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Depression – die seelische Volkskrankheit

Wenn Traurigkeit krank macht

Traurigkeit und Schwermut sind so alt wie die Menschheit selbst. Man kennt Schilderungen von Depressionen aus dem Alten Testament, von antiken Philosophen und Ärzten, von Überlieferungen aus dem Mittelalter über die Neuzeit bis heute. Wir sind traurig, wenn ein geliebter Mensch von uns geht, wenn wir verletzt werden, uns etwas Traumatisches zustößt oder wenn wir etwas lieb Gewonnenes verloren haben. Manchmal entwickelt sich aus diesem Gefühlsbild unter bestimmten Voraussetzungen eine chronische Krankheit. Die Zahl der Depressionen hat vor allem in den letzten Jahren subjektiv zugenommen, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass das Krankheitsbild immer besser erforscht wurde und damit die Erkennungsrate einer Depression sukzessiv anstieg. Heute sind viele verschiedene Formen der Depression bekannt. Die Krankheit kann praktisch jeden treffen – niemand ist davor immun. Sogar Kleinkinder und Babys können betroffen sein. Auch weiß man, dass bei Männern eine Depression oft anders aussieht als bei Frauen und Jugendlichen.

Depressionen sind einem zeit- und gesellschaftsbedingten Wandel unterworfen, was Häufigkeit, Beschwerdebild, Ursache und Verlauf angeht. Glücklicherweise haben sich auch die therapeutischen Möglichkeiten verbessert, von Psychotherapie, über soziotherapeutische Hilfen und Korrekturen bis hin zu nicht-medikamentösen Behandlungsmaßnahmen. Zur Mitte des letzten Jahrhunderts setzte man bei der Behandlung von Depressionen vor allem auf Psychopharmaka, insbesondere die stimmungsaufhellenden Antidepressiva.

Diagnose und erste Ansprechpartner

Die erste ärztliche Anlaufstelle für Betroffene ist in der Regel der behandelnde Haus- oder Allgemeinarzt. Man vermutet, dass jeder vierte bis zehnte Patient, der seinen Hausarzt aufsucht, an einer Schwermut unterschiedlichen Schweregrades leidet. Das besondere Problem der meisten Depressionen aber ist der Umstand, dass sie sich gar nicht wie eine Depression äußern müssen, zumindest nicht so, wie man sich das in der Allgemeinheit vorstellt. Und der Arzt kann natürlich bei einem Leiden ohne organische Krankheitszeichen nur dann eine seelische Störung diagnostizieren, wenn ihm der Patient in seinem Verhalten die entsprechenden Symptome bietet oder direkt und offen über seine Probleme spricht. Dies geschieht leider so selten, dass die Hälfte der depressiv Erkrankten nicht als solche erkannt werden. Wenn man dann noch bedenkt, dass Viele erst gar nicht ihren Arzt aufsuchen, obwohl sie sich elend und leistungsschwach fühlen oder andere Leiden aufweisen, dann kann man sich vorstellen, dass die überwiegende Zahl depressiv Erkrankter nicht einmal weiß, was sie hat. Dabei gehört die Depression zu den seelischen Krankheitsbildern, die heute am erfolgreichsten behandelt werden kann.

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

An dieser Stelle ist auch das Umfeld der Betroffenen gefragt. Bei Erwachsenen ist die Chance vergleichsweise hoch, dass diese selbst mit ihrem Leiden den Arzt aufsuchen. Bei Kindern und Jugendlichen sind vor allem Familie und Freundeskreis gefragt, um ein vorliegendes Leiden zu erkennen und entsprechend zu handeln. Depressionen bei Minderjährigen gelten als besonders besorgniserregend. Es wird unterschieden zwischen Depressionen im Kleinkind-Alter, beim Vorschul-Kind, im Schulkind-Alter sowie bei Jugendlichen und Heranwachsenden. Jede Altersstufe hat einen besonderen Schwerpunkt in Hinblick auf die Beschwerden. Und dieser hat in der Mehrzahl mit den klassischen Depressions-Symptomen, wie man sie von Erwachsenen kennt, nicht viel zu tun. Je jünger die Betroffenen sind, desto mehr unterscheiden sich ihre Krankheitszeichen einer Depression von der klassischen Symptomatik im Erwachsenenalter. Die Häufigkeit depressiver Störungen schwankt bei den Grundschul-Kindern zwischen 1,9 und 3,4 Prozent, bei Jugendlichen zwischen 3,2 und 8,9 Prozent. Ab dem 13. Lebensjahr treten Depressionen eindeutig häufiger auf.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist eine relativ junge Form der Psychiatrie und hat ihre Wurzeln in den 50er Jahren. Welche Symptome bei Kindern und Jugendlichen auftreten, wurde erst in den letzten Jahren genauer definiert. Depressionen im Kleinkind-Alter sind eher körperlich betont. Es überwiegen scheinbar körperliche Symptome, die seelisch ausgelöst und in der Körpersprache des Kindes ausgedrückt werden. So wurde auch der Begriff der Psychosomatik geschaffen – das heißt, seelische Belastungen äußern sich körperlich, aber ohne erkennbaren organischen Grund. Vor allem Ein- und Durchschlafstörungen sowie Ess-Störungen in Form von Essensverweigerung wurden hier beobachtet. Auch eine erhöhte Infekt-Anfälligkeit konnte festgestellt werden. Übrigens klagen nicht nur depressive Erwachsene über den Rückgang von Kreativität und Leistungsfähigkeit, auch beim Kleinkind ist die Kreativität im Rahmen seiner Möglichkeiten reduziert. Dazu treten meist weitere mögliche Symptome wie Unruhe, Weinen und Schreien, Desinteresse, Passivität, Apathie, mangelnde Ausdrucksfähigkeit oder immer wieder auftretende Wein-Attacken auf.

Beim Vorschul-Kind beginnen sich die seelischen Symptome in den Vordergrund zu schieben. Das wären wie beim Kleinkind grundloses Weinen, aber auch zunehmende Reizbarkeit, Aggressivität, was auf den ersten Blick nicht auf eine Depression hinzuweisen scheint. Besonders beachtenswert ist auch eine unerklärliche Freudlosigkeit, bei der das Kind durch nichts aufzuheitern ist. Rein äußerlich fällt aber noch etwas anderes auf, nämlich eine Hypomimie, wie es die Experten nennen. Es handelt sich hier um eine Verarmung der Mimik, vielleicht sogar bis hin zur maskenhaften Starre.

Bei Kindern im Schulkind-Alter wird das Krankheitsbild dem von Erwachsenen immer ähnlicher. Das Kind kann nun aber auch endlich über seine belastende Befindlichkeit berichten, wozu es vorher noch nicht in der Lage war. Auch hier ist grundloses Weinen auffällig, dazu eine schwer beschreibbare Traurigkeit, insbesondere aber Lustlosigkeit und Antriebslosigkeit. Das Desinteresse an allem und jedem wächst. Merk- und Konzentrationsstörungen führen schließlich zu schulischen Leistungseinbrüchen. Schlaf- und Ess-Störungen ohne körperlichen Befund zählen zu den körperlichen Auffälligkeiten.

Die Depressionen Jugendlicher ähneln schließlich denen von Erwachsenen am meisten. Man redet hier von Verlangsamung von Denken und Handeln und damit einhergehend geistige Einschränkungen und Leistungsprobleme. Dazu Lustlosigkeit, Antriebslosigkeit, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Rückzug, mangelndes Selbstbewusstsein bis hin zu Lebensmüdigkeit. Auch nach innen gerichtete Wut mit Suizidgedanken kann auftreten. Körperlich auffällig sind Schlaf- und Ess-Störungen, aber auch das sogenannte Morgentief, also  „Morgengrauen“ mit Angst vor dem kommenden Tag, Berg auf der Brust und Hoffnungslosigkeit. Auch wird meist eine durchgehende Unfähigkeit zur Entspannung und damit Erholung beobachtet. Reizbarkeit, sozialer Rückzug, Alkohol- und Drogenmissbrauch können ebenso auftreten.

Arten der Depression

Bei Erwachsenen wird zwischen akuten, chronisch rezidivierenden und chronischen Depressionen unterschieden. Die Hauptsymptome sind gedrückte Stimmung, Interes-senlosigkeit, Freudlosigkeit und Antriebsstörungen. Andere häufige Symptome wären unter anderem mangelnde Gefühlsbeteiligung, Störungen von Konzentration und Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitverminderung und Neigung zur Selbstbeschädigung. Innere Unruhe, früh-morgendliches Erwachen oder  Gewichtsverlust sind einige der körperlichen Merkmale. Aktuell wird über das Krankheitsbild der männlichen Depression vermehrt geforscht. Bei Männern zeigt sich eine Depression oft mehr durch gereiztes und aggressives Verhalten, so dass hier eine Erkrankung leicht übersehen wird. Das kann fatale Folgen haben, da Männer oft zu harten und dann auch „erfolgreichen“ Suiziden neigen. Nach Angaben der Bundesregierung leiden über 3,1 Mio. Bundesbürger im Alter von 18 bis 65 Jahren an einer Depression. Im Schnitt leiden 10 Prozent der Erwachsenen ein- oder mehrmals in ihrem Leben an einer schweren depressiven Episode. Zu den verschiedenen Arten der Erkrankung zählt beispielsweise die sogenannte unipolare Depression mit stark lähmender Niedergeschlagenheit. Als Bipolare Erkrankung bezeichnet man die manisch-depressive Störung, bei der es auch Phasen der übermäßig guten Stimmung gibt. Unterscheiden kann man noch die depressive Einzelepisode, eine sich wiederholende depressive Störung, Dysthymie, die organische depressive Störung, das Somatische Syndrom oder die Atypische Depression.

Therapieformen

An der Psychosomatischen Klinik Buching werden jährlich etwa 1.000 Patienten behandelt, bei ca. 80 Prozent wurde eine Besserung erreicht. Es sollte immer zuerst eine ambulante Behandlung angestrebt werden. Leider betragen die Wartezeiten bis zur Aufnahme einer ambulanten Psychotherapie oft mehrere Monate, weshalb in manchen Fällen die Erstbehandlung auch stationär erfolgen kann. Die durchschnittlichen Kosten einer Behandlung liegen bei 5.000 Euro, die jedoch in der Regel von der Gesetzlichen oder Privaten Krankenversicherung, beziehungsweise der Deutschen Rentenversicherung getragen werden. „In der stationären Therapie sollten sich immer verschiedene Therapieformen ergänzen. Die Psychotherapie als Einzel- und Gruppentherapie wird ergänzt durch kreative Therapien, wie Kunst- und Tanztherapie. Daneben ist insbesondere bei rezidivierenden oder chronischen Depressionen eine angemessene moderne medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva angezeigt“, erklärt Dr. med. Wolfgang J. Müller, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Buching. „In unserem Haus wird auch auf einen dritten Behandlungsbaustein viel Wert gelegt, nämlich die Körper- und Bewegungstherapie, die sich inzwischen als gleichwertige und nebenwirkungsarme wissenschaftlich belegte Therapieform zunehmend etablieren konnte. Auch eine Selbst-Therapie daheim kann in Frage kommen, nämlich in Form von vermehrter körperlicher Alltagsaktivität oder als Ausdauer- und Krafttraining, möglichst täglich oder fünf Mal in der Woche.“

Erste Anlaufstellen:

– Behandelnder Hausarzt, bzw. Kinderarzt
– BKH Kaufbeuren
– Psychosomatische Klinik Buching
– Fachklinik Enzensberg, Hopfen am See
– Fachklinik Allgäu, Pfronten

Text: Sven Köhler · Bilder: stockxchng

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