Das Leben ist ein Geschenk

Mit 270 Kilogramm Gepäck, 1000 Dollar, Baby und Mann kam Martina Moeller nach Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann Gonzalo Silva, einem bekannten Gleitschirmpiloten, entschied sie sich Venezuela den Rücken zu kehren. Ihre Wahl fiel auf das Allgäu und den Tegelberg. Hier konnte sich das junge Paar vorstellen, eine neue Existenz aufzubauen. Damals war Martina Moeller 24 Jahre alt und offen für ein neues Leben.

„Deutschland ist für mich ein gut funktionierender Sozialstaat. Da wo ich herkomme hat man einen ganz besonderen Bezug zur Arbeit. Man ist froh dass man eine hat, weil der Staat einem nichts geben kann. Da ist keine Absicherung da, nichts“, erzählt die heute 39-jährige Mutter zweier Söhne. Die Nahrungsmittelknappheit in Venezuela gehört zum Alltag. Hygieneartikel, Babynahrung, Fleisch oder Getreide sind Mangelware und so gut wie gar nicht kaufbar. „Die Menschen dort sind notgedrungener Weise so schlank. Die meisten ernähren sich von selbst angebautem Gemüse. Martina Moeller wollte aus dieser Wirtschaftskrise raus. Keine Kriminalität mehr, keine Angst haben zu müssen irgendwann selbst einmal Opfer einer Entführung zu werden. „Täglich werden etwa 100 Menschen gekidnappt und für sie Lösegeld erpresst. Gibt es kein Lösegeld wird das Opfer erschossen oder wenn es Glück hat irgendwo in der Wildnis ausgesetzt – nackt ohne Schuhe und Handy“, beschreibt Martina Moeller die Situation. Ihrem Vater ist das passiert. Er hatte großes Glück und kam davon. „Mein Vater will nach Deutschland zurück, aber er kann unser Haus nicht verkaufen. Denn wer will schon ein Haus in einem Land kaufen, wo es kein Essen gibt?“

Martina Moellers ältester Sohn ist die vierte Generation, die in Südamerika geboren wurde. Ihr Urgroßvater wurde als Botschafter nach Ecuador entsandt. „Wir sind Südamerikaner mit deutschen Wurzeln“, sagt sie strahlend. Ihr Deutsch ist genauso perfekt wie Spanisch. „Ich bin Beides, es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Ich bin deutsch strukturiert weil ich es so gelernt habe. Es ist toll wenn man das Beste aus beiden Kulturen greifen kann. Das Einzige was ich nicht auf die Reihe bekomme ist das Zuspätkommen. Die venezolanische Viertelstunde ist immer irgendwo dabei“, meint sie lachend.
Für die 39-jährige ist Deutschland ein gutes Land, obwohl sie auch denkt dass die meisten Deutschen „verschachtelt“ denken und sich oft über unwichtige Dinge ärgern. „In Venezuela hat man einen ganz besonderen Bezug zur Arbeit und zum Leben. Man nimmt es mit einer gewissen Leichtigkeit an und ist dankbar einen Job zu haben. Überhaupt ist das Leben bunter und die Menschen dankbarer.“ In Venezuela hat Martina Moeller Zahnmedizin studiert und erfolgreich abgeschlossen. In Deutschland war sie erst einmal ein Niemand. Denn die Abschlüsse galten nicht. Ihre Idee als Zahnarzthelferin zu arbeiten musste sie auf Eis legen. „Ich wusste, dass es nicht so einfach sein wird, aber so habe ich es mir doch nicht vorgestellt“, lacht sie wieder. Dass jemand so viel Freude am Leben hat, ist faszinierend. Manch einer hätte hier verzagt. Sie nicht. Sie hat sich durchgebissen, Jobs angenommen die nicht unbedingt jeder wollte, nebenbei die Ausbildung als Zahnarzthelferin gemacht und danach in dem Beruf zwei Jahre gearbeitet, bis sie endlich die Zulassung bekam, Zahnmedizin zu studieren. Lediglich vier von zehn Semestern bekam sie anerkannt. Finanziell war das ein Fiasko. „Wir hatten nie viel Geld und haben permanent nur geschuftet. Ich hatte gefühlte 5000 Kredite, sonst hätte ich das Studium nicht machen können. Ab dem Freitagnachmittag war dann die Welt wieder in Ordnung. Da waren wir am Tegelberg, sind Ski gefahren und haben mit den Kindern viel unternommen. Unser Sohn Marco ist am Tegelberg quasi aufgewachsen. Es ist unser zweites Zuhause gewesen“, erzählt sie glücklich.

15 Jahre sind seit der Ankunft in Deutschland vergangen. Kein einziges Mal war sie seitdem in Venezuela auf Besuch. Ihre Brüder leben in München und ihre Mutter ist auch in der Nähe. Martina Moellers Leben verläuft in geregelten Bahnen. Irgendwie typisch deutsch und doch anders. Sie hat es geschafft, ihre eigene Zahnarztpraxis mit sechs Mitarbeitern in Halblech läuft gut. Als Göttin in weiß sieht sie sich nicht. „Das ist unwichtig. Es macht mich nicht besser oder schlechter. Ich lege keinen Wert darauf. Ich finde es wichtiger zu leben. Leben ist ein Geschenk und wenn man es teilen kann, dann kommt es wieder zurück“. Ohne ihren Mann hätte sie die Praxis nie genommen. „Er war mein Motor. Auf ihn konnte ich mich verlassen. Er hatte eine kreative Art und konnte sich vorstellen, wie etwas aussehen könnte“. Gonzalo Silva ist mit 44 Jahren an Krebs gestorben. Nichtdestotrotz lebt sie den Kindern das Leben vor, auch wenn es ihr, wie sie sagt, oft schwerfällt. Angst vor der Zukunft hat sie manchmal. „Es ist wichtig eine Portion Angst zu haben um nicht in eine Selbstgefälligkeit zu verfallen. Selbständig und angestellt zu sein ist noch einmal eine andere Hausnummer. Die innere Uhr läuft ein bisschen anders, die Gedanken sind andere. Dann bin ich froh, dass ich so tolle Mitarbeiter habe, die dann sagen mach mal eine Woche Urlaub. Und hey, es läuft alles gut“. Ihr südamerikanisches Temperament hat sie beibehalten. So wie ihre Eltern darauf achteten, dass alle Kinder zuhause deutsch sprachen, spricht sie mit ihren Kindern zuhause nur spanisch. „Das muss sein. Sie sind Deutsche mit venezolanischen Migrationshintergrund.“

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Ein Kommentar

  1. Ruthmarie Goerke-Matthysse

    Ich habe 55 Jahre in Venezuela gelebt (1948 – 2003). Mein Vater war vor Hitler geflohen (1937) weil er aktiv gegen Ihn gearbeitet hatte und 3X im KZ landete.
    Wer interessiert ist, kann mein Buch „On Wings of Hope – from Berlin to Caracas“ lesen. (Es wird im Moment ins Deutsch übersetzt.)
    Eigentlich waren die Jahre in Venezuela die besten Jahre meiner Familie – sowie auch des Landes.

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