Menschen

Eine starke Frau

Mehr Selbstbewusstsein durch Sport

Füssen.    Der Kampf gegen die Körperfülle ist für viele stark übergewichtige Frauen ein langer und aussichtsloser. Misserfolge durch gescheiterte Diäten mit Jojo-Effekt tragen zusammen mit den Hänseleien, denen Dicke von Kindesbeinen an ausgesetzt sind, dazu bei, den eigenen Körper als Feind zu empfinden. Sich wieder mit sich selbst anzufreunden und ein gesundes Verhältnis sowohl zum eigenen Körper als auch zum Essverhalten zu finden, ist sehr schwierig. In Deutschland sind 75 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen zu dick. Als Maß dient der Body-Mass-Index (BMI), der sich aus dem Gewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße errechnet. Gemeinhin gilt ein Mensch mit einem BMI größer 25 als übergewichtig, ab 30 als fettleibig.

Bettina Sailer gehörte im wahrsten Sinne des Wortes zu den starken Frauen. 123 Kilo hatte sie noch vor zwei Jahren gewogen. Jetzt wiegt sie 30 Kilo weniger, dank ihrem Vater, der ein begeisterter Sportler ist und es schaffte seine 35 jährige Tochter für den Sport zu begeistern. Jeden Tag ist sie heute im Sportstudio und trainiert. Ihr Ziel ist es, noch mehr abzunehmen.

Sie ist stolz, dass sie es geschafft hat, ihren inneren Schweinehund zu besiegen und somit auch ihre Faulheit. „Es war der Frust, den ich in mich hineingefressen habe. Je mehr ich zunahm, desto größer wurde er.“ Heute sieht Bettina Sailer vieles gelassener. Sie ist selbstbewusster geworden und hat gelernt ihren Körper zu mögen, mutig nach vorne zu blicken, auch wenn es nicht immer einfach ist. Durch ihre Krankheit, sie hat Neurodermitis, gibt es Tage und Wochen, wo sie sich selber nicht anziehen oder mit Besteck essen kann. Ihre Hände und Finger sind aufgekratzt. Die Fingerkuppen sind blutig. Baumwollhandschuhe schützen sie vor unliebsamen Blicken auf ihre Hände und natürlich vor weiteren Verletzungen. Denn die Haut ist so dünn, dass Bettina Sailer nichts anfassen kann. Nachdem sie auch Allergien gegenüber Metall hat, ist es für sie unmöglich solche Gegenstände anzufassen.

Ein starker Motor
Wie löst man sich aus seiner Lethargie, um zu erkennen, dass der Körper mehr als nur Nahrung und Trinken braucht? Man braucht jemand, der konsequent und stark genug ist, seine eigene Motivation auch weiter zu geben. In Bettina Sailers Fall war es der Vater. „Als Bettina ihren Job verlor und sich mehr und mehr in ihre Wohnung vergrub, tat mir das sehr weh. Man sieht dass das Kind leidet und auf dem besten Weg ist, Depressiv zu werden. Für meine Frau und mich war und ist es wichtig, unserer Tochter einen Halt zu geben“, erzählt der Vorsitzende des Füssener Pfarrgemeinderates. Mit ihrem Vater macht Bettina Sailer jeden Tag Sport. Anfangs war es spazieren gehen und laufen. Jetzt hat sie ihre Leidenschaft für das Boxen entdeckt. „Am Anfang der Stunde muss man sich aufwärmen mit 20 bis 25 Minuten Seilspringen. Ich hatte nicht einmal fünf Minuten durchgehalten. Jetzt sind 25 Minuten kein Problem mehr“, so die junge Frau. Früher lief sie ständig mit Jogginghosen herum, „das war einfach nur noch bequem. Es interessierte mich nicht, was andere darüber dachten“, erklärt sie ihren Kleidungsstil.

Ein neues Leben

Nun achtet sie darauf, was sie anzieht und ihre Frisur hat sie auch geändert. „Es ist ein neuer Anfang und das tut mir gut“, gibt sie zu. Wenn sie noch eine Arbeit in ihrem Beruf als Bürokauffrau finden könnte, dann wäre es das i-Tüpfelchen in ihrem Leben. „Als Hartz IV Empfängerin kommt man mit 690 Euro im Monat nicht weit. Davon muss ich die Wohnung und die Versicherungen und sonstige Ausgaben zahlen. Zum wirklichen Leben bleibt kaum was übrig. Neue Klamotten, Schuhe oder Kino sind sehr selten“, meint Bettina Sailer. Jammern ist aber nicht das Niveau der jungen Frau. Sie ist dankbar für das, was sie hat, und das ist mehr als sie bisher erwarten konnte.  

Text/Bild: rie

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