Menschen

Sajimon Vargese – Der Pfarrer aus Stötten

Stötten am Auerberg.   Indien ist mit über 1,2 Milliarden Einwohnern der zweitbevölkerungsreichste Staat der Erde. Das Land gilt auch, gemessen an seiner Einwohnerzahl, als die größte Demokratie der Welt. Indien ist ein Vielvölkerstaat, ohne weiteres vergleichbar mit der Vielfältigkeit des gesamten europäischen Kontinents. Es werden weit über 100 verschiedene Sprachen gesprochen, die vier verschiedenen Sprachfamilien angehören. Ein Land der Superlativen, mit vielen Facetten und unterschiedlichen Religionen. Mit 80,5 Prozent ist der Hinduismus die am weitesten verbreitete Religion im Land, gefolgt vom Islam mit 13,4 Prozent und auch das Christentum ist mit 2,3 Prozent vertreten. Obwohl Indien ein hinduistisch geprägtes Land ist, hat Indien mit 140 Millionen Anhängern die weltweit drittgrößte muslimische Bevölkerung vorzuweisen. Das Christentum kam durch frühe Missionierungen im ersten Jahrhundert und später durch den Kolonialismus ins Land.

Einer dieser wenigen Christen, die in Indien leben, ist Sajimon Vargese. Der gebürtige Inder lebt seit 2003 in Deutschland, seit 2009 stellt er den Pfarrer in Stötten am Auerberg. „Meine ganze Familie ist katholisch geprägt. Meine Großeltern, meine Eltern und letztendlich auch ich“, erklärt er. Geboren wurde er 1970 in Kerala, einem kleinen Bundesstaat in Südindien. Schon als Kind wusste er, dass er einmal Kirchenarbeit leisten wolle. „Am meisten geprägt hatte mich mein Pfarrer während meiner Jugendzeit. Ich war Ministrant und entwickelte mit der Zeit den Wunsch, Missionar zu werden. Ich las damals viele Zeitschriften, die mich inspirierten. Ich wollte dann vor allem den Armen helfen und die Liebe Gottes unter die Leute bringen.“ Indien ist ein sehr armes Land. 44 Prozent der Bevölkerung haben weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben zur Verfügung. Mehr als ein Viertel ist zu arm, um sich eine ausreichende Ernährung leisten zu können. Vor allem in den ländlichen Gebieten sind Unter- und Fehlernährung ein weit verbreitetes Problem. Nach Angaben von Unicef sterben in Indien jährlich 2,1 Millionen Kinder vor dem fünften Lebensjahr. „Da das Einkommen vieler Bauernfamilien nicht zum Überleben ausreicht, werden die Kinder nicht in die Schule geschickt, sondern zum Arbeiten“, berichtet Sajimon. „Ich hatte da mehr Glück. Nach Abschluss der 10. Klasse suchte ich den Thomasorden auf, den mir ein damaliger Freund empfahl, und bei dem ich schließlich 1997 nach 12 Jahren Ausbildung meine Priesterweihe erhielt.“

Religion und Bildung

Mit über sechs Millionen Christen existiert in Kerala die größte christliche Population aller indischen Bundesstaaten. Der Thomasorden ist hier fest in die Gesellschaftsordnung integriert. Thomaschristen werden als konvertierte Brahmanen angesehen, welche nicht missionieren und eine der oberen Schichten bzw. Kasten in Kerala bilden. Angehörige anderer Kirchenformen werden dagegen zumeist als niedrigkastige oder kastenlose Konvertiten angesehen. Der Orden unterhält mehrere hundert Schulen und Hochschulen, über tausend Kindergärten und einige hundert Ausbildungs- und Weiterbildungszentren. Dadurch wurde in Kerala eine fast 95-prozentige Alphabetisierung erreicht, während die Alphabetisierungsrate im Rest Indiens bei etwa 74 Prozent liegt. „Nach meiner Weihe zum Priester leitete ich mehrere Jahre ein Internat, in dem die Kinder aus der näheren Umgebung, vor allem aus den ländlichen Gebieten, untergebracht waren“, erzählt Sajimon. „Hier mussten die Eltern eine geringere Schulgebühr als in den staatlichen Schulen bezahlen, was gern von Denjenigen wahrgenommen wurde, die sich eine normale Schule für ihre Kinder nicht leisten konnten. Insgesamt 40 Kinder von der 1. bis zur 8. Klasse waren dort untergebracht. Nebenbei unterrichtete ich dann noch als Englisch-Lehrer an der dazugehörigen christlichen Schule.“ Erst im Jahr 2002 wurde vom indischen Parlament einstimmig das Recht auf Bildung in die Verfassung aufgenommen. Seitdem besteht in Indien die allgemeine Schulpflicht bei einem Alter von 6 bis 14 Jahren. Während dieses Zeitraumes ist der Besuch öffentlicher Schulen kostenlos. Vorher musste für den Schulbesuch grundsätzlich eine Gebühr entrichtet werden, die bei etwa 250 Euro lag, welche bei einem Pro-Kopf-Einkommen von einem Dollar pro Tag natürlich von den Armen nicht geleistet werden konnte.

Leben in Deutschland

„2003 folgte ich schließlich einer Einladung nach Deutschland“, erinnert sich Sajimon. „Hier arbeitete ich zuerst als Kaplan bei Senden in Ulm und anschließend in Altomünster. Dort wurde ich dann zum Pfarrer ernannt. Nach einem Jahr als Pfarrer wurde ich schließlich nach Stötten berufen.“ Zur Vorbereitung auf seine Zeit in Deutschland besuchte der Inder das Goethe-Institut in Indien, aber auch in Deutschland bildete er seine Sprachkenntnisse an einer Sprachschule noch weiter aus. „Die Leute sind hier sehr nett, ich mag die Allgäuer Mentalität. Anfangs bin ich, wie ich es aus meiner Heimat gewohnt war, direkt auf die Menschen zugegangen, was mir im Nachhinein betrachtet meine Arbeit enorm erleichtert hat. Aber Deutschland ist eben nicht Indien. In Indien brauchen mich die Leute mehr als hier. Hier muss ich mir ständig etwas Neues überlegen, zum Beispiel zu den Weihnachtsmessen. Aber dann frage ich die Stöttener, was sie möchten, und ich richte mich danach. Im Großen und Ganzen sind die Menschen hier mit mir zufrieden. Und ich bin es auch.“ Einmal im Jahr besucht Sajimon seine Familie. Seine zwei Schwestern sind Ordensschwestern und seine drei Brüder betreiben eigene Plantagen, auf denen Gummi oder Gewürze wie Kardamon angebaut werden. „Irgendwann möchte ich zurück nach Indien. Aber das hat noch Zeit. In der Zwischenzeit unterstütze ich von hier aus meinen Orden, indem ich so viel wie möglich von meinem Gehalt nach Indien schicke. Dort wird dieses Geld dringend benötigt. Und schließlich bin ich genau dafür Priester geworden- um meinen Mitmenschen in Indien zu helfen.“

Text · Bild: Sven Köhler

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