Mindset

Auf meinem linken Brillenglas ist ein Fleck – Schmutz, Fett, irgendwie sowas. Es ist milchig und trübt ein Drittel meiner Aussicht. Ich hasse das, diesen Fleck, seine Form und die Farbe. Ich bin schlecht gelaunt deswegen. Aber irgendwie auch fasziniert. Ich kann nicht aufhören, den Fleck genauer zu betrachten.

Und ehrlich gesagt mache ich mir ernsthaft Gedanken dabei. Um mich, mein Wesen, den Fleck. Meine Gedanken fliegen nur so an mir vorbei. Und ich stelle mir die Frage, um was es mir eigentlich geht: Um den Fleck oder um meinen Fokus auf den Fleck?

Für mich ist das ungefähr so wie die Sache mit dem Huhn und dem Ei. Wieso denke ich überhaupt über diesen Fleck nach, frage ich mich. Und wieso putze ich nicht einfach meine Brille?

Würde ich ja. Eigentlich. Aber gerade geht das nicht. Das ist Teil der Aufgabe. Ich halte mich nämlich für einen spirituellen Menschen. Nicht im egozentrischen Sinne von Tarotkarten, Räucherstäbchen und wilden watercolor-Tüchern. Eher für eine Art Selbstverbesserin. Ich meine auf mentaler Ebene.

Ich bin so eine, die Bücher und spezielle Magazine mit Titeln wie: „Die Macht der Intuition“ oder „Mindset“ durchackert. Ich bin eine Querdenkerin. Manchmal zu genau, zu organisiert, zu sensibel, zu kompliziert, zu direkt und auf jeden Fall total scharf auf die ganzen Selbsttests in den Büchern. Vor allem auf die Auflösungen. Ich will, dass dann da so beflügelnde Sachen stehen, die meinen Kopf auf Repeat losnicken lassen und ich mich fühle, als hätte ich mit summa cum laude abgeliefert.

Also, weiter.

Frage 22: „Was bringt sie auf die Palme? Kreuzen Sie zutreffendes an.“

A: Fehler und Ungenauigkeiten
B: Stillstand
C: Egoisten

Ähm… also A, B und C – und D: Dreckige Brillengläser!

Die Auflösung?

„Sie sind die Strukturierte. Mit starker Tendenz zur Denkerin. Versuchen Sie unbedingt, die Dinge, die Sie aus der Ruhe bringen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, bevor Sie sich Ihrer Impulsivität und Ihrem Tatendrang hingeben. Seien Sie die Ruhe selbst.“

Okay, hab ich gemacht. Fleck betrachtet. Rund rum. Kurz geruht. Aber jetzt reicht’s.

Dieser scheiß Fleck…

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