Menschen

Im Gespräch mit Thomas Schultze

„Wenn alle am gleichen Strang ziehen kommt man schneller ans Ziel“

Füssen.     Sich von der Masse abheben und durch Kompetenz, freundliche Beratung und Mut zur Kreativität überzeugen, so könnte man den Leitspruch beschreiben, nach dem Optiker-Meister Thomas Schultze über 30 Jahre lang sein Brillenfachgeschäft Luitpoldbrillen in Füssen führte. Nun hat er sich dazu entschlossen, Ende Oktober in den Ruhestand zu gehen und sein Geschäft an einen mit Bedacht ausgewählten Nachfolger zu übergeben. Füssen aktuell hat sich mit ihm über seine Zeit in Füssen und seine Zukunftspläne unterhalten.

Sie haben sich nun, nach über 30 Jahren in Füssen dazu entschlossen, Ende Oktober in den Ruhestand zu gehen. Was ist das für ein Gefühl? Ein gemischtes Gefühl. Zum einen bin ich natürlich ein bisschen traurig, weil es eine schöne Zeit für mich war. Zum anderen ist es für mich aber auch eine große Befreiung. Eine Befreiung aus der Verantwortung, die ich über die 30 Jahre hinweg getragen habe.

Sie kommen ursprünglich aus Münster. Mit knapp 280.000 Einwohnern ist diese Stadt wesentlich größer als Füssen. Was hat Sie damals dazu bewogen, in eine Kleinstadt  zu kommen? Ich bin in Münster aufgewachsen und habe  eine Zeit lang in Berlin gelebt. Das Leben in einer so großen Stadt ist einfach anonym und genau dieser Anonymität wollte ich entfliehen. Füssen habe ich mir ganz bewusst ausgesucht. Eine kleine Stadt, die landschaftlich sehr reizvoll ist.

Können Sie sich noch an ihren ersten Tag erinnern? Ja, sogar ganz genau. An diesem Tag fand der traditionelle Colomansritt in Schwangau statt, was mich völlig begeistert hat. Da habe ich mir nur gedacht: „Ja, hier kannst Du leben!“ Seitdem sind wir jedes Jahr zu dieser Veranstaltung in Schwangau gegangen und es ist jedes Jahr aufs Neue ein tolles Erlebnis. Ein witziger Zufall, dass ich genau zu dieser Zeit in Füssen gestartet bin und nun, mehr als 30 Jahre später, mein Geschäft an meinen Nachfolger übergebe.

Haben Sie den Schritt nach Füssen zu ziehen, jemals bereut? Nein. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt. Ich habe gesunde Kinder in die Welt gesetzt, immer gut gelebt und bin ein erfolgreicher Optiker geworden. Erst kürzlich hatte ich wieder ein Erlebnis, das mir bestätigt hat, dass ich damals genau das Richtige getan habe. Frühmorgens spielte ich in Schwangau, auf dem meiner Ansicht nach schönsten Tennisplatz der Welt, mit einem Freund. Dann kamen die ersten Sonnenstrahlen über die Berge und ich habe wirklich Gänsehaut bekommen. Was braucht man noch mehr?

30 Jahre im Füssener Einzelhandel sind eine lange Zeit. Welches Fazit ziehen Sie? Erstens: Zugereiste werden einfach keine Einheimischen. So sehr man sich auch anstrengt, aber das ist und bleibt einfach so, zumindest nach meinem Empfinden. Mein zweites Fazit: Misstrauen gegenüber Ideen bremsen die Innovation. Ich habe in meiner Zeit in Füssen viele Menschen kennen gelernt, die wirklich tolle Ideen für Füssen hatten. Leider sind sie an so manchem Gegner gescheitert. Vielleicht wäre es besser abzuwarten und nicht immer gleich dagegen zu sein. Denn wenn man Dinge nicht ausprobiert, oder ihnen keine Chance gibt, weiß man nicht, ob sie nicht vielleicht doch funktioniert hätten.

Was würden Sie sich außerdem für Füssens Zukunft wünschen? Meine persönlichen Wünsche für Füssen wären ein Wochenmarkt in der Fußgängerzone, wie es in vielen anderen bayerischen Städten üblich ist. Die Reichenstraße ist wie gemacht dafür. Das wäre nicht nur für Touristen, sondern auch für die Füssener eine tolle Sache. Außerdem wären ein öffentliches WC und noch mehr Abfalleimer in der Fußgängerzone notwendig. Der Füssener Einzelhandel könnte sich beispielsweise dafür engagieren, denn schließlich profitieren wir alle von einer sauberen Stadt. Ich wäre gerne bereit, mich als Abschiedsgeschenk finanziell daran zu beteiligen. Füssen braucht noch mehr Zusammenhalt und Unterstützung untereinander, gerade im Einzelhandel. Wenn alle am gleichen Strang ziehen, kommt man einfach schneller ans Ziel.

Gab es Dinge, die Sie in Ihrer Zeit in Füssen vermisst haben? Nein, eigentlich nicht. Ich habe zwar schon ab und zu gehört, dass es in Füssen am Kulturangebot mangeln soll. Das kann ich aber nicht bestätigen. Meine Antwort darauf ist: Man muss einfach genau hinschauen und hinhören, dann findet jeder etwas für sich. Unser ehemaliger Bürgermeister Dr. Paul Wengert hat sich damals beispielsweise unheimlich für das Kulturangebot in Füssen engagiert. Auch heute gibt es ganz tolle Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Lechflimmern, das ich immer wieder gerne besuche.

Sie sagen „eigentlich nicht“. Gibt es vielleicht doch etwas, was Ihrer Meinung nach in Füssen fehlt?
Ich bin ein absoluter Kaufhausgänger und das fehlt in Füssen eindeutig. Es wäre sicher keine Konkurrenz zum innerstädtischen Angebot, wie vielleicht viele denken, sondern dadurch würde der Verbrauchermarkt eher geöffnet und alle würden davon profitieren. Deswegen halte ich das Projekt Theresienhof für sehr wertvoll für Füssen. Ich hoffe, dass es umgesetzt wird. Auch das Ärztehaus und das Musical wären und sind wichtig für Füssen. Hier müsste man sich noch mehr einsetzen.

Wo führt Sie ihr Weg nun hin? Mein erster Wohnsitz ist schon seit mehreren Jahren Innsbruck und dort fühle ich mich sehr wohl. Ich wandere also nach Österreich aus. Im Moment kümmere ich mich noch um die ganzen notwendigen Formalitäten, damit ich dann auch  Österreicher werden kann. Einen Deutschkurs muss ich allerdings nicht machen (lacht).
Werden Sie ab und zu noch nach Füssen kommen? Mit Sicherheit. Aber nur auf Besuch und natürlich nur, wenn man nach mir ruft.

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen? Weniger arbeiten und nur noch das tun, was mir Spaß macht und dringend notwendig ist.

Geben Sie Ihren Beruf vollkommen auf?
Nein. Ich werde immer noch im Bereich Kinder-Optometrie tätig bleiben und dabei behinderte Kinder, die beispielsweise an Trisomie 21 erkrankt sind, im Bereich Optik betreuen. Auch Selbsthilfegruppen werde ich in diesem Bereich beratend unterstützen. Dieses Thema war und ist eines meiner Spezialgebiete und liegt mir einfach unheimlich am Herzen. Ich habe in meiner Zeit als Optiker leider immer wieder feststellen müssen, dass die spezielle Behandlung behinderter Kinder sowohl bei Augenoptikern als auch bei Augenärzten zu kurz kommt.

Werden Sie Füssen vermissen? Das weiß ich noch nicht. Lassen Sie es mich wie einst Franz Beckenbauer formulieren: „Schau mer mal, dann seh mer scho“.

Was passiert mit Luitpoldbrillen und seinen Mitarbeiterinnen? Ich übergebe mein Geschäft an Stefan Hildebrandt, einen früheren Mitarbeiter. Das Luitpoldbrillen-Team bestehend aus Birte Schönenborn, Silvia Lang, Uschi Achatz und Silvia Osadnik bleibt also bestehen. Stefan Hildebrandt hat quasi schon Stallgeruch, denn er hat seine Ausbildung bei mir absolviert. Deswegen bin ich mir absolut sicher, dass er Luitpoldbrillen in meinem Sinne weiter führen wird und meine Kunden bei ihm in guten Händen sind.

 

Interview: Martina Knöpfler
Bilder: privat

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