Stammtisch-Geschichten

Es ist früher Abend. Die kleine Pizzeria in Schwangau ist gut gefüllt. Giovanni, der italienische Wirt, sagt mir: „Heute feiern wir Brunos Geburtstag“. Bruno ist ein älterer Herr. Er sitzt am Tresen, vor ihm ein Glas Weisswein und ein Salat. Er blickt nicht hoch – konzentriert schaut er auf seinen Teller und führt die Gabel zum Mund. 88 Jahre ist der gebürtige Füssener geworden, der beim EV Füssen Spieler war. 

Giovanni hat einen Kuchen gebacken. Eishockeyschläger, Puk und Tor aus Schokolade zieren die große Torte. „Ich backe für jeden vom Stammtisch einen Kuchen“, sagt er ganz selbstverständlich. Bruno Köpf weiß nicht, dass sie Alle wegen ihm gekommen sind und er gleich einen Kuchen mit Kerzen bekommen wird. In letzter Zeit ist er ein wenig vergesslicher geworden und manchmal passiert es, dass er das eine oder andere wiederholt. Seine Freunde wissen das und vieles mehr aus seinem Leben. „Er hat eine eigene Mode-Kollektion gehabt“, erzählt Chris, der mittags immer auf einen Sprung in sein Lieblingslokal vorbeischaut. Zwei Häuser soll er in Italien gehabt haben und mit Willy Bogner sei er auch bekannt gewesen, erzählen sie am Stammtisch. „Ich hatte die Generalvertretung einer italienischen Modefirma in Deutschland und da hatte ich mit vielen zu tun gehabt, auch mit Willy Bogner.“, stellt Bruno Köpf dar. Er erzählt, als ob es ges-tern gewesen wäre „…da gibt es so viele Geschichten. Da könntest Du Memoiren von mir schreiben.“, sagt er und lacht. „Bruno, hast Du der Frau erzählt, dass Du Italienisch sprichst?“, fordert ihn Giovanni auf, mir seine Italienisch-Kenntnisse zu demonstrieren… Es ist eine schöne Atmosphäre. Ein bunt gewürfelter Haufen Stammtischler und mittendrin das Geburtstagskind. Einige sehen sich zwei Mal am Tag. „Es ist unser Anlaufpunkt, kurz mal einen Espresso trinken oder etwas essen.“, beschreibt Chris. Melissa, die eigentlich Kübra heißt, ist früher jeden Mittag und Abend zum „Giovanni“ gegangen. „Weil ich wieder in Füssen arbeite, komme ich nur noch abends zum Stammtisch.“, erzählt sie.

Als Bruno zu erzählen beginnt, ist es ruhig in der Gaststube. „Wenn die jungen Leute heute verreisen, dann ist es die Karibik. Als wir damals in die Schweiz fuhren, war das eine Weltreise. Es war etwas ganz Besonderes.“, erzählt er. Er versinkt in Gedanken, um gleich wieder weiter zu erzählen über das Mädchen aus Davos, deren Stiefvater ins Zimmer sprang, gerade da, als sie sich etwas näher kommen wollten, und mit einer Pistole auf ihn zielte. Später, im Laufe des Abends, fällt ihm die Geschichte immer wieder ein. „Das könnt ihr Euch nicht vorstellen. Plötzlich zielt einer auf Dich.“, schüttelt er den Kopf, so, als ob er die Erinnerungen damit verscheuchen könnte.

Fast täglich kommt Bruno Köpf in sein Stammlokal, trinkt einen Viertel Liter Weisswein und isst am liebsten Nudeln. Früher, so erzählt er, gehörte er zu den besten Eishockeyspielern. „Es gab ja damals keine andere Sportart. Skifahren war teuer und Skilifte gab es so gut wie keine. Und unser Elternhaus war ja gleich in der Nähe des Eishockeyplatzes.“ Ich will wissen, ob er ein Frauenschwarm war? Er lächelt und grinst. „Das sagt wohl alles.“, meint Ferdinand, auch ein guter Freund von ihm. Ja, manchmal braucht es eben keine Worte. Eine große Liebe hatte der rüstige Rentner dennoch: Seine Minnie, die Wilhelmine hieß, und eine geborene Fink war.

Giovanni hat viele Stammgäste. Sie kommen von überall her. Dabei ist „Giovanni’s“ nicht wirklich eine Pizzeria und mit seinem rustikalen Inventar erst recht kein Allgäu- er Lokal. „Giovanni`s“ bietet seinen Gästen eine hervorragende, italienische Küche. „Manchmal sind die Gäste überrascht, weil sie das hier nicht so erwarten. „Und sie kommen dann wieder.“, erzählt der Vater zweier Söhne. Sein Restaurant war das erste italienische in Schwangau und der näheren Umgebung. Verändert hat sich an seiner Küche, was die Qualität anbetrifft, in all den Jahrzehnten nichts. Noch immer bezieht er seine Produkte aus Italien, egal ob Fisch, Mehl oder manches Gemüse, Weine und Milchprodukte. Seine Gäste danken es ihm und natürlich seine Stammtischler. „Das ist eben ein richtiger Italiener und seine Nudeln sind die besten.“, bekräftigt Bruno Köpf. Er muss es wissen, schließlich kommt er seit 20 Jahren fast täglich ins „Giovanni’s“.

Text · Bild: Sabina Riegger

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