Konfrontationstherapie

Vor vielen Jahren stand in München ein Haus. Aber es war nicht irgendein Haus. Es war ein Haus, das von 15 Studenten zu einer WG umfunktioniert wurde. Es gab einen Tennisplatz und Pool. Wobei der Pool leer und von Moos befallen und der Tennisplatz verwildert und nicht bespielbar war. Das Haus war groß, hatte aber nur ein Gemeinschaftsbad und eine Wohnküche – das Herzstück des Etablissements. In der Wohnküche stand eine wild gemusterte Ausklappcouch mit Samt-Ornamenten und Lederimitat auf den Sitzflächen. Sie gehörte früher Ronnys Oma aus Bulgarien. Jetzt war sie Ronnys. Alle liebten die Couch. Einer davon: Mein Mann. Auch wenn sie muffig, fleckig und von den Küchenpartys gezeichnet war.

Die Couch, die Haus-WG und ich: Uh, das wäre böse geworden. Das weiß ich genau. Mein Mann auch. Und manchmal erinnert er mich „liebevoll“ an den Grund. Wie jetzt, beim Wäscheaufhängen:
Ich sage: „So wie du das machst, sieht das nicht schön aus!“
Er sagt: „Macht nix. Trocknet trotzdem!“

Mein Mann findet, ich sei zu ordnungsliebend und strukturiert und manchmal sei ich auch pedant. Um es auf den Punkt zu bringen: er sagt dann, ich sei sein „Korinth.“ Das ist nur die Verniedlichung von „Korinthenkacker!“ Aber er hat Recht. Das ist die Wahrheit. Ich bin ein Korinthenkacker, dem wichtig ist, dass die Wäsche beim Trocknen „schön“ aussieht.

Man sagt doch „Leben und leben lassen“- und deswegen versuche ich das irgendwie einzuhalten. Für mein Karma. Für den Frieden am Wäscheständer. Also nehme ich hin, dass er die Wäsche weiter auf links gedreht und unordentlich aufhängt. Ich sehe das Übel. Aber ich bleibe ruhig. Ruhig. Ganz ruhig…

Aber was macht er jetzt? Okay, bleib ruhig. Sag nichts. Noch kann er das Ruder ja rumreißen. Ich mache die Augen zu. „Bitte, bitte, nimm die Wäscheklammer“ hoffe ich leise. Ich mache die Augen wieder auf, aber da ist keine Wäscheklammer auf dem Schlüppi. Also, jetzt reicht es:
„Sag mal, siehst du nicht, was du da Hässliches mit meinem Schlüpper machst?! Mach das schön- mit Klammer!“

Hat er nicht gemacht. Aber er hat mich fest in den Arm genommen und gesagt: „Ja, das ist jetzt hart für Dich. Aber du musst es aushalten. Klammer hin oder her – der Schlüppi kann auch hässlich trocknen!“

Er hat Recht. Es ist hart. Aber ich weiß: Die Konfrontationstherapie, das ist Liebe.

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