Menschen

Auf zwei Kufen die Welt entdecken

Interview mit Marga Runge – Eisrevueläuferin aus Leidenschaft

Es gibt Zeiten, da denkt Marga Runge gerne an die Zeit zurück, als sie die ganze Welt bereiste. Sie war in Südamerika, Asien und überall in Europa unterwegs. Sie war ein Star auf dem Eis und lernte viele Stars kennen. Das, was sie allerdings faszinierte, waren die Kulturen, die Menschen, die sie in der Zeit kennen lernte. Dabei war es gar nicht so einfach, das Leben zu leben, was Marga Runge für sich aussuchte. Sicher, Füssen ist eine Stadt. Hier kennt jeder jeden – auch heute noch. 1950 war das alles noch eine Spur extremer. Ein Mädchen, das zur Eisrevue will, das ist etwas was den Eltern so gar nicht gefiel. Ein Mädchen gehörte ins Haus, sollte eine gute Hausfrau werden und später Ehefrau und Mutter. Marga Runge setzte sich dennoch durch und brach aus dem kleinkarierten Leben aus, um in die große, weite Welt zu ziehen.

 

Es war 1950. Marga Runge, geborene Köpf, lebte mit ihrer Familie neben dem Eisstadion. Sie machte eine Ausbildung als Großhandelskauffrau. Während andere Lehrlinge in der Mittagspause nach Hause gingen, packte die damals 17-jährige Marga ihre Schlittschuhe aus und drehte ihre Pirouetten und Runden. Als kleines Mädchen sah sie eine Eislaufrevue und war fasziniert von den Kostümen und der Show. Ab da war das „Eislauffieber“ bei Marga Runge ausgebrochen. Sie nahm am Eislaufunterricht teil, das der Eislaufverein Füssen für alle Kinder kostenlos anbot. „Meine Eltern schimpften ständig mit mir. Sie sahen es nicht gerne, wenn ich Schlittschuh fahren ging.“

 

 

Wie sie es dennoch schaffte Eisrevueläuferin zu werden, erzählte uns die heute 71-jährige Marga Runge in einem Interview.

 

Wo haben Sie sich als Eisrevueläuferin beworben? Es war bei Max und Ernst Baier. Sie waren 1936 Olympia- und Weltmeister und waren zu der Zeit sehr bekannt und berühmt. So ungefähr wie Kilius und Bäumler in späteren Jahren. Mein Vorstellungsgespräch fand dann in Hamburg statt. Ich sehe jede Minute vor mir. In Füssen kannte ich keine Straßenbahn oder U-Bahn. Ich lief mit einem selbst gestrickten Pulli sowie einem selbstgenähten Rock und mit einem großen Regenschirm durch Hamburg – ich weiß heute nicht mal warum. Sie haben mich ausgelacht, wie ich da als Mädchen vom Lande auftrat. Das war so furchtbar. Ich hatte meinen ganzen Mut aufgebracht und dachte mir: ihr könnt noch so lachen wie ihr wollt, das schaffe ich schon. Ernst Baier hat dann mein Talent erkannt.

Wann liefen Sie das erste Mal? Das war 1957, da war ich schon 18. Da musste ich von meinen Eltern eine Unterschrift holen. Ich trat das erste Mal in Hamm in Westfalen auf. Ich hatte so furchtbar Heimweh, aber das hätte ich mir nie anmerken lassen.

Wie sah ihr Tag aus? Wir hatten vormittags immer zwei Stunden Probe. Gott sei Dank hatte ich eine Freundin, die sich auch für Kunst und Literatur interessierte. Wir besuchten alle Museen schließlich hatten wir ja genügend Zeit. Für damalige Verhältnisse bekamen wir für das Eislaufen viel Geld. Als Großhandelskauffrau habe ich in der Lehre 25 Mark bekommen. Nach der Ausbildung hätte ich 120 Mark erhalten. Als Eislaufrevue-Läuferin bekam ich 600 Mark im Monat, also gar kein Vergleich. Es ging mir nicht ums Geld. Ich wollte aus Füssen raus und die Welt kennen lernen.

Haben Sie die Welt kennen gelernt? Ja. Ich bekam 1960 ein Angebot von der Wiener-Eisrevue. Das war die beste Eisrevue der Welt. Sie hatte ein sehr hohes Niveau. Wir reisten nach Moskau, Prag, Petersburg. Für damalige Zeiten war das sensationell. Hinterm eisernen Vorhang zu reisen, war etwas ganz Besonderes, das konnte nicht jeder. Die Wiener Eisrevue war ein Traum. Später sah ich ein Bild von Asien und dachte mir, da will ich hin. Also bewarb ich mich bei Holiday on Ice. Ich bekam sofort einen zweijährigen Vertrag. Wir waren in Thailand, Korea, Indonesien, Hongkong, Philippinen, Burma, Malaysia eigentlich überall außer in Vietnam. Das Reisen war ein Traum. Es gab nur wenige Touristen und wir waren eine Sensation.

Hatten Sie nie Heimweh?
Nein, hatte ich nie. Im Gegenteil. Als mein Vertrag für Asien zu Ende ging und ich dann wieder in Füssen war, hatte ich furchtbares Fernweh. Das brachte mich dann nach Südamerika, wo ich dann auch Solistin war. Es war wirklich eine schöne und sehr interessante Zeit. Ich war Solistin und war viel umjubelt.

Das hört sich alles sehr schön an. Das war es auch. Jeder konnte sein Leben so gestalten, wie er wollte. Es war ein Traumleben, man bekam viele interessante Einladungen. Heute kann man sich das gar nicht vorstellen. Ich hatte immer wahnsinnig viel Glück interessante Menschen kennen zu lernen. Zu unseren Shows kamen die thailändische Königsfamilie und viele Staatsoberhäupter.

 

Waren Sie jemals krank bei einer der Shows? Nein. Wir hatten eine eiserne Disziplin. Ein Wehwehchen durften wir nie haben. Sich unpässlich zu fühlen gab es nicht. Jeder führte sein eigens Leben – aber eben mit eiserner Disziplin.
Was hat sie am meisten beeindruckt? Die vielen Nationen und die Länder ganz individuell kennen zu lernen, ohne gefragt zu werden, wo kommst Du her, was machst Du. Ich konnte mir selbst meine Meinung bilden. Ich war keinem Zwang unterworfen. In Füssen war das ganz anders.

Wie haben sie Toni Sailer kennen gelernt? Toni Sailer lernte ich durch die Wiener Eisrevue kennen. Wir haben damals zwei Filme gedreht und da war er Hauptdarsteller. „Kauf dir einen bunten Luftballon“ haben wir in Villar in der Schweiz gedreht. Toni Sailer war ein äußerst bescheidener, liebenswerter und netter Mensch. Einfach ganz normal. Er hatte keine Starallüren. Der andere Film hieß „Ein Stern fällt vom Himmel“, den wir in Wien drehten. Das war am Anfang seiner Karriere.

Jedes Mal an einen anderen Ort zu sein, war das nicht anstrengend? Ja, manchmal war es anstrengend. Es ist ein Vagabunden-Leben. Man sieht all das Schöne, was einem geboten wird, die Realität sieht man da kaum.

Ist man dann schockiert über die Realität ? Ja. Ich bin zum Beispiel ganz brutal reingeworfen worden. Man lernt sich dann auch richtig  behaupten zu müssen.

Wie sehen Sie rückblickend ihr Leben heute? Ich habe später erkannt, was für ein unglaublich schönes Leben ich bekommen hatte. Für mich ist es eine schöne, runde abgeschlossene Sache. Die Gegenwart ist wichtig. Man kann sich nicht in Träume verflüchtigen.

 

Sie leben heute in Füssen, ist es ein Ort, den sie mögen? Ich liebe meine Heimat viel zu sehr, ich liebe die Natur. Was mich enttäuscht, ist die Intoleranz in dieser Stadt. Aber die gibt es wahrscheinlich überall.

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