Menschen

„Freundschaft ist etwas Wertvolles“ Zirkuskünstler erleben Allgäuer Gastfreundschaft

Sie sind ein bezauberndes verzauberndes Paar. Sie sind das, was man heutzutage kaum mehr antrifft. Menschen, deren Wertvorstellung nicht mit dem Materiellen gekoppelt ist. Für sie zählt der Mensch, die Freude am Theater, ihre Liebe zueinander. Sie sind dankbar für das, was sie jetzt haben – und das ist ein Wohnmobil, ihr Haus, mit dem sie durch die Lande ziehen. Von einem Auftrittsort zum anderen, um Menschen mit ihrem „Zweier Zirkus“ zu begeistern. Sie sind Pierino und Olga, der Schweizer Clown und die schöne russische Balettmeisterin aus Wladiwostok.

 

Pierino mag es nicht, wenn man ihn als Clown bezeichnet. „Ein klassischer Clown scheitert immer im Leben und die Menschen lachen darüber. Ein Pierino zeigt Gefühle. Früher sagte man mir immer wieder, ich sei ein poetischer Clown. Aber das bin ich nicht. Ich bin ein Pierino,“ erklärt der 61jährige Schweizer. Viele Jahre lebte und arbeitete Pierino im Zirkus Krone. Dort lernte er auch seine Frau Olga 1996 kennen. „Als ich sie sah, dachte ich mir, das wäre die Frau meines Lebens. Ich hatte Angst, eine Bindung einzugehen. Sie kam aus einer anderen Generation“,  erzählt Pierino. Die Hochzeit 1998 war etwas ganz Besonderes. Olga erinnert sich lachend daran, so als ob es gestern gewesen wäre. „Die Kostümbildner haben unsere Maße genommen, um uns die Kleidung für die Hochzeit zu nähen. Zu der Zeit waren wir mit dem Zirkus in Stuttgart und hatten zwei Auftritte. Wir wollten aber in München heiraten. Bis 0.30 Uhr haben wir gespielt, danach haben wir uns umgezogen und fertig gemacht, so das wir mit dem drei Uhr Zug von Stuttgart nach München fahren konnten. Es war alles so aufregend. Schließlich mussten wir ja pünktlich um 14.30 Uhr wieder in Stuttgart sein. Dazwischen haben wir geheiratet und sind mit unseren Freunden frühstücken gegangen. Pünktlich um 11 Uhr saßen wir wieder im Zug von München nach Stuttgart.“ Die Vorstellung fand wie geplant um 14.30 Uhr statt. Es war alles wie immer, fast, denn Pierino und Olga traten ab jetzt als Ehepaar auf.

Bekannt durch den Zirkus Krone
Olga und Pierino traten viele Jahre im Zirkus Krone auf. „Es war eine gute Zeit. Aber im Zirkus ist man nicht integriert, das Publikum ist draußen. Jetzt ist das anders“, erklären sie. Sie wollen Menschen kennen lernen, denn Menschen sind Multiplikatoren, so Pierino, und sie sind so verschieden wie das Leben auch. Einen Agenten haben die zwei Künstler nicht, sie möchten selber entscheiden, wo sie auftreten wollen. Ihre Auftrittsorte sind genau so bunt wie ihr Programm: Ihr Publikum ist im Theater, Variete, in der Kirche, im Kindergarten, in der Schule und auch in einem Hochsicherheitsgefängnis. „Ich habe mir gedacht, wenn die sehen, was wir da machen, werden sie vielleicht sagen, was macht ihr da? Ich habe nicht geglaubt das ihnen das gefallen könnte“, erinnert sich Pierino. Doch weit gefehlt. Die Häftlinge sind nach dem Programm aufgestanden und haben applaudiert. Dass sie ständig unter Aufsicht waren, machte den Auftritt noch anstrengender.
Ein anderes Mal waren sie zu Gast bei buddhistischen Mönchen. „Das war sehr schön. Es war als ob wir für uns selbst spielten, einfach harmonisch“, erklärt Olga. Nicht immer ist es so. Besonders wenn sie in Kindergärten oder Schulen spielen. „Die Eltern und Lehrer bereiten die Kinder nicht auf das vor, was sie erwartet. Dann werden sie ungeduldig und auch laut. Keine wirklich gute Atmosphäre, um zu spielen“, so die Zwei.

Besondere Freundschaften
Viele Menschen haben sie in den letzten zehn Jahren kennen- und schätzen gelernt. Freundschaften sind daraus entstanden wie mit Uli Pickl vom Haus Hopfensee. Eine Augenoperation von Pierino ließ die beiden Künstler notgedrungen für einige Zeit in Hopfen am See sesshaft werden. Dabei hätte alles so harmonisch verlaufen sollen. Angelika Hofer, die seit vielen Jahren mit Pierino befreundet ist, lud sie zu ihrer Geburtstagsfeier ins Haus Hopfensee ein. Doch soweit kam es nicht. Pierino  wurde krank und musste in München am Auge operiert werden.
„Es sind fantastische Menschen, soviel Demut war mir schon peinlich“, erzählt Uli Pickl. Denn Olga und Pierino wollten nichts umsonst haben. Sie wollten für ihr Essen arbeiten. „Wir waren glücklich, dass man uns soviel Gastfreundschaft entgegenbrachte. Das ist nicht immer so. Manchmal werden wir verscheucht, weil die Menschen sehr argwöhnisch sind“, meint Olga. Zur Freude von Uli Pickl, spielte Olga sogar beim Theaterstück „Beim Vitus ist der Teufel los“, mit.

Foto: Uli Pickl, Pierino, Angelika Hofer und Olga (von links) freuten sich über die Zeit, die sie gemeinsam verbringen konnten.

Fast wie ein Urlaub
Uli Pickl und Angelika Hofer verbindet auch eine langjährige Freundschaft. „Man muss sich nicht täglich sehen, um zu wissen, dass man befreundet ist“, so die Angelika Hofer, die mit ihrem Buch „Gänsemutter“ weltweit berühmt wurde. Pierino lernte sie 1989 in der Talkshow „Nachtcafé“ des SWR kennen. Seit dem sind sie befreundet.
Für Angelika Hofer war der Aufenthalt von Olga und Pierino in Hopfen wie Urlaub. „Ich habe es genossen, mit ihnen so viel Zeit zu verbringen. Das haben wir beide sonst nicht.“
Pierino und Olga sind wieder unterwegs mit ihrem Wohnmobil und der Gans Flori. Wohin, das wissen nur die Beiden.

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