minuten Zeit zum Essen. Danach geht es pünktlich wieder weiter. Denn jede Minute ist kostbar, insbesondere für den Busfahrer, der sich an die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten halten muss.

Leben und Arbeiten unter den Schlössern

Zwischen 300 und 400 Beschäftigte arbeiten in Hohenschwangau, um das gesamte touristische System aufrecht zu erhalten und die Wünsche der Gäste zu erfüllen. Sie kommen aus England, Bulgarien, Thailand, Slowakei, Russland, … und sehen es als ein Privileg an, hier unter den Königsschlössern zu arbeiten. „Es ist etwas Besonderes – eigentlich der schönste Arbeitsplatz“, erzählt Francis. Den Umgang mit prominenten Gästen lernt man schnell. „Die Mitarbeiter werden geschult, wie sie mit hohem Besuch wie Politikern oder anderen prominenten Gästen umgehen sollen“, erklärt Thomas Günter, Marketingchef der Wittelsbacher in Hohenschwangau. Hohenschwangau ist mittlerweile ein Weltort, aber noch lange nicht so elitär wie ein St. Moritz oder Kitzbühl. Aber das ist auch nicht gewollt. Die Ortschaft hat sich einen besonderen Platz erarbeitet: Den der Exklusivität und Bodenständigkeit. Hohenschwangau ist authentisch geblieben. Hier finden alle ihren Platz. „Das so zu bewerben ist eine Knochenarbeit“, erzählt Thomas Günter, der etwa die Hälfte des Jahres in der Welt unterwegs ist, um „seine“ Häuser und die Ortschaft den Reiseveranstaltern zu präsentieren. Arrangements wie Kutschfahrten, Menüs, märchenhafte Führungen, … werden zusammengestellt und das möglichst bezahlbar für alle Gäste.

Text: Sabina Riegger

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