Menschen

Wenn die Seele Kunst spricht

Steinmetz und Bildhauer Franz Probst

Füssen.   „Künstler sind anders, sie denken anders, sie haben eine andere Wertschätzung. Wer sich mit Kunst auseinandersetzt, bekommt einen anderen Zugang zum Wert.“ Franz Probst weiß, wovon er spricht. Die Kunst ist ihm in die Wiege gelegt worden. Seit Generationen sind die Probsts Steinmetze und Bildhauer. Für Franz Probst ist Stein etwas Lebendiges: Er spiegelt das Leben von Jahrhunderten und Jahrtausenden wider. „Stein kann berühren, er spricht, Stein riecht. Stein ist Leben aus alten Zeiten. Stein ist nicht vergänglich und nicht mystisch.“

Franz Probst ist ein Steinmetz und Bildhauer, der den Spagat zwischen dem Kommerziellen und der Kunst wunderbar meistert. „Ich habe die Chance bekommen, Dinge zu erkennen, die anderen Menschen verborgen bleiben. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf eine Ausstellung gehen kann oder wenn ich auf einem Berg stehe und in die Ferne blicke. Das ist so fantastisch. Diese Symbiose zwischen Natur und Leben ist einfach etwas Besonderes.“ Man versteht sofort, was er meint. Nicht umsonst hat er vergangenes Jahr den Betzigauer Kulturpreis bekommen. Andere haben sich bestimmt dabei an den Kopf gefasst und gemeint, was für ein Spinner, dieser Probst. Denn nur so einem kann es einfallen, eine 2-Zimmer-Wohnung in einem Bach einzurichten. Dabei wollte der 62-jährige mit dieser Aktion, die anlässlich der Betzigauer Kunsttage „Kunst im Bach“ stattfand, auf die Verdrängung der Natur durch den Menschen hinweisen. „Wir Menschen bauen überall, ohne auf die natürlichen Lebensräume Rücksicht zu nehmen. Später wundern wir uns, warum Katastrophen passieren“, erzählt er. Die ersten, die es begriffen haben, waren die Kinder. Sie wussten, was er damit meinte. „Kinder sind für mich die Leitfigur der Gesellschaft. Sie sind das Fundament. Wir haben es verlernt, mit unseren Augen richtig zu sehen.“

 

Jetzt muss es knistern

Der Betzigauer lässt es sich nicht nehmen, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und auch manchmal gegen etwas zu sein, was andere als richtig empfinden. Anecken? Ja, das passiert ihm hin und wieder. Aber das ist in Ordnung. Schließlich entwickelt man sich nur weiter, wenn man ehrlich seine Meinung vertritt. Man lernt, ohne sich selbst aufzugeben. Franz Probst hat sich seinen kindlichen Charme und seine Freiräume bewahrt. Er sieht die Welt mit Freude an. Jeder Tag ist ein willkommener Tag. „Ich freue mich auf meine Ruhezeit. Es beginnt meine interessanteste Phase. Nun kommt dieser Punkt, an dem das i-Tüpfelchen gesetzt wird. Jetzt muss es noch einmal richtig knistern. Die paar Gebrechlichkeiten, körperliche, die kommen auch – aber man muss Ziele haben, auch im Alter. Und wenn man das nicht hat, dann ist man ein armes Würstle.“ Während Franz Probst diese Worte sagt, leuchten seine Augen. So wie es der Betzigauer Künstler sagt, klingt es aufrichtig, lebensfroh und ohne Angst mit Blick auf das Alter.

Kunst im Dorf

Als 2001 „Kunst im Bach“ entstand, ahnten weder Franz Probst noch seine Mitstreiter, wie interessant die Veranstaltung für Künstler und Kunstbegeisterte sein würde. Heute hat „Kunst im Bach“ einen festen Platz in der Kunstszene. Die Kunst im Dorf wurde geboren. Mit der Kunstwerkstatt hat sich das Bild eines „Kunstdorfes“ vervollständigt. Hier bieten junge und ältere Künstler Workshops an. Dass Kunst inspiriert und Menschen zum Nachdenken bringt, zeigt sich immer wieder auf Kunstausstellungen. Ein etwas ungewohnter Ausstellungsort ist der Jakobsweg, fünf Kilometer nördlich von Kempten. Hier hat Franz Probst gemeinsam mit zehn Künstlern auf der gesamten Strecke Kunstobjekte aufgestellt. Manchmal bietet er auf dieser Strecke Führungen an, um die Kunstwerke zu erläutern. „Es ist fantastisch, welche Leute man dabei kennen lernt“, schwärmt der Künstler. „Manchmal nehme ich Pilger mit nach Hause, die keine Übernachtungsmöglichkeit haben. Sie glauben gar nicht, was ich da schon erlebt habe und was für wunderbare „Gartenstunden“ wir schon hatten. Wenn Menschen auf diesen Pfad gehen, dann denken sie sich etwas dabei. Sie haben viel zu erzählen. Es sind grandiose Geschichten. Es gibt Menschen, die machen es tageweise, manche etappenweise. Ich selbst bin auf den Jakobsweg durch das Buch von Hape Kerkeling gekommen.“

Man kann sich Franz Probst auch in der Toskana, mit einem Glas Wein in der Hand und seinem Strohhut auf dem Kopf vorstellen. Der Hut darf nicht fehlen, denn der gehört genauso zu ihm, wie die Steine. Sentimental, fröhlich, nachdenklich – es sind die Facetten des Lebens die man im Gesicht des 62-jährigen sieht. Dafür ist seine Familie mitverantwortlich. Wenn er über sie spricht, dann hört man Freude, Stolz und Glück heraus. „Ich bin glücklich, dass ich sie alle habe“, sagt er berührt. Dass ein Leben mit einem Künstler sehr abwechslungsreich sein kann, wusste seine Frau bereits. Sie kommt aus einer Kemptener Künstlerfamilie. In Familien, in denen Kunst zum Lebensinhalt gehört, laufen die Uhren immer ein wenig anders. Nicht zu schnell, vielleicht etwas geräuschloser, so als ob die Zeit nicht unbedingt das Wichtigste im Leben ist.

In nächster Zeit will sich Franz Probst aus dem Geschäft, das es seit über 35 Jahren gibt, zurückziehen. Seit 15 Jahren ist er in Füssen gemeinsam mit seinen beiden Söhnen tätig. „Wir ergänzen uns alle sehr gut, jeder hat seinen Aufgabenbereich“, so der Steinmetz. Probst weiß, was er mit seiner Zeit anfangen wird: „Ich will mich mehr der Kunst widmen, mit Kindern arbeiten, wie im Hotel Sonnenalp, in meinem Männerchor singen und ab und zu im Betrieb aushelfen. Es gibt noch so vieles, was ich machen möchte, dafür muss ich noch Einiges tun. Aber das wird was, da bin ich mir sicher.“
Text · Bild: rie

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