300 Jahre Barockkloster St. Mang in Füssen

Mit „Politik“ bezeichnet man die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen. So hielt es bereits der griechische Philosoph Aristoteles vor vielen Jahrhunderten fest. Mit solchen „verbindlichen Entscheidungen“ mussten sich auch die Klosterbrüder von St. Mang immer wieder auseinandersetzen. Dabei strebte der Orden, ganz nach dem Vorbild anderer Benediktinerabteien, immer danach reichsunmittelbar zu sein und nur den Kaiser als weltliches Oberhaupt im Klosterland anzuerkennen. So geriet das Füssener Kloster auch immer wieder in einen Loyalitätskonflikt mit dem Hochstift Augsburg und seinem Fürstbischof. Dieser Konflikt beherrschte sowohl das politische wie auch das kulturelle und wirtschaftliche Dasein des Klosters bis zur Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts.

Füssen als geographische Schlüsselstellung

Das Kloster St. Mang zählt zu den frühen Klostergründungen des neunten Jahrhunderts, dessen kirchlich-seelsorgerische Ursprünge sogar noch älteren Datums sind und auf die Missionswirksamkeit des Klosters St. Gallen im Bodensee- und Alpenraum zurückgehen, personifiziert durch das Wirken des Heiligen Magnus, der in Füssen im achten Jahrhundert 25 Jahre gelebt haben soll. „Gegründet wurde das Kloster zwischen 817 und 860 als sogenanntes bischöfliches Eigenkloster“, erklärt Füssens Museumsleiter Dr. Anton Englert. „Hinter der Gründung standen aber vor allem auch machtpolitische Interessen. Denn für den Augsburger Bischof war der Lechübergang bei Füssen ein wichtiger Standort an der Fernstraße und ehemaligen Römerstraße Via Claudia Augusta zwischen Augsburg und Oberitalien.“ Genau hier liegt auch ein gewisser Zusammenhang zur Politik Karls des Großen, der sein fränkisches Reich in alle Richtungen ausweitete und wie schon seine Vorfahren darauf setzte, mit der römischen Kirche zusammenzuarbeiten. „Die Frankenherrscher standen damit für den römisch-katholischen Glauben nördlich der Alpen ein“, so Englert weiter. „Karl der Große wurde zu einem Schutzherren des Papstes, der ihn Weihnachten 800 zum Dank für seine Dienste zum ersten Kaiser des Westens seit dem Fall des weströmischen Reiches krönte. Mittelalterliche Klöster wurden, um sich selbst versorgen zu können, von ihren adligen Stiftern mit Ländereien und der dazugehörigen Landbevölkerung reich versehen. Damit erhielten die Äbte zwangsläufig eine Doppelfunktion aus geistlicher und weltlicher Herrschaft. Die Klöster waren ein aktiver Teil des gesamten Machtgefüges.“

Füssen war kurzzeitig evangelisch

Das wurde besonders deutlich, als es Kaiser Heinrich VII. im Rahmen seines Italienfeldzuges im 14. Jahrhundert an Ausrüstung und Soldaten mangelte und er sich kurzerhand entschloss, die Vogtei über seine neue Reichsstadt Füssen und das Kloster St. Mang an den Augsburger Bischof zu verpfänden, der seitdem auch disziplinarischen Einfluss auf das Kloster ausübte. . Nach dem Tod des Kaisers 1313 in der Nähe von Siena wurde das Pfand nämlich nie wieder eingelöst. Einer der Tiefpunkte des Benedidiktinerstifts St. Mang kam im Jahr 1546, als schmalkaldische Truppen Füssen einnahmen, das Kloster plünderten und in der Stadt den lutherischen Gottesdienst einführten, was St. Mang für drei Monate zu einem protestantischen Gotteshaus machte. Kurz darauf gelang es dem Augsburger Fürstbischof aber, dies wieder rückgängig zu machen. Nach dem 30-jährigen Krieg wurde das Kloster schließlich dann immer wohlhabender, was die Grundvoraussetzungen für den Neubau der Klosteranlage und für die lang ersehnte für eine Unabhängigkeit vom Hochstift Augsburg schuf.
Im Gegensatz zum reichen Nachbarstift Ottobeuren konnte die Füssener Abtei die Reichsunmittelbarkeit vor Gericht nie erreichen. Die Augsburger Fürstbischöfe verblieben bis zur Säkularisation von 1802/03 am längeren Hebel und griffen im Laufe der Geschichte immer wieder regulierend, strafend oder auch fördernd in das Geschehen in St. Mang ein. „Dazu gibt es auch einige Aufzeichnungen“, erzählt Anton Englert. „Die Äbte mussten den Bischöfen huldigen und auch steuerliche Abgaben zahlen. So ist unter anderem die Rede von einer umfangreichen Kornpfändung von 361 Metzen Korn, die der hochstiftische Stadtvogt im Jahr 1777 im heute noch erhaltenen Zehntstadel in Eschach veranlasste, um die Wirtschaftskraft von St. Mang bewusst zu schwächen. In Verfallszeiten des Klosters bestimmte das Hochstift Administratoren, die die Abtei wirtschaftlich konsolidierten und geistlich erneuern sollten oder setzte Äbte ein. So mussten sich die Füssener Äbte immer nur mit einer beschränkten Herrschaft zufrieden geben.

Klosterbau als Machtdemonstration

Über 900 Jahre nach der Gründung des Klosters gab der Architekt Johann Jakob Herkomer der über die Zeit entstandenen Anlage schließlich ein repräsentatives Gesicht, das seitdem auch das Bild der Stadt prägt. Diese Prachtentfaltung sollte einerseits den Gottesstaat auf Erden darstellen, andererseits sollte der Bau aber auch die Autorität der Bauherren, der Äbte Gerhard Oberleitner und seines Nachfolgers Dominikus Dierling zur Schau stellen. Vermutlich machte die großzügige Architektur des Klosters auch Eindruck auf Papst Pius VI., als er auf seiner Rückreise von Deutschland nach Italien im Mai des Jahres 1772 in Füssen Station machte. „Diese Episode unterstreicht auch das Thema Kloster und Welt“, sagt Englert. „Denn zu dieser Zeit regierte der habsburgerische Kaiser Josef II., der unter anderem die Benediktiner dazu verpflichtete, in seinem Herrschaftsgebiet für Bildung zu sorgen. Allerdings griff er mit seinen Reformen weit in die Rechte der Kirche ein, was den Papst dazu bewegte persönlich nach Wien zu fahren, um mit dem Kaiser zu sprechen. Auf seiner Rückreise über Augsburg kam der Papst schließlich durch Füssen, wo ihn der Abt des Konvents beherbergte. Das war ein großer Tag für die Füssener. Aus dem Erker an der Südseite des Klosters heraus, gab der Papst Tausenden von Einheimischen seinen Segen.“ Bedenkt man, wie gut das Klostergebäude und die Stadt die folgenden Kriege überstanden haben, hält der Segen anscheinend bis heute an.

Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Wüst: Kaiser, Fürstbischof und Abt: Das Kloster St. Mang und seine Politik
Mittwoch, 27. 09. um 19 Uhr im Colloquium des Barockkloster St. Mang

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