Menschen

„Ich hatte in meinem Leben Glück“

Soziales Engagement in Indien

Füssen. „Auf die Schnauze fallen ist nichts Schlimmes, aber nicht mehr aufstehen, das ist schlimm.“ Das sind Worte eines Mannes, der durch viele Höhen und Tiefen in seinem Leben gegangen ist. Angst vor der Selbständigkeit hat der Geschäftsmann nie gehabt, vielmehr Respekt. „51 Prozent deiner Entscheidungen und deiner Investments müssen richtig sein, dann klappt es auch.“ Heute ist Jürgen Dietz 54 Jahre alt. Zufälle gab es in seinem arbeitsreichen Leben keine. „Manche nennen es Zufall, ich nenne es Fügung. Alles kommt so wie es kommen soll. Irgendwie geht es immer weiter.“

Im Geschäftsleben ist es heutzutage nicht normal oder alltäglich, wenn man sich zu seinem Glauben bekennt. Geschäft und Glauben passen irgendwie nicht zusammen. Es ist wie Feuer und Wasser und doch braucht man beides. Für Jürgen Dietz ist das keine Frage. Er steht zu seinem Glauben, die Zwiesprache mit Gott. „Ich glaube nicht mehr oder weniger als alle anderen. Glauben gibt mir Kraft genauso wie meine Familie.“ Viele Jahre war Jürgen Dietz Betreiber der Phönix Seniorenheime. Eigentlich hätte er sie als Bauträger „nur“ bauen sollen. Doch aus dem Bauen wurde mehr. „Meine Großeltern waren der Auslöser dafür. Wir haben einen Seniorenheim-Platz gesucht, aber es gab nichts, was unseren Vorstellungen entsprach. Also entschlossen wir uns die Seniorenheime nicht nur zu bauen, sondern auch zu führen.“ Doch was nützt einem die beste Idee, wenn die Banken nicht das nötige Geld bereitstellen. Erst die fünfte Bank hat das Potenzial hinter der Idee gesehen und finanzierte das Vorhaben.

Jürgen Dietz ist das, was man einen modernen Geschäftsmann nennt: Flexibel und immer auf Achse. „Ich war immer flexibel, örtlich flexibel. Das fällt vielen Leuten schwer, speziell wenn man Familie hat. Jeder Pilot, Lastwagenfahrer macht es auch so. Es gibt Dinge, die muss man tun und als Selbständiger erst recht. Es gibt häufig Situationen, in denen man mit Flexibilität vieles erreichen kann. Ich würde auch einen Kieslaster fahren, um meine Familie zu ernähren.“ Der Geschäftsmann ist dankbar für das, was er hat. „Und das ist ziemlich viel. Ich meine jetzt nicht das Materielle, sondern meine Frau, meine Kinder, meine Familie. Wir sind alle ziemlich stark verbunden. Jeden Donnerstag treffen wir uns nach dem Wochenmarkt zum Essen. Das ist bei uns Tradition.“ Viele Male wurde der 54-Jährige an der Wirbelsäule operiert. Er hat Skoliose, eine Wirbelsäulenverkrümmung – nicht mehr und nicht weniger, wie er sagt. Dietz ist mit seinen neuen Projekten viel unterwegs. Regenerative Energien und Getreideanbau in Rumänien sind seine neuen Geschäftsfelder. „Es ist was Neues, Interessantes, es hat Zukunft“. Nichts tun, sich treiben lassen, das wäre nichts für den Familienvater. „Ich brauche Bewegung, weil ich ein Reiseonkel bin“, sagt er schmunzelnd. „Als Wassermann-Geborener liebe ich die Freiheit.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Auf seinen vielen Reisen hat Jürgen Dietz auch viel Elend gesehen. Durch seinen Vater, der sich sehr für Tibet und Indien interessierte, kam er auch zu einem Verein im Mittenwald, der Exiltibeter unterstützt. „Überall ist es schlimm, wo Menschen Hilfe benötigen“, so Dietz. Doch nur mit Geld unterstützen, das wollte er nicht. „Man muss den Menschen helfen, so dass sie sich selbst helfen können.“ So wurden unter anderem Obstplantagen angelegt und Schulen gebaut. „Sie sind Selbstversorger, das ist doch ein guter Schritt in die Zukunft.“ Auf den Verein „Hoffnung für Menschen“ ist er durch seine Frau Barbara, die halb Inderin und halb Schottin ist, gekommen. Sie hat einen Vortrag von Pater Anthony Soosai in Weiden gehört und war so von seinem Projekt begeistert, dass sie gleich einen Flug für sich und ihren Mann nach Indien buchte. „Barbara wollte sich das alles vor Ort anschauen. Sie ist so wie ich spontan und sehr sozial“, erläutert Dietz. Auch die sechs Kinder sind alle sozial engagiert, ob in der katholischen Jugendfürsorge oder im Verein „Hoffnung für Menschen“, wo Barbara Dietz die zweite Vorsitzende ist. „Meine Dankbarkeit für das, was ich und meine Familie haben, kann ich damit weitergeben indem ich anderen hilfsbedürftigen Menschen auf der Welt helfe“, erklärt er nachdenklich. Geschenke gibt es bei keiner Geschäfts- oder Familienfeier, stattdessen viele Spenden, darauf bestehen die Dietz.

Hoffnung für Menschen

Hoffnung für Menschen e.V. wurde im Juli 2004 in Weiden gegründet. Es ist ein gemeinnütziger Verein, dessen Mitarbeiter ausschließlich ehrenamtlich tätig sind. Ihr Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Darüber hinaus werden auch unverschuldet in Not geratene Menschen unterstützt.

Die Gründung des Vereins ging auf eine Initiative des katholischen Priesters Anthony Soosai zurück. Er wurde selbst im Bezirk Kanniyakumari geboren und stammt aus einer Fischerfamilie. Auch Anthony verlor seinen Vater sehr früh und erfuhr, was es bedeutet, als Sohn einer Witwe aufzuwachsen. Natürlich kann die Arbeit in Indien nicht nur von Weiden aus organisiert werden. Ein sechsköpfiges Team, bestehend aus Pfarrer Penno Raj, Pfarrer Charles, Pfarrer Julius, Pfarrer Selven, Pfarrer Edwin und Bischof Remigius, organisiert und arbeitet vor Ort.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Waisenkinder und Witwen. Beides sind Gruppen, die in Indien am Rande der Gesellschaft stehen.

Aufgrund der rauhen See und einfachster Boote, verunglücken die Fischer häufig und kehren nicht nach Hause zurück. Deshalb gibt es vor allem an der Küste viele Witwen und Waisen.

Indische Witwen leben unter erschwerten Bedingungen. Nach indischer Tradition werden sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich gemacht und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Erschwerend kommt hinzu, dass eine zweite Heirat verboten ist und sogar der Anblick einer Witwe Unglück bringen soll.

Für eine Witwe ist es sehr schwer ein normales Leben zu führen und ihre Kinder groß zu ziehen. In Indien gibt es weder Sozialhilfe, noch Krankenversicherung. Kinder aus Familien, in denen der Vater verstorben ist, haben kaum die Möglichkeit eine Schule zu besuchen. Sie müssen für wenig Geld arbeiten, um gemeinsam mit ihrer Mutter den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Durch die fehlende Schulbildung haben die Kinder keine Chance auf einen besser bezahlten Arbeitsplatz. Viele sind gezwungen auf der Straße zu betteln, um zu überleben.

Oft wird Jürgen Dietz gefragt, warum er die Menschen in Indien unterstützt, schließlich gäbe es auch Armut in Deutschland. „Wir helfen privat der Kinderkrebshilfe, Tafel und anderen Initiativen. Wovor ich mich scheue, sind Großorganisationen. Ich will genau sehen, wo das Geld hinkommt. Das sind Dinge, die ich sehen kann. Indien ist eine Herzensangelegenheit meiner Frau. Dort gibt es kein soziales Netz, kein Krankenversicherungssystem, kein Hartz IV. Armut ist immer relativ. In Deutschland gibt es noch ein soziales Netz, was es da unten nicht gibt. Wenn ein Kind die Möglichkeit hat, in die Schule zu gehen, dann geht es auch. Das hat mich persönlich geprägt. Ich danke jedem, der diese Menschen unterstützt.“

Spendenkonto
Volksbank Nordoberpfalz
BLZ: 753 900 00
Kontonummer: 102 0 102

Text: rie · Bild: rie, oh

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