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Ein Porträt von Franziska Maria Keller

„Heute bin ich Babysitter“

Füssen.    Liebe auf den ersten Blick, nein, das war es nicht. Es war vielmehr der Respekt, die gemeinsamen Vorlieben für den Sport, vielleicht auch die Sehnsucht, ein neues Leben zu beginnen. Der Krieg war zu Ende und das Leben kehrte mehr oder weniger zurück. Es war keine leichte Zeit. Die Lebensmittel waren knapp, geliebte Menschen waren nicht mehr da – die Neuorientierung begann. Auch für Franziska Maria Keller, die heute in die längst vergangene Zeit zurück blickt.

Mit ihren 97 Jahren ist Franziska Maria Keller noch mit einem scharfen Verstand gesegnet. „Das Aufstehen von der Couch oder einem Stuhl fällt mir schwer. Da lasten plötzlich Zentner auf meinem Körper“, sagt die zierliche Frau. Früher ging sie regelmäßig mit ihrem Mann zum gemeinsamen Stammtisch. „Wir waren neun. Vier sind noch übrig geblieben. Jeden Monat haben wir uns im Restaurant getroffen. Alles hört irgendwann einmal auf. Es war eine schöne Zeit“, meint sie lächelnd. Alten Zeiten nachtrauern, das mag sie nicht. „Ich habe ja alles was ich brauche“ und blickt auf den schönen Garten vor sich. „Wissen Sie, ich habe vier Urenkel, die ich über alles liebe. Ist das nicht Freude genug?“ Wenn ihre Urenkel kommen, und das ist täglich, dann wird gekocht, gelacht und gespielt. „Sie halten mich jung. Ich bin ja nicht alt sondern uralt“, lacht sie fröhlich. Energie hatte Franziska Maria Keller immer schon, sonst hätte sie das gemeinsame Sportgeschäft mit ihrem Mann Georg nicht führen können. „Als ich nach Füssen kam, erzählte mir eine Bekannte vom Sportgeschäft Keller und seinen Schwierigkeiten. Sie meinte, dass ich die richtige Frau wäre, sowohl für das Geschäft, als für den Inhaber.  So lernte ich dann auch meinen Mann kennen“, erzählt sie schmunzelnd. Schließlich heiratete sie 1952 den Geschäftsmann und Sportler. Bereut hat sie es nie. „Verkaufen und der Umgang mit den Kunden waren immer schon meine Stärken. Ich habe das geliebt“, schwärmt sie noch heute. Sie sah es als ihre Aufgabe an, das Geschäft aufzubauen, es auf „gesunde Beine“ zu stellen. „Das war nicht immer leicht. Wir bekamen in der Nachkriegszeit monatlich 45 Reichsmark Kopfgeld. Alles, was man erspart hat, war im Krieg weg. Mit diesem Geld musste man sich etwas Neues aufbauen“, blickt sie zurück. Erst vor kurzem feierte das Sportgeschäft Keller sein 80-jähriges Jubiläum. „Meine ganze Kraft hat dem Geschäft gehört. Die Zeit früher war einfacher, die Menschen waren anders. Ich bin froh, dass es so ist wie es ist. Für mich ist alles zu schnelllebig geworden. Ich weiß nicht, ob ich das wieder so machen würde wie damals“. Dabei schaut sie ernst um gleich darauf wieder fröhlich zu sagen: „Heute bin ich Babysitter – eine Arbeit die mich vollkommen erfüllt“.

Sehnsucht nach der alten Heimat hat die junggebliebene 97-Jährige nicht. „Ich komme aus Haag in Oberbayern, aber meine Heimat ist hier. Irgendwann sucht sich jeder Mensch seinen Weg aus. Ich bin den meinen gegangen und das war gut so“. Franziska Maria Keller ist das Jüngste von sieben Kindern. Ihr Vater war Uhrmachermeister und hatte ein Uhren – und Goldwarengeschäft. Heute führt das Geschäft ihre Nichte, die in die Fußstapfen ihres Großvaters getreten ist. Von ihren Geschwistern ist sie noch übrig geblieben. Auf die Frage was sie sich wünscht, antwortet sie spontan: „Freilich denke ich, hoffentlich werde ich kein Pflegefall und kann vorher sterben. Ich möchte niemanden zur Last fallen  und niemanden Umstände machen“. Angst hat Franziska Maria Keller nicht „meine Einstellung zum Leben hat mich geprägt, das positive Denken und die Hilfsbereitschaft. Wenn man den Krieg miterlebt hat und die Nachkriegszeit, dann lernt man tiefe Dankbarkeit kennen um die Winzigkeiten im Leben schätzen“.

 

Text · Bild: Sabina Riegger

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