Menschen

Schuhmachermeister Ulrich Kleber

Das Alter kennt keine Pause

Seeg/Lobach.     Wer die einladende Hofeinfahrt im beschaulichen Lobach bei Seeg betritt, würde nie vermuten, was hier seit über 60 Jahren beheimatet ist. Schuhmachermeister Ulrich Kleber, 87 Jahre alt, betreibt auf seinem Grundstück seit 1949 eine traditionelle Schuhmacherwerkstatt. In dem kleinen Raum riecht es nach Leder und in jeder Ecke findet man die Utensilien und Gerätschaften, die man zur Reparatur oder Herstellung von Schuhen benötigt. Immer wieder kommen hier Kunden vorbei, die dem Schuhmachermeister ihre Schuhe und andere Kleinigkeiten zur Reparatur anvertrauen.

„In meinem Alter müsste ich wirklich nicht mehr arbeiten“, erklärt der rüstige Rentner zu Beginn unseres Gesprächs. „Aber ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht. Und den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und sich zu langweilen wäre einfach nichts für mich. Heute ist meine Arbeit mehr Beschäftigung als Arbeit, denn es macht mir immer noch Spaß. Ich wollte ohnehin nie etwas anderes machen.“

Früher noch von Haus zu Haus gegangen

Schon im zarten Alter von 13 Jahren begann Ulrich Kleber seine Lehre zum Schuhmacher. Damals gab es nur sieben Klassenstufen in der Schule, also musste man sich schon früh in das Arbeitsleben stürzen. Zu dieser Zeit sind die Gesellen noch von Haus zu Haus gegangen, um ihre Dienste anzubieten. Das hatte der junge Ulrich gesehen und so entwickelt er den Wunsch, den Beruf des Schuhmachers zu erlernen. In der Zeitung fand er eine Stellenausschreibung zu einer Lehre in Schwangau. In drei Jahren absolvierte er die Ausbildung bei Schuhmachermeister Josef Schmölz. Er wohnte, wie es damals noch üblich war, im Haus seines Meisters und fuhr an den Wochenenden mit dem Fahrrad oder dem Zug zu seinen Eltern nach Seeg. Kurz nach Ausbildungsende wurde er  – wie viele andere auch – zum Zweiten Weltkrieg einberufen. Er geriet in Gefangenschaft und verbrachte diese Zeit in Frankreich und später auch England. Nach Kriegsende kehrte er erst einmal zurück zu seinem Meister, bis er durch die  Währungsreform von Reichsmark auf D-Mark arbeitslos wurde. „Ich kaufte ein paar alte Maschinen von einem Kollegen, der im Krieg gefallen war“, erinnert sich Ulrich Kleber. „Mit denen richtete ich mir 1949 eine Werkstatt in einer Scheune auf unserem Grundstück ein.“ 1951 absolvierte er seinen Meister. Bis heute arbeitete er allein, ohne Lehrlinge oder andere Gesellen.

„Als ich meine Werkstatt eröffnete, war ich der fünfte Schuhmacher in Seeg. Heute bin ich der Einzige zwischen Füssen und Marktoberdorf.“

Bis vor zehn Jahren fertigte der erfahrene Schuhmachermeister noch selbst Schuhe nach Maß. Nach und nach verschwand aber die Nachfrage nach handgefertigten Schuhen und so stellte Ulrich die Produktion ein. Heute führt er noch kleine Reparaturarbeiten durch. Nicht nur Schuhe werden ihm von seinen Kunden gebracht, auch um Kuhglocken und Rucksäcke kümmert sich der Meister. Keine Arbeit ist ihm zu schade, solange er sie ausführen kann.

In seiner derzeitigen Werkstatt im Keller des Hauses, das er mit seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen Enkelkindern bewohnt, sind noch die Maschinen von damals zu finden. Zwei alte Nähmaschinen, die mit den Füßen betrieben werden müssen, stehen nebeneinander am Fenster mit Blickrichtung auf die Hofeinfahrt. Dazu gesellt sich noch eine Doppelmaschine für besonders starkes Leder oder Schuhsohlen, die der Schuhmachermeister trotz Stromanschluss lieber noch von Hand bedient und kurbelt. Eine Presse, sowie eine Schleifmaschine für die Sohlen und verschiedenstes Werkzeug zieren den Rest des Raumes. Es ist eng, aber der Platz reicht dem alten Mann.


 

Text · Bild: Sven Köhler

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