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Mit der Stille zum „ich – bin“

Wie lebt man glücklich? Dieser Frage sind viele Philosophen, Ärzte und Theologen nachgegangen. Jeder hat Theorien aufgestellt, Praktiken und Anleitungen geschrieben. Und trotzdem gibt es nicht wirklich das Patentrezept dafür, weil Menschen und ihre Lebensformen unterschiedlich sind. Der eine findet sein Glück im Sport, der eine in der Musik und andere wiederum in der Stille, so wie Margit Wimmer. Für sie ist die Stille  Lebensqualität. Sie hat gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, sich intensiver wahrzunehmen.

Doch Stille zu fühlen ist für viele etwas Unheimliches, fast sogar Schmerzhaftes. Sie deuten Stille als verlassen sein, sich einsam und nicht zugehörig fühlen. Paare bestrafen sich gegenseitig stunden- oder sogar tagelang mit „Anschweigen.“ Eltern erziehen ihre Kinder mit dem Ausruf „sei still!“ und schlagen die Tür hinter ihnen zu. Kein Wunder also, dass Schweigen und Stille mit unangenehmen Gefühlen assoziiert werden.

Stille ist selten geworden. Egal wo wir sind, wir hören Hintergrundmusik: in der Arztpraxis, im Einkaufszentrum, im Wellnesscenter, ja selbst zu Hause, da, wo wir selbst die Entscheidung treffen können, ob wir mit „Lärm“ berieselt werden wollen oder nicht. Margit Wimmer kennt dieses Problem und erlebt es immer wieder in ihren Meditationskursen. „Der Umgang mit Stille ist für viele am Anfang sehr schwer, bis sie merken, was für eine Wohltat es ist. In der Stille erfährt man sehr viel über sich selbst, der Horizont wird erweitert, man bekommt eine innere Stabilität, die auch äußerlich erkennbar ist.“ Die 51-jährige Sozialpädagogin hat ihren Weg gemacht. Sie nennt ihn nicht schwierig oder steinig, vielmehr stellt sie es bildlich   dar:„Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat sich bei mir über Jahre vertieft. Und wenn man sich damit auseinendersetzt, wird man innerlich sehr weit. Diese Weite hat eine Resonanz nach außen gefunden. Ich musste mich weiterentwickeln. Es ist so, wie wenn der Blumentopf für eine Pflanze zu klein ist, um zu wachsen. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Freiheit und Stille gehabt wie jetzt. Es hat viel Zeit dafür gebraucht. Jetzt bin ich ich“. Sie wollte sich weiterentwickeln und gab ihren Beruf im Seniorenzentrum Marienheim in Kempten auf. Zwölf Jahre lang war sie im Leitungsteam dabei, entwickelte neue Konzepte und wuchs mit ihren Aufgaben. „Irgendwann merkte ich, dass es noch etwas anderes gibt, etwas, was immer in mir drin war. Intuitiv wusste ich schon, dass ich spirituell veranlagt bin, aber sich dann trauen, diesen neuen Weg zu gehen, ist etwas ganz anderes.“ Als sie 50 Jahre alt wurde, war die Zeit reif. Ihre zweijährige Ausbildung als „geistige Heilerin“ hatte sie in der Tasche und Erfahrungen im Umgang mit Menschen konnte sie zu Genüge nachweisen. Dass sie die Berufsbezeichnung „geistige Heilerin“ nicht mag, gibt sie ganz offen zu. „Es schmücken sich so viele Leute mit dem Begriff und nicht immer ist das Vorgehen seriös.“

Das rechte Maß ist heilsam

Nicht alle waren mit ihrer „neuen“ Berufswahl einverstanden. „Ich bin aber froh, dass ich auf mich gehört habe. Heute bin ich ein viel glücklicherer Mensch. Mein Tun bezeichne ich nicht als Arbeit. Für mich ist es ein tägliches Geschenk, im rechten Maß von Ruhe und Aktivität leben zu können und anderen etwas davon weiterzugeben.“ Der Start in die Selbstständigkeit ist sehr gut gelungen, wobei es Margit Wimmer nicht um materiellen Reichtum geht. „Ich habe das, was ich brauche. Durch meine innere Stille und Ruhe habe ich gelernt, dass ich ganz andere Prioritäten setze. Konsum ist für mich etwas Nebensächliches. Meine Reichtümer messe ich nicht materiell“, erklärt sie lächelnd.

Stille wärmt

Manche sind geneigt, der Arbeit von Margit Wimmer den Stempel der „Esoterik“ aufzudrücken. Wahrscheinlich ist es Unverständnis, vielleicht aber auch die Angst, etwas vermeintlich Unbekanntem Platz einzuräumen. Denn wer beschäftigt sich wirklich mit sich selbst und hört tief in sich hinein?

Der Religionsphilosoph Romano Guardini hat gesagt: „Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen.“ Letztendlich ist es auch wissenschaftlich erwiesen, dass das bewusste Eintauchen in die Stille unsere körperliche und geistige Gesundheit fördert. „Auch Menschen, die krank sind, kommen zu mir, um der Stille zu begegnen. Es sind oft Krebspatienten, denn Krebs ist eine überwältigende Krankheit, man spürt den seelischen Schmerz intensiver. Sie erwarten nicht, dass ich sie heile, sondern dass sie eine seelische Unterstützung erhalten, zur Ruhe kommen und in die eigene Tiefe schauen lernen. Das, was uns nährt und lehrt, ist unsere Tiefe. Jenseits von der Zeit“, beschreibt es Margit Wimmer.

Ihr Ziel ist es, den Menschen hierfür mehr Impulse zu geben. „Das Wesen Mensch trägt viel mehr Tiefe in sich,  als es denkt. Wir haben durch die viele Hektik, Stress und die schnelllebige Zeit vergessen, uns selbst wahrzunehmen. Dieses Ursprüngliche ist oft von Oberflächlichkeit überlagert. Ruhe und Stille sind etwas Transzendentes, Spirituelles, und sind jenseits von Glauben und Handeln“. Margit Wimmer ist auf jeden Fall angekommen.

Sie hat im wahrsten Sinne des Wortes die Ruhe weg. Ihr fällt es manchmal schwer, sich in Menschenansammlungen wohlzufühlen. Sie empfindet dort zuviel Lärm und Oberflächlichkeit. Sie liebt die Natur, die sich ihr eröffnet, wenn sie spazieren geht.  „Menschen haben verlernt, Raum und Weite in sich wahrzunehmen. Letztlich umgibt uns auch im Außen viel Raum – allein, wenn man in die Weite des Himmels schaut.“

Die Bodenhaftung hat sie dennoch nicht verloren. „Wenn man so viel Stille lebt, dann kann man nicht die Bodenhaftung verlieren. Im Gegenteil, man ist geerdeter“, erklärt sie. Dieses Prinzip des Geerdetseins vermittelt sie auch in ihren Meditationskursen. „Alles, was im Leben passiert, hat zwei Seiten. Wir sollten Probleme nicht als ein unüberwindbares Hindernis sehen, sondern als ein Projekt, das uns fordert. Ich habe in meinem Leben viele solcher Projekte gehabt und nicht die Ruhe, die ich jetzt einbringen kann, „Das Leben ist so viel mehr, als es oberflächlich erscheint. Die lebendige Tiefe in uns ist das einzig Stabile und Wärmende – unabhängig von äußeren Umständen. Das will ich in meinen Meditationskursen vermitteln, und dazu brauchen wir die Stille.“

Text · Bild: Sabina Riegger

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