Die Gedanken bestimmen unsere Welt

Es war der 18. September 2015. Für Ottilie Ledermann und ihre Familie wird das Datum für immer in Erinnerung bleiben. Es war der Tag, als sie ein Möbel-Lastwagen vom Fahrrad schmiss. Sie trug gerade an diesem Tag keinen Helm. Die Riemen waren ihr zu lang und sie wollte sie kürzen lassen. Schließlich sollte der Helm passen. Was dann passierte, weiß sie nicht mehr. Sie kann sich an den Unfallhergang nicht mehr erinnern. Sie lag im Koma und die Prognosen waren nicht gut. „Die Ärzte sagten, dass sie vielleicht im Rollstuhl sitzen wird und sich ihr Wesen verändern könnte“, erzählt ihr Mann Dieter Ledermann. „Ich habe mir zig Mal vorgesagt, dass alles wieder gut wird. Und so ist es auch geschehen. Wenn ich weinte, dann nicht aus Zorn und Wut, sondern immer dann, wenn ich die kleinen, manchmal winzigen Schritte, gesehen habe, die Otti machte. Ich war dankbar.“

Heute geht es ihr gut. Ottilie Ledermann kann wieder Auto und Fahrrad fahren. Die Übelkeit ist weg und sie kann ihr Gleichgewicht wieder halten. „Meine Neuropsychologin hat gesagt, dass ich mein Gehirn trainieren muss und das mache ich auch. Kreuzworträtsel und Sudoku gehören zu meinem Alltag dazu. Und wenn ich mir etwas nicht merken kann, dann baue ich Eselsbrücken“, lacht sie. Ottilie Ledermann lacht viel und erzählt vom vielen Spazierengehen und das sie gerne anderen Menschen helfen. Barmherzigkeit und Nächstenliebe sind für die Beiden keine Fremdwörter.

„Eine kleine Unaufmerksamkeit und schon kann es das Leben verändern. Wir haben Mitgefühl mit ihm. Es muss für ihn schwierig sein, damit zu leben.“

Dem Möbelwagen-Fahrer haben sie schon längst verziehen, wenn man das überhaupt so sagen kann. „Für ihn war es sicher auch sehr schlimm. Jedem Fahrer kann so etwas passieren. Eine kleine Unaufmerksamkeit und schon kann es das Leben verändern. Wir haben Mitgefühl mit ihm. Es muss für ihn schwierig sein, damit zu leben“, so die Füssenerin. Der Unfall hat die zweifache Mutter dennoch geprägt. „Ich habe mich selbst gesehen, wie ich da lag. Irgendjemand sagte, dass es noch nicht Zeit ist zu gehen. Ich schwebte nicht, sondern saß mir gegenüber und dann wurde ich ins Leben wieder zurückgeschubst“, berichtet sie. Ottilie Ledermann ist nicht die Einzige, die am Rande des Todes solche Nahtoderfahrungen erlebt hat. Wissenschaftlich ist es nicht belegbar, aber man kann es auch nicht leugnen. Etwa vier Millionen Deutsche haben solche Erfahrungen schon einmal in einer lebensbedrohlichen Situation erlebt. Der britische Kardiologe Sam Parnia interviewte 140 reanimierte Herzpatienten, von denen neun Nahtoderfahrungen hatten.

Was andere über sie denken, interessiert Ottilie Ledermann nicht. „Ich lebe nach meinem Gefühl. Es ist in mir“, meint sie freundlich. Dass sie spirituell ist und das sie an ein Leben nach dem Tod glaubt, lässt manche vielleicht komisch schauen. Die Erfahrung hat sie noch etwas empfindsamer gemacht, als sie eh schon war. „Der Unfall hat mein Gefühlszentrum erwischt, vielleicht liegt es auch daran“, versucht sie zu erklären, warum sie noch offener und fröhlicher die Welt betrachtet. Dieter Ledermann bringt es auf den Punkt: „Es sind unsere Gedanken, mit der wir unsere Welt erbauen.“

Text · Bild: Sabina Riegger

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