Natürlich gebären

Und vorher „Guter Hoffnung“ statt „in anderen Umständen“

Der Verlauf der Geburt ist für das weitere Leben von Mutter und Kind von großer Bedeutung. Eine schöne Geburtserfahrung stärkt laut Hebamme Kristina Rumpel aus Würzburg Frauen in ihrem weiblichen Selbstverständnis als Mutter und weit darüber hinaus. Die Bedeutung der Geburt für das Leben des Kindes steht ausser Frage.

Die meisten Frauen wünschen sich laut Umfragen ihr Baby aus eigener Kraft zu gebären. Tatsächlich ist dies aber nur selten der Fall. In Deutschland verlaufen nur noch sieben Prozent der jährlich ca. 700.000 Geburten natürlich, das heißt ohne Manipulation von außen und gemäß ihren eigenen Gesetzen. Bemerkenswert ist auch die Rate an Kaiserschnittentbindungen. In Deutschland liegt sie ca. bei 30 %, in Brasilien beispielsweise deutlich höher, in den Niederlanden dagegen bei nur ca.10 %. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält in Europa eine Rate von maximal 15 % für gerechtfertigt.  Die Geburt als das Wunder des Lebens hat ihren eigenen Rhythmus, lässt sich nicht standardisieren und ist ebenso einzigartig wie jeder Mensch. Sie erfordert Vertrauen, Geduld, Achtsamkeit und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Eine glückliche, stressfreie Schwangerschaft  und eine positive Ausrichtung auf eine kraftvolle Geburt in Freude ist die halbe Miete für einen sicheren, schönen Start ins Leben.

Optimal begleitet kann eine Frau die Zeit ihrer Schwangerschaft nutzen, um all diese Qualitäten zu entwickeln. Medizinisch gut versorgt, in einer behüteten, liebevollen Umgebung, von Hormonen und der Vorfreude auf das Kind unterstützt, kann es gelingen, sich voll Vertrauen in die eigene Kraft auf eine Geburt einzulassen. Leider ist bei vielen Frauen heutzutage Angst die bestimmende Emotion im Hinblick auf die Geburt. Ein Spannungsfeld zwischen Vertrauen in Technik und Körpergefühl. Schwierige Lebenssituationen, instabile Beziehungen und ein riesiges Informationsangebot im Internet tragen ebenso dazu bei, wie die Angst vor einer existentiellen unausweichlichen Erfahrung. Schwangere haben eigentlich neun Monate Zeit, sich auf dieses Wunder des Lebens einzulassen, die ja auch dem Tod sehr nahe ist. Sie werden medizinisch optimal versorgt, mitunter sogar dadurch verunsichert, erhalten aber kaum Unterstützung, um sich mit ihren eigen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen auseinanderzusetzen und die Freude auf ein Baby entspannt zu geniessen. Das allerdings wäre ein ganz wertvoller Beitrag zur Vorbereitung einer natürlichen Geburt und im glücklichen Fall eine urweibliche  Erfahrung, die sich viele Frauen vorher nicht im Entferntesten vorstellen konnten und keinesfalls missen möchten. Verläuft die Schwangerschaft normal und gibt es keine ersichtlichen Geburtsrisiken, spricht nichts gegen eine Geburt, die ohne Einfluss von außen beginnt, es werden weder Wehen- noch Schmerzmittel oder Narkosen benötigt, solange es Mutter und Kind gut geht. Ein sinkender Blutzuckerspiegel des Kindes gibt normalerweise das Signal zum Einsetzen der Wehen. Diese erreichen dann die erforderliche Stärke, um den Muttermund zu dehnen das Kind durch den Geburtskanal zu schieben, wenn genügend Oxytocin im Körper gebildet wird. Oxytocin löst die Wehen und die Milchbildung aus, beeinflusst das Schmerzempfinden, ist aber auch von immenser Bedeutung für jegliche Bindung.

Eine enge Verbindung zwischen Mutter und Kind, die es in der Schwangerschaft auf seelisch-emotionaler Ebene zu nähren gilt, besteht schon ab dem 13. Tag nach der Befruchtung, wenn sich die Nabelschnur ausbildet. Sie kommt beim Neugeborenen in Gang durch die Oxytocinausschüttung. Durch ungestörten Hautkontakt zur Mutter unmittelbar nach der Geburt wird eine starke körperliche und emotionale Hinwendung zum Kind möglich. Es erfährt eine Kontinuität der Zugehörigkeit und sichere Bindung. Narkosen oder Schmerzmittel unter der Geburt beeinflussen die Bildung von körpereigenem Oxytocin und somit auch deren Effekte auf Mutter und Kind. Per Kaiserschnitt Geborene brauchen nach der Geburt häufiger Sauerstoff, ihr Asthmarisiko ist erhöht, ebenso das für Diabetes Typ I. Ihnen fehlt durch die Entbindung in einem sterilen Operationssaal die Grundlage für ein intaktes Immunsystem, das sogenannte „Imprinting“, also das Aufnehmen der mütterlichen Scheidenbakterienflora, die sich mit Keimen in ihrer Umgebung bestens auskennt und das Neugeborene schützt.

Also von der Vorsorge zurück zur Vorfreude? Ja. Eine gut begleitete vertrauensvolle Vorbereitung auf die Geburt kann in keinem Fall schaden, ebenso wie mehr Zugang zu Körpergefühl und eigener weiblicher Kraft bei vielen. Die Begleitung einer Hebamme während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, die nährende Umgebung von erfahrenen Frauen, die Versorgung durch Kliniken und Ärzte sowie verschiedene Yoga-, Atem-, Dehnungstechniken und vieles mehr können diese wunderbare und so prägende Zeit begleiten. Der Beginn eines neuen Lebens verdient es, möglichst liebe- und friedvoll zu sein.

Text: Judith Schwarzenbach  (Ärztin für Gynäkologie, klassischer Homöopathie und  Informationsmedizin)
praxis@wisse-die-wege.de

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