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Eine Französin in Pfronten

„Pfronten ist mein Schicksal“

Pfronten.   Was soll man sagen, Reinette Clouard hat die Gabe so zu erzählen, dass selbst Banalitäten interessant klingen. Ihre Art, Dinge beim Namen zu nennen, macht sie sympathisch. Allein schon der französische Akzent lässt jeden Satz melodisch klingen. Da hört sich manch ein hartes, deutsches Wort viel weicher an, als es das tatsächlich ist. Selbst Schimanskis Lieblingswort spricht die 66–jährige Französin in so einer Selbstverständlichkeit aus, so als ob sie gerade einen Kaffee bestellen würde.

„Alors … Pfronten hat mein Leben gerettet“, sagt sie strahlend, als ich sie frage, was sie dazu bewegt hat, ins Allgäu zu ziehen. Vor zehn Jahren dachte Reinette Clouard, dass sie sicher sterben müsse. Bei einer Größe von 1,63 Meter wog sie nur noch 45 Kilo. Sie bekam Krebs, Schilddrüsenkrebs, der, so wie es schien, sie von innen auffressen wollte. „Ich hatte zu viele Sorgen. Keine guten Jahre. Mein Arzt hat mir gesagt, Krebs kommt von zu vielen Sorgen und der Umwelt. Irgendwas muss daran wohl richtig sein.“

Als ihr Mann 1988 bei einem Unfall ums Leben kam, begann für sie eine fast zehnjährige Tortur. „Es ist nicht einfach, plötzlich alleine da zu stehen. Irgendwie hatte ich keine Kraft. Ich wurde arbeitslos und wusste nicht, wovon ich leben sollte. Kein Essen, keine Freunde, nichts“, blickt sie heute zurück.
Ihr Schwager und seine Frau halfen ihr über die trostlose Zeit hinweg. Gleich darauf fand sie eine Stelle als Rechtsanwaltsgehilfin und es schien, als ob sich ihr Leben ganz zum positiven verändern würde. 1999 dann die zerschmetternde Diagnose: Schilddrüsenkrebs. „Heute weiß ich, dass es eine Chance war, mein Leben umzukrempeln“, sagt sie glücklich.

Urlaub in den Bergen

Auf das Anraten ihres Arztes sollte sie eine Luftkur in den Bergen machen. „Frankreich ist gut, aber sehr teuer“, erzählt sie wieder in ihrer charmanten Art. „Ich hätte mir lediglich zwei Wochen Urlaub in den französischen Alpen leisten können“, sagt sie. Plötzlich wird ihre Stimme noch lebhafter und ihre Hände erzählen die Geschichte mit, während ihre Augen bei jedem Wort blitzen, als Bestätigung für etwas Großes, Wichtiges. „Frankreich hatte mit Sarkozy einen zweiten Napoleon. Frankreich funktioniert noch immer mit den Gesetzen von Napoleon. Es war Vieles gut, aber eben Einiges auch nicht. Sarkozy als Mann hat für sich selbst große Fehler gemacht. Als Politiker ist er gut. Bevor Sarkozy kam, gab es eine Reichensteuer. Er hat sie weggekürzt. Dann ging es mit Frankreich abwärts. Holland ist nicht wirklich ein Auslandspolitiker. Ob es mit ihm besser wird, wer weiß?“, meint sie achselzuckend. Der „Neue“ ist Reinette Clouard egal. Sie hat sich für Pfronten entschieden, „weil es hier angenehmer zum Leben ist“, wie sie es so schön sagt.
Als sie 2001 das erste Mal nach Pfronten kam, blieb sie für drei Monate, das nächste Jahr waren es schon vier und als sie zum dritten Mal nach Pfronten reiste, blieb sie sechs Monate. 2005 stand dann der Entschluss fest, Pfronten als festen Wohnsitz anzumelden. „Ich hatte plötzlich Zweifel, ob es auch das Richtige ist – aber als ich wieder in Marseille war, wurde ich von zwei Männern überfallen. Dann war es für mich klar, dass mein Entschluss richtig war ganz nach Pfronten zu kommen.“ Bereut hat sie es bislang nicht. „Ich habe hier viele Freunde gefunden. Das ist gut. Ich fühle mich wohl und in Sicherheit.“ Reinette Clouard ist das Paradebeispiel einer gelungenen Integration. Speziell die Brauchtumsabende haben es der vitalen Französin angetan. Kaum ein Abend findet ohne sie statt. Dann steht sie parat. Schön herausgeputzt, wie es die Allgäuer sagen, in einem Dirndl. Ein großer Fan ist sie von den  „Pfrontner Buabe“. „Sie haben nur für mich einen Abend auf der Schlossbergalm organisiert. Das war zu meinem Geburtstag. Das werde ich nie vergessen“, erzählt sie strahlend.

„Mein Zuhause ist hier“

„Pfronten ist mein Schicksal“, sagt sie immer wieder. Reinette Clouard hat Vieles erlebt, Manches wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. „Es ist wie ein roter Faden, der sich durch mein Leben zieht“, sagt sie nachdenklich, aber auch etwas verärgert. Mit einer deutschen Mutter und einem französischem Vater war es nach dem zweiten Krieg nicht einfach. „Irgendwann werde ich vielleicht ein Buch schreiben. Über die Nummer 32. Das werde ich wohl mein ganzes Leben lang bleiben.“ Ihre Geschichte ist traurig, erschütternd und doch gibt sie Mut. „Mir geht es jetzt gut. Jetzt, am Ende meines Lebens, habe ich noch so viel Freude und Glück. Das ist doch fantastisch.“
Auch wenn es makaber klingt, Reinette Clouard hat alle Vorkehrungen getroffen. Ihr Grab hat sie bereits ausgewählt. Es ist in Kempten, eine anonyme Grabstätte. „Ich will niemandem zur Last fallen“, sagt sie ganz schnell, noch bevor ich fragen kann, warum. „Alors, ich bin endlich in Frieden mit mir“.


Text · Bild: Sabina Riegger

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