Grundwerte kennen keine Grenzen des Glaubens

Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit sind religionslos

Das Osterfest stellt den Höhepunkt im kirchlichen Jahreskalender dar. Gerade zu dieser Zeit besinnen sich Katholiken, Protestanten und orthodoxe Christen auf die Grundwerte ihres Glaubens. Es geht um Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Frieden und vor allem um den gegenseitigen Respekt untereinander. Zwar gibt es unterschiedliche Auffassungen und Ansichten von der Schöpfung, allerdings kennen die angesprochenen Grundwerte und Eigenschaften keine religiösen Grenzen.

Die Geschichte beginnt im 3500 Kilometer entfernten Damaskus, einer der ältesten noch immer bewohnten Städte dieser Welt, im kulturellen und religiösen Zentrum des Orients. Es ist die Heimat der Familie von Meissoun, Jamal, Khaled, Assad und Diana, die aus Angst um ihr eigenes Leben vor gut drei Jahren ihr Zuhause verlassen mussten. Angefangen hatte es nur mit ein paar wenigen Soldaten, die in der Stadt umher patroulierten. Dann wurde es immer mehr Militär, auch die harten und ausführlichen Kontrollen in der Bevölkerung nahmen zu, bis irgendwann die ersten Schüsse und Bomben fielen. „Es wurde immer gefährlicher hinaus auf die Straßen zu gehen“, erinnert sich Khaled. „Wenn Du in Damaskus kontrolliert wurdest, aber in Homs geboren bist, haben sie Dich gleich mitgenommen, weil sie nicht wussten, zu welcher Seite Du gehörst.“ So beschloss Jamal die Zelte für seine Familie in der Heimat Syrien ganz abzubrechen, um die Chance wahrzunehmen, vielleicht in Europa ein neues, ein besseres, vor allem aber ein sichereres Leben aufzubauen.

Damaskus – Germany in zwei Monaten
Jamal stammt aus Homs, der antiken Stadt Emesa, die durch den Bürgerkrieg in Syrien zu großen Teilen zerstört wurde. „Wir haben uns in jungen Jahren kennengelernt“, erzählt seine Ehefrau Meissoun, „ich war damals achtzehn, wir lebten zuerst einige Jahre in Latakia, einer großen Hafenstadt am Mittelmeer, wo mein Mann fast zehn Jahre als Bauarbeiter beschäftigt war, bis wir dann nach Damaskus umgezogen sind“. Das Leben in der syrischen Hauptstadt beschreibt sie als impulsiv und aufregend, als „großes Miteinander“, trotz der verschiedenen Kulturen und Religionen. Immerhin sind rund drei Millionen Menschen unterschiedlichster Herkunft in dem Ballungsgebiet beheimatet, darunter Kurden, Armenier, Aramäer, Griechen sowie Türken oder Palästinenser. „Die Menschen dort helfen sich untereinander und passen gegenseitig auf sich auf“, sagt Meissoun. „Aber als der Krieg dann kam, wollten wir nur noch weg.“

Vater Jamal machte sich im Sommer 2014 zusammen mit dem ältesten Sohn Khaled als erster auf den langen und strapaziösen Weg nach Deutschland, die Mutter sollte dann etwas später mit dem mittleren Sohn Assad und Tochter Diana nachkommen. „Bis auf sehr wenige Dinge haben wir so gut wie alles in Damaskus zurückgelassen, es musste schnell gehen.“ Die beschwerliche Reise verlief mit dem Auto über den Libanon und den Sudan bis nach Libyen und von dort aus nach Italien. Hunderte Kilometer durch die Wüste, allein drei Wochen benötigten sie für die Fahrt durch die Sahara, ausgerüstet mit wenig Wasser und ein paar Nahrungsmitteln. Die Überfahrt mit dem kleinen Schlauchboot, das sie von Libyen aus durch das Mittelmeer aufs europäische Festland brachte, dauerte insgesamt drei Tage. Jamal kam nach seiner Ankunft direkt in die Gemeinde Schwangau, Sohn Khaled dagegen wurde zuerst in Dortmund registriert, reiste dann aber auch weiter zu seinem Vater. Etwa ein halbes Jahr später machte sich dann Meissoun mit Assad und Diana auf den Weg, am Münchener Bahnhof haben sich schließlich alle wiedergefunden. „Das war ein so unbeschreiblicher Moment, vor allem nach dieser langen Reise und den Strapazen“, so die Mutter.

Hinzu kommt, dass Tochter Diana seit ihrer Geburt an einer schweren geistigen Behinderung leidet, die mit psychischen und motorischen Entwicklungsverzögerungen verbunden ist. Die lange Reise nach Europa hat sie dennoch gut überstanden. Einquartiert wurde die Familie anschließend in einer Ein-Zimmer Wohnung in Füssen, in der sie bis vor wenigen Monaten lebte. „Alles war neu für uns“, erzählt Meissoun. „Die Menschen, die Umgebung, die Natur, das Essen, so viele neue Eindrücke. Und wir spüren hier eine Sicherheit, man kann sich trauen, auf die Straße zu gehen. Hier haben uns auch so viele Menschen geholfen, das ist unglaublich.“ Betreut wurde die Familie von Anfang an durch Mitglieder des örtlichen Arbeitskreises Asyl. „Das war eine sehr große Hilfe für uns“, freut sich Khaled. „Die Menschen haben uns geholfen Deutsch zu lernen, Anträge auszufüllen oder haben uns erklärt, worauf wir hier in Deutschland überhaupt achten müssen.“ Auch eine Arbeit konnten Jamal und Khaled bereits finden, beide sind bereits seit über einem Jahr in der Küche eines größeren Betriebes beschäftigt, in dem Khaled ab dem kommenden Jahr auch eine offizielle Ausbildung zum Koch beginnen kann.

Enorme Hilfsbereitschaft bei Spendenaktion im Internet
Rund zwei Jahre lang musste die fünf-köpfige Familie in einer kleinen Einzimmerwohnung verbringen, die Suche nach einer größeren Wohnung war alles andere als leicht. Vor gut einem Monat fanden Jamal und Meissoun im Füssener Westen dann endlich eine passende Vier-Zimmer Wohnung. Was dann passierte, war schnellste Hilfe auf dem direktesten Weg. Um das gefundene Appartement einzurichten, starteten die einheimischen Betreuer einen Aufruf im Internet. Über die Seite „Du kommst aus Füssen, wenn…“ kam so innerhalb von nur wenigen Tagen eine komplette Wohnungseinrichtung zusammen. Vom einfachen Regal über ein Schlafzimmer oder eine Wohnzimmercouch bis hin zum Flachbildfernseher war nahezu alles dabei. Die Hilfe lief so schnell und unkompliziert ab, wie es nur möglich war, viele Stücke wurden von den Spendern sogar angeliefert. Keine Fragen nach dem Warum, nach einer Nationalität oder einer Religionszugehörigkeit wurden gestellt, es ging einzig und allein darum, Menschen zu helfen, die Hilfe benötigen. „Deutschland ist ein unglaublich schönes Land“, versucht Meissoun, die das Oberhaupt der syrischen Familie darstellt, das Erlebte in Worte zu fassen. „Wir hatten nichts, als wir hier her gekommen sind, seit zwei Jahren geht es uns Stück für Stück immer besser. Wir sind glücklich und unendlich dankbar.“ Dankbar für gelebte Grundwerte wie Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, die keine Grenzen des Glaubens kennen. Das sollte uns gerade jetzt zu Ostern bewusst werden.

Text: Lars Peter Schwarz

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